Adventsverlust

Christian Rutishauser SJ von Christian Rutishauser SJ,

Die Weihnachtsbeleuchtung erstrahlte in den Gassen und die Weihnachtsmärkte hatten ihre Tore geöffnet, als ich am 24. November zum Sonntagsgottes ging. Wollten all die Lichter und Düfte auf meinem Weg schon auf das Christkind hinweisen? Der Kirchenkalender war noch nicht einmal beim Advent angelangt!

Am 24. November wurde das Ende des Kirchenjahres gefeiert. Nicht Totengedenken, auch nicht Allerheiligen markiert diesen Novembersonntag, von Halloween nicht zu sprechen. Das Christkönigsfest setzt den Schlusspunkt. Reich Gottes wird gefeiert. Seine Logik soll Sinnhorizont für das Leben sein. Auf seine Gerechtigkeit hin führen all die Feste im Kirchenjahr. Solche Gedanken ging mir durch den Kopf, als ich zur Kirche lief, die Predigt innerlich nochmals abschreitend, die ich gleich halten sollte.

Wohin aber wollen Weihnachtsbeleuchtung und Weihnachtsmarkt führen? Sie machen die dunkeln Abende gemütlicher und verzaubern die Städte. Allerdings nur, wenn sie nicht zu kitschig sind, nicht zu protzig auftragen. Um Weihnachten scheint es jedoch kaum zu gehen. Dann wären Weihnachtsmärkte nämlich in der Weihnachtszeit. Doch am Weihnachtsfest selbst werden sie verräumt. Noch steckt mir das Gefühl vom letzten Jahr in den Gliedern, betrogen worden zu sein, als ich am 26. Dezember durch die Bahnhofshalle Zürich lief. Der Weihnachtsmarkt war abgeräumt. Tatsächlich alles nur Geschäft? Es ist ehrfurchtslos, Menschen am Weihnachtsfest zu einer solchen Arbeit anzustellen.

Der kirchliche Kalender gestaltet die Zeit vor Weihnachten als Advent, gerade nicht voll Lichter und Düfte, sondern dunkel violett, mit vier spärlichen Kerzen, hin auf das grosse Licht. Advent ist Hinleben in Vorfreude. Advent ist stilles Sich-Ausstrecken, heisst Sich-Bereiten und Sich-Öffnen für ein Kommen, wie das Lateinische advenire, ankommen, deutlich sagt. Advent ist Zeit des Wartens, Zeit der Sehnsucht. Zukunft ereignet sich, wenn Weihnachten auf einen zukommt. Zukunft ist nicht Verlängerung der Vorbereitung. Ältere Menschen mögen in ihrer Kindheit noch erlebt haben, wie der Advent Vorfreude auf Weihnachten wachsen liess. Vor einigen Jahren habe ich die Adventszeit in Amman verbracht. Wie wohltuend die islamische Stadt ohne Weihnachtskommerz. Jeden Tag aber habe ich mit dem Gottesdienst begonnen, habe die Sehnsucht- und Verheissungstexte aus der Bibel in mich aufgesogen: Wüste, die aufblühen wird; ein Volk, das aus dem Exil nach Hause findet; ein Kind, das als Hoffnungszeichen geboren werden soll; eine Welt voll Heil und Gerechtigkeit am Horizont. Hoffnung aus dem Wort.

Doch der Advent ist abhandengekommen. Es gibt ihn nicht mehr. Gerade katholische Gegenden wie Bayern sind für den Weihnachtsmarkttourismus im Advent besonders beliebt. Es ist traurig, wenn sich Kirchen von rührseliger Winter- und Beziehungsromantik vereinnahmen lassen. Zu Beziehungen hätten sie Tieferes zu sagen, und den Winter kann man auch nicht mehr zurückzaubern. Die Dramaturgie des Kirchenjahrs dürfte nicht geopfert werden. Dem Advent gilt es vielmehr sein Recht zu geben, als Lebenswirklichkeit, als Lebensgefühl. Warten im Advent und Ankunft Feiern an Weihnachten ist Performance, die existentiell prägen will. Das Humanum wird ausgelotet in seiner Leere und seiner Fülle.

Welch Zeichen es wäre, wenn Pfarreien im Advent ganz auf Rorate-Gottesdienst setzten und auf Weihnachtskitsch verzichteten! Wenn die Geschäfte, von Christen geführt, keine Weihnachtsdekoration im Schaufenster hätten! Wenn Christen sich im Advent dem Weihnachtsmarkt entzögen, vor allem den einkaufsoffenen Adventssonntagen! Nicht dass die Kirche den Menschen in den dunkeln Tagen nicht Trost spenden sollte. Nicht dass sie das Leben nicht in aller Fülle feiern könnten. Nicht dass sie sinnenfeindlich wäre. Gerade die römisch-katholische Tradition hat dies seit je anderen Denominationen überlassen. Vielmehr dem Advent sein Recht geben, um wirklich Weihnachten feiern zu können: mit Weihnachtsbeleuchtung vom Heiligen Abend bis in den Februar hinein, wenn es sein muss. Mit Weihnachtsmärkten in den freien Tagen zwischen den Jahren. Zeit zum Einkaufen und Geschenke auszusuchen, ist über Neujahr in Fülle gegeben. An Dreikönig kann man sich gut beschenken; es muss weder Weihrauch, Myrre noch Gold sein.

Die Oberhoheit über den Kalender liegt heute in der Hand der säkularen Gesellschaft. Die Kirche könnte eine wohltuende Alternative sein. Sie bräuchte den Mut, gesellschaftlich wieder relevant sein zu wollen: Den Advent als Advent begehen und Weihnachten feiern, wenn Weihnachten ist.

Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Jesuiten in der Schweiz

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