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Die Schweiz: ein kleines Land in den Bergen ohne Hafen

Mitte des 19. Jahrhunderts. Japan gibt die frei gewählte Isolation auf und öffnet seine Grenzen. Es ist bemüht, internationalen Anschluss zu bekommen und empfängt Botschafter aus aller Welt. Auch Schweizer kreuzen auf – und bringen die japanische Regierung in grosse Verlegenheit. Was das sei, die Schweiz. Nachforschungen ergeben, dass die Schweiz für das Inselland Japan völlig ungefährlich ist: Ein kleines Land in den Bergen ohne Hafen.

An diese historische Begebenheit muss ich denken, wann immer über das Minarettverbot diskutiert wird. Und es wird viel diskutiert, nicht nur in der Schweiz. Dabei kommt es mir vor, gewisse Gruppierungen in der Schweiz seien dabei, ihr Land neu zu definieren, wenn nicht gar neu zu erfinden: Ein Land in den Bergen ohne Minarette. Und ich frage mich: Soll das in Zukunft zusammen mit der Reduit-Mentalität das typisch Schweizerische sein? Ist das die Antwort auf die gesellschaftlichen Veränderungen durch die Zuwanderung von Menschen fremder Kulturen und Religionen? Werden wir, da wir die sichtbaren Zeichen ihrer Präsenz verbieten, den rund 400 000 Muslimen in der Schweiz gerecht? Ich meine: Nein. Nicht Ausgrenzung ist angesagt, sondern Integration. Nicht Angst, sondern Mut. Nicht Verdrängung, sondern Dialog.

„Dialog der Kulturen“ lautete der Titel eines Referats, das ich in einer Kirchgemeinde halten durfte. Im anschliessenden, anregenden Gespräch tauchte plötzlich die Frage auf: "Wie viel Dialog verträgt der Mensch?" Es gibt Fragen, die mehr auslösen und mehr bedeuten als lange Ausführungen. Dies war eine solche Frage. Wer so fragt, will sagen: Aufgepasst! Ein Dialog, der zu eifrig vorangetrieben wird, könnte in Fremdenfeindlichkeit und Fremdenhass umschlagen. So gesehen ist die Frage berechtigt. Hinter ihr steht die Sorge, die eigenen Werte und damit die kulturelle Identität zu verlieren: Wer sind wir? Wer sind wir neben Menschen anderer Kulturen und Religionen, die nicht mehr nur in fernen Ländern und Kontinenten wohnen, sondern mitten unter uns und zwar gleichwertig und gleichberechtigt?

Wie viel Dialog verträgt der Mensch? So verständlich diese Frage ist, so falsch und gefährlich ist sie. Wer den Dialog verweigert, neigt dazu, auf Menschen fremder Religionen und Kulturen herabzuschauen, sie zu beurteilen oder gar zu verurteilen und die eigene Sicht der Welt als die einzig richtige anzusehen. Dialogverweigerung: Bis hierher und nicht weiter! ist bereit Nationalismus und Fundamentalismus – und führt nicht erst dazu.

Die Argumente, Fundamentalisten gebe es vor allem in anderen Religionen und einige islamische Staaten würden den Bau von Kirchen verbieten, verfangen nicht. Wo sollen “die anderen“ Toleranz lernen, wenn nicht bei uns, die wir uns als aufgeklärt verstehen und wohl auch sind? Warum sollen wir Unzulänglichkeiten anderer Gesellschaften bei uns wiederholen? Es gibt für uns keine Alternative zum interkulturellen und interreligiösen Dialog.

Im Jahre 2020 wird es in der Schweiz, so nehme ich an, wieder eine Abstimmung zum Thema Integration geben. Noch einmal werden sich Schweizer und Schweizerinnen mit der Frage konfrontiert sehen, ob sie Angst haben vor Kuppeln, Tempeln und Minaretten. Ich bin sicher, die Antwort wird ein Nein sein, denn „das Volk“ wird bis dann gelernt haben, dass Integration nicht bedeutet, Unterschiede zu beseitigen, sondern sie zu feiern. Und dass Offenheit und die Bereitschaft, den Fremden zu begegnen und von ihnen zu lernen, uns nicht ärmer, sondern reicher machen.

Niklaus Brantschen SJ, Bad Schönbrunn


Sonntagskolumne Südostschweiz, 7. Januar 2009


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