Brot des Lebens: unterwegs in Calais

Mathias Werfeli SJ von Mathias Werfeli SJ,

Das Confibrot weckt bei mir verschiedene Erinnerungen: an meine Kindheit, meine Mutter und ans Z’Morge zu Hause in der Familie. Es ist aber auch eine Erinnerung daran, dass mir heute die Zeit oft fehlt, am Morgen vor der Arbeit gemütlich ein Confibrot zu essen.

In diesem Sommer habe ich damit eine ganz neue Erfahrung machen dürfen. In Calais, wo die Secours Catholique (Caritas Frankreich) ein Tageszentrum für MigrantInnen hat, ist das Confibrot ein fester Bestandteil des Kaffeetisches – und wenn die Bäckerei kein Brot spenden kann, spürt man die Leere und eine kleine Enttäuschung. Das Süsse hilft nicht nur über die bitteren Momente des Lebens hinweg; der Tisch ist auch ein Ort der Begegnung, wenn die zumeist jungen Männer gemeinsam Brote schmieren. An sich haben sie genug zu Essen. Neben dem französischen Staat, der im Pas de Calais einen Mahlzeitendienst betreibt, stehen zusätzlich mehrere NGO’s den MigrantInnen bei, die fast alle auf der Strasse leben. Aber es ist ein Unterschied, ob man am Strassenrand für ein Essen ansteht, oder ob man um einen Tisch sitzt mit Kaffee, Tee und Confibrot. Hier geht es nicht nur um Nahrungsaufnahme, denn „der Mensch lebt nicht vom Brot allein…“.

„…sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“. Am Tisch kommen die MigrantInnen zu Wort, hier haben sie eine Stimme. Was sie erzählen vom bürokratischen und anderen Dschungel, von polizeilichen Übergriffen, von Beschimpfungen und von „Aktionen“ selbsternannter Bürgerwehren, ist haarsträubend und macht wütend und traurig zugleich. Diese Taten und Einstellungen lassen sich für mich nur schwer mit einem Rechtsstaat in Einklang bringen. Am Abend bringt die Stadt Calais Essen ins Camp (in den „Dschungel“) und am nächsten Morgen um 6 Uhr macht die Bereitschaftspolizei eine Razzia und konfisziert alle Zelte, in denen sich gerade niemand aufhält, obwohl sie sichtlich bewohnt sind. Darin befinden sich nicht nur persönliche Dinge, sondern oft auch alle Papiere, auf die die Behörden beim nächsten Amtsgang bestehen. Ein Widerspruch in sich! 

In Widersprüchen verstrickt sind allerdings auch viele MigrantInnen. Beim Zuhören habe ich manchmal innerlich den Kopf geschüttelt. Einerseits wollen sie von den Franzosen als Menschen mit Würde behandelt werden, andererseits wollen sie mit Frankeich und seinen Bewohnern nichts zu tun haben und versuchen, mit allen Mitteln nach England zu kommen. Gewisse unter ihnen träumen von England wie von einem El Dorado und sind sich gewiss, dass sie dort mit offenen Armen aufgenommen werden. Andere sehen zwar keine realistische Chance, auf einem Boot oder versteckt in einem Lastwagen den Ärmelkanal zu überqueren, können sich aber ein Leben in Frankreich überhaupt nicht vorstellen. Nur einige wenige haben ihrem Traum den Rücken zugedreht und versuchen nun, in Frankreich Asyl zu erhalten. Eine komplexe Situation, in der es zwar scheinbar viele „Böse“ und „Gute“ gibt, wo aber schliesslich nur Graustufen existieren. Denn auch unter den Behörden und den Bewohnerinnen und Bewohnern des Pas de Calais gibt es viele Menschen, die helfen und die versuchen, unorthodoxe Lösungen zu finden. Und vieles vom Erzählten findet eben seinen Weg an den Kaffeetisch und ans Confibrot. Ich glaube, dass Gott sich wirklich als Mensch inkarniert hat, dass Er uns in den Mitmenschen begegnet, in so vielen verschiedenen Nationen und Sprachen– und manchmal in einem Miteinander von mehreren Sprachen und Gesten! 

Genau das ermöglicht das Zentrum des Secours Catholique. Denn manchmal fragen die MigrantInnen, wozu das Zentrum eigentlich da sei, wenn es ihnen kein Asyl oder einen Weg nach England verschaffen kann. Der Vorwurf ist berechtigt, Asyl oder die Fahrt nach England ermöglicht das Zentrum nicht. Aber zusammen mit vielen motivierten und treuen Freiwilligen stellt der Secours Catholique ein Ort zur Verfügung, für Begegnungen, Sport, Spiel, Dusche, Wäsche waschen, Strom für Handys und Internet zur Verbindung mit Familien und Freunden. 

Zuhören verbindet und im Zuhören lernen wir eine ganz neue Welt kennen. Jesus hat den Menschen zugehört und sie gefragt, was sie sich wünschen. Und wenn er dann zu ihnen sprach, ist er auf sie eingegangen. So wie das Brot geteilt wird, damit jeder sein Confibrot schmieren kann, geben uns geteilte Worte Hoffnung und Leben, gerade wenn das Leben bitter ist. Sie helfen uns, die Welt mit neuen Augen zu sehen und das Wirken Gottes neu zu entdecken. Ich freue mich schon, am nächsten Sonntag meinen Mitbrüdern in Paris beim Confibrot zuzuhören. Wem und wo werden Sie zuhören?

Mathias Werfeli SJ, Scholastiker, zurzeit an der Jesuiten-Hochschule Sèvres Paris

Bild: Mathias Werfeli

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