Das anbrechende Reich Gottes – hier und jetzt?

Toni Kurmann SJ von Toni Kurmann SJ,

Ausserordentlich ist der diesjährige Weltmissionsmonat Oktober insofern, weil das Thema Mission ins Zentrum rückt. Gut so, denn theologisch ist die Mission seit den Ursprüngen des Christentums Kernthema.

1919 initiierte das Apostolische Schreiben Maximum Illud ein Wendepunkt: ein neues, in die Zukunft weisendes Programm der katholischen Mission. Der damalige Papst Benedikt XV. forderte von den Missionaren, sich fundiert vorzubereiten, auf kulturelle Eigenheiten der Menschen in den Einsatzgebieten einzugehen und einen einheimischen Klerus in den Diözesen und Orden aufzubauen. Eine bemerkenswerte Forderung in einer Zeit, als die koloniale Macht des Westens in Afrika und Asien als selbstverständlich galt.

Die ethnische Verschiedenheit öffne die Augen für den Reichtum anderer Kulturen. Und eine positive Sicht auf die Menschen werde die Begegnung auf gleicher Augenhöhe fördern. Maximum Illud lädt ein, die anderen ernst zu nehmen. Wer das wagt, wird möglicherweise der eigenen kulturellen Überheblichkeit gewahr. Das hat beispielhaft Bruder Paul Wiederehr vorgelebt, dem ich im letzten Herbst ein letztes Mal begegnet bin. Er ist am 5. Juli 2019 im 87. Altersjahr auf Java in Indonesien verstorben, war einer der letzten Missionare aus der Pioniergeneration und hat ganz Geist von Maximum Illud gelebt und gewirkt. Als junger Schreiner trat er 1956 in den Orden ein und wirkte ab 1963 in Indonesien. Zunächst als klassischer Missionar ausgereist, wandelte sich wohl seine Perspektive durch die alltägliche, konkrete Begegnung mit den Menschen: In seiner Möbelschreiner-Ausbildungsstätte legte er Unzähligen beherzt ein Fundament für ein besseres Leben. Und im Heim Shanti Ashram tat er alles ihm Mögliche für das Wohlbefinden von mehrfach behinderten Kindern.

Belastetes Thema Mission

Heute, 100 Jahre später, bietet das Erinnern an Maximum Illud eine Chance, das belastete Thema neu zu entdecken. Zahlreich sind die kritischen Stimmen gegenüber der Globalisierung, die durchaus auch zum Rückzug ins persönliche Wohlbefinden verleiten. Viele grenzen sich ab, auffällig oft von Menschen mit anderer Kultur und Religion. Selbst in kirchlichen Kreisen beobachte ich nicht selten fundamentalistisches Abkapseln. Ein solcher Glauben sucht weniger den Dialog mit anderen als vielmehr den Rückzug ins Individuelle, auf den durch Gott vermittelten Erfolg. Christlich verstandene Mission, im Sinne von Markus 16,15, lebt von ganz anderer Dynamik und fordert uns auf: Hinaus, auf die Welt hin! Gebt konkretes Zeugnis, dass mit dem Reich Gottes hier und jetzt gerechtet werden darf!

Konkret werden bedeutet, sich nicht von den mannigfaltigen Formen menschenverachtender Ungerechtigkeit lähmen zu lassen, sich beharrlich für menschenwürdige Verbesserung einzusetzen. Für alle tragbare Lösungen wird es nur unter Einbezug aller Betroffenen geben. Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen betreffen uns alle, ebenso verpestete Luft und giftige Kloaken, die sich durch keine Technologie, keine Mauer aufhalten lassen. Was heisst das für uns nun in der «Festung Europa»? Wegdriften in die Isolation? Das kann es nicht sein. Vielmehr will ich mit Verstand und Herz einen angemessenen Umgang mit von Zwangsmigration betroffenen Menschen mitermöglichen. Im Kleinen bei alltäglichen Begegnungen; im Grösseren durch das Unterstützen des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes der Schweiz, geleitet von Christoph Albrecht SJ; und im Weiten mit dem Hilfswerk Jesuiten weltweit, das sich einsetzt für ein besseres Leben der Marginalisierten dieser Welt vor Ort. Aufgrund dieser Erfahrungen heisst für mich konkret werden auch, mich für die Anliegen der Konzernverantwortungsinitiative zu engagieren.

Missbrauchen wir diese Menschen als Feindbilder, laufen wir Gefahr, die eigenen Konflikte – individuelle, gesellschaftspolitische – zu überspielen. Und eine Kirche, die in erster Linie mit ihren Strukturen beschäftigt ist, bliebe kraftlos; ebenso ist Rückzug, Selbstgefälligkeit keine Option. Wer sonst soll missionarisches Zeugnis ablegen und vom Anbrechen des Reich Gottes reden, wenn nicht wir als Kirchen? Nachfolge Jesu heisst, sich für den Nächsten zu engagieren.

Das Motto des Oktobers lautet «getauft und gesandt». Ich möchte das Getauftsein noch einmal neu leben, als Zeichen des anbrechenden Reich Gottes, und mich noch dezidierter als Christ von der Realität anderer, von Schutzlosen und Alleingelassenen betreffen lassen und ihnen zum Nächsten werden. Andere ernst zu nehmen, sensibilisiert – auch für den Raubbau an der Schöpfung. Theologisch-christlich gesehen, gibt es keine egoistische Teilhabe am Reich Gottes. Ist mein, ist unser Engagement echt, gewährt sie dem Nächsten und der Schöpfung Raum, Aufmerksamkeit, Entfaltung.

Toni Kurmann SJ, Missionsprokurator

Im Bild das Baptisterium San Giovanni in Riva San Vitale TI. Bildquelle: Schweiz Tourismus

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