Enthemmung in Social Media

Christian Rutishauser SJ von Christian Rutishauser SJ,

Schreiben ist ein Stück Selbsttherapie – in den Social Media niederschwellig zu haben. Schön und ungut: Zu lesen sind auch Rundumschläge und Beschimpfungen, Hassreden und Morddrohungen. Ich frage mich: Haben ungefilterte Äusserungen im digitalen Raum tatsächlich eine Art selbsttherapeutische Wirkung? Und wie ist mit Beschimpfung, mit Hassrede und dummem Geschwätz in den Social Media umzugehen?

Die Social Media ermöglichen es allen, ihre Meinung mühelos kundzutun. Im halböffentlichen Raum der digitalen Freunde werden persönlichste Gefühlsreaktionen spontan geäussert. Auf allen zugänglichen interaktiven Homepages werden leichtfüssig Kommentare gepostet. Die gefühlte oder reale Anonymität dessen, der allein zu Hause am Computer sitzt, wirkt enthemmend. Die soziale Kontrolle scheint für den Augenblick wie ausgeschaltet. Ungefiltert schüttet man sein Herz aus. Dafür braucht es zudem nur die rudimentärsten Schreibkenntnisse. Es geht ja scheinbar nicht um einen öffentlichen Text. Da wird nicht zuerst alles bedacht und dann sorgfältig geschrieben. Vielmehr wird in die Tasten gehauen, bis man selbst überhaupt erst merkt, was man fühlt und denkt. Es geht weniger um Mitteilung an ein wirkliches Gegenüber als vielmehr um eine Art Monolog in den unpersönlichen, virtuellen Raum hinein. Der Bildschirm ist wie Dr. Sigmund Freud, der möglichst unsichtbar hinter dem Patienten auf der Couch sitzt. Schreiben in Social Media ist ein Stück Selbsttherapie. Im digitalen Netz ist sogar sie ganz niederschwellig zu haben. Daher zeigt sich in den Social Media auch einiges vom Abgrund der Seele weiter Teile der Bevölkerung: Rundumschläge und Beschimpfungen, Hassreden und Morddrohungen. Shitstorm ist ein treffendes Wort, denn es geht um shit. Auch das Vorbewusste und Archaische verschafft sich in den Social Media Raum. Das sozial nicht Verträgliche scheint sich umso heftiger Luft zu machen, je mehr in der analogen Öffentlichkeit politische Korrektheit gefordert ist. Da diese ihrerseits zuweilen an die Skrupelhaftigkeit früherer Generationen erinnert, haben wir wohl das Phänomen von zwei Extremen vor uns, die mehr miteinander zu tun haben, als es auf den ersten Blick scheint. Les extrèmes se touchent!

Dass für den intimen, den privaten, den halböffentlichen und den öffentlichen Raum unterschiedliche Regeln des Sprechens gelten müssen, scheint mir absolut notwendig. Auch offizielles Reden muss von persönlichen Äusserungen unterschieden werden. Die systematische Verwischung der Grenzen wie auch die Forderung nach totaler Transparenz und Durchlässigkeit ist nicht nur naiv, sondern auch gefährlich. Da die digitale Welt gerade mit Social Media neue Räume der Kommunikation erschlossen hat, müssen wir auf jeden Fall erst lernen, mit ihnen umzugehen. Gesprächskulturen werden sich einpendeln, und Regelungen werden aus den Erfahrungen entstehen. Die gegenwärtig laufende Debatte um die freie Meinungsäusserung angesichts der Ausweitung des Antidiskriminierungsgesetzes, das künftig auch das Diskriminieren von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung unter Strafe stellen will, weist zwar viele Parallelen auf zu den Diskussionen in den neunziger Jahren, als die Anti-Rassismus-Strafnorm eingeführt wurde. Sie muss aber auch in Zusammenhang mit der digitalen Vervielfachung und Transformation der Kommunikationsräume gesehen werden, die gerade die Social Media seither mit sich gebracht haben.

Als Theologe bin ich besonders sensibel für den Umgang mit Sprache. Ich achte darauf, wie wir reden. Selbst bei den spontan hingeworfenen Äusserungen in den Social Media geht es nicht nur um leere Worte. Reden und Schreiben stehen in komplexer Interaktion mit Taten. Worte bewirken viel. Daher gefällt mir der Begriff Sprachhandlungen. Das gilt auch bei Beschimpfungen, Hassreden und Morddrohungen. Jesus weist bereits in der Bergpredigt darauf hin, dass Mord mit der inneren Verfluchung des Feindes beginnt und der Ehebruch seine Wurzeln darin hat, dass man in der eigenen Innerlichkeit der Lust freien Lauf zu lassen wagt. Gefühle wirken sich auf das Zwischenmenschliche aus. Sprechen und Schreiben schaffen eine soziale Wirklichkeit.

Als Seelsorger lenke ich zudem das Augenmerk gerade auf den Übergang von persönlichem Sprechen zum öffentlichen Reden und vom Reden zum Schreiben hin. Die Social Media sind ein besonders aufschlussreicher Raum. Sie werden heute daher auch in der Seelsorge sowie in der geistlichen Begleitung bewusst eingesetzt. Der privilegierte Ort für Seelsorge ist jedoch das Zweiergespräch von Angesicht zu Angesicht. Auch der geschützte Rahmen einer übersichtlich geordneten Gruppe ist geeignet. Sprechen, Zuhören und Schweigen sind dabei Teil einer umfassenderen Kommunikation, die man mit Martin Buber als Begegnung bezeichnen kann. Im Angesicht des Gegenübers überlegt sich der Sprechende normalerweise zuerst, was er sagen will. Die Folgen von verletzendem Ansprechen, von Beschimpfung und Hassausdrücken werden sofort sichtbar. Ich kann nicht anders als Verantwortung dafür übernehmen. In der Seelenführung geht es zudem gerade darum, seine Gefühle zu zeigen, ihnen eine Form zu geben und eigene Innerlichkeit zu versprachlichen. Dadurch geschieht Persönlichkeitsbildung. Verletzungen und Ohnmachtserfahrungen können im Gespräch mit einem Menschen, der zuhört und zu verstehen sucht, heilsam aufgearbeitet und so überwunden werden. Dies alles ist in gewisser Weise auch in der E-Mail-Kommunikation möglich. Schliesslich hat der schriftliche Austausch mittels Briefe in Seelsorge und geistlicher Begleitung eine lange Tradition. Als man noch auf Papier schrieb, war das wohlüberlegte Wort besonders wichtig, konnte es doch nicht so leicht korrigiert werden. Wenn Gefühle und Worte aber spontan in den halb anonymen Raum der digitalen Welt geschleudert werden, fehlt sowohl die selbstheilende Kraft, die aus der eigenen Formgebung entsteht, als auch die Präsenz eines Menschen, der wirklich zuhört und versteht.

Haben nun aber ungefilterte Äusserungen im digitalen Raum tatsächlich eine Art selbsttherapeutische Wirkung? Und wie ist mit Beschimpfung, mit Hassrede und dummem Geschwätz in den Social Media umzugehen? Für ersteres gibt es sicher bereits wissenschaftliche Studien. Ob die Wissenschaft jedoch Shitstorms rechtfertigen soll, bleibt auf jeden Fall zweifelhaft. Was letzteres betrifft, kann man nur sagen: Am besten nicht mitmachen, einfach ignorieren! Wer sich jedoch daran ergötzt, sollte lieber eine Therapeutin oder einen Seelsorger aufsuchen. Oder wenigstens echten Freunden in der analogen Welt begegnen. Aber auch in der digitalen Welt kann man zusammenhängende Gespräche führen. Rechtschreibung und ganze Sätze ohne emotional icons sind auch in den Social Media nicht verboten. Die für soziale Kanäle und Homepages Verantwortlichen sollten allerdings ihre Arbeit gewissenhaft tun: Der Shit im digitalen Raum muss entsorgt werden, bevor er zum Himmel stinkt.

Christian Rutishauser SJ

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