Papst Franziskus schweigt in Auschwitz

Papst Franziskus schweigt in Auschwitz

Der polnische Papst Johannes Paul II. trat 1979 durch das Tor des Vernichtungslagers Auschwitz und betonte, er komme als Pilger. 2006 durchschritt Papst Benedikt XVI. aus Deutschland dasselbe Tor und sagte in seiner Ansprache, eigentlich würden ihm die Worte fehlen; an einem solchen Ort müsse man schweigen. Nun kommt Papst Franziskus vom anderen Ende der Welt und setzt um, was seine beiden Vorgänger sagten: Er kommt allein und zu Fuss, wie es sich nach Johannes vom Kreuz für einen Pilger gehört - und er schweigt. Nicht weil er nichts zu sagen hätte, nicht weil er verstummt wäre, nicht weil er verdrängen will, sondern weil schon viel – zuweilen wohl auch zuviel – gesprochen und geschrieben wurde. Hatte Johannes Paul II. Ende der 70er Jahre mitgeholfen, das unvorstellbar banal-brutale Morden der Nationalsozialisten zu benennen, so setzt Franziskus heute auf aufmerksame Zuwendung. In der liebenden Achtsamkeit kann der Restbestand der Wunde heilen, der nach allem Verhandeln zurückbleibt. So war sein stilles und einsames Sich-Hinsetzen, Verweilen und Niederknien beredt. Er betete, er meditierte, sann nach – in sich selbst gekehrt. Er schrieb ins Besucherbuch wenige Worte: «Herr, erbarm Dich über dein Volk! Herr, vergib so viel Grausamkeit!» «Verschwenderisch ergiesst man sich auf Papier. Wer aber in Stein schreibt, ist sparsam mit Lettern», formulierte die österreichische Lyrikerin Christine Busta einst treffend. Das kurze Gebet des Papstes um Vergebung ist in Stein geschrieben. Es ruft Gottes Barmherzigkeit an, die er mit dem gegenwärtigen Heiligen Jahr in der ganzen Kirche und darüber hinaus verbreiten will. Er bittet für Gottes Volk und lässt offen, wen er damit genau meint, die Juden oder die Christen – oder eben gerade beide?


Hatte Papst Benedikt in Auschwitz laut über das Leiden und über das Schweigen Gottes nachgedacht, so fragte Papst Franziskus vor zwei Jahren bei seinem Besuch in Yad Vashem, der Schoah-Gedenkstätte in Jerusalem, nach dem Menschen und seinen Abgründen. Dieser Schlund ist tiefer als Worte, die zuweilen auch heute angesichts von Terror und Menschenverachtung mehr vertuschen als aufdecken. Franziskus schwieg nun in Auschwitz vor dem Unbegreiflichen, aber auch aus Ehrfurcht vor dem Leiden, das nicht wegrationalisiert werden kann. Hass und Verachtung, Gewalt und Destruktion sind allein in der Begegnung aufgehoben. So traf der Papst Überlebende aus Auschwitz sowie Personen, die den Todgeweihten damals beistanden und halfen. Schweigen heisst zuhören. Er gab Opfern und denen, die dem Grauen trotzen, das Wort. Sie sollten der Erinnerung für alle Sprache geben. Sein eigenes Wort an Gott aber liess er den Psalmbeter und seinen jüdischen Bruder im Glauben sprechen: «Aus der Tiefe rufe ich Herr zu Dir», rezitierte der Oberrabbiner von Polen Michael Schudrich. Die Psalmen sind die Gebete, die Juden und Christen verbinden. Sie bringen seit Generationen das Leben in seinen Abgründen, aber auch in seinen Freuden vor Gott zur Sprache, unzensiert und politisch oft nicht korrekt.


In Auschwitz zu schweigen bedeutet auch, die Streitigkeiten zurückzuweisen, die sich in der Vergangenheit immer wieder an diesem Ort entzündet hatten: Haben Polen oder Juden in Auschwitz mehr gelitten? Wie einmalig ist das Leiden in der Schoah im Verhältnis zu anderen Genoziden? Wie dürfen Juden, wie Christen an diesem Ort erinnern? Diese Fragen sind menschlich berechtigt. Unberechtigt ist neuer Unfrieden darüber. Durch das Schweigen von Papst Franziskus wurde das Sprechen in seine Grenzen gewiesen. Dass es um Ehrfurcht vor dem Leben geht, haben die jüdischen Gemeinden und Autoritäten gut verstanden. Sie haben den Papst daher für seine Art des Gedenkens durchgehend gelobt. Dass ihm das Miteinander von Juden und Christen ein Herzensanliegen ist und er auch den gegenwärtigen Terror aufs schärfste verurteilt, steht schliesslich angesichts seiner Taten und Worte ausser Zweifel. Eindeutig ist sein Schweigen.

Christian Rutishauser SJ, Provinzial

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