Ferien mit Meister Eckhart

Bruno Brantschen SJ von Bruno Brantschen SJ,

Ein paar Tage Durchatmen in den Bergen, im Gepäck die Predigten von Meister Eckhart. Doch ich komme nicht los, meine Gedanken hangen. Buchstäblich Schritt für Schritt nähere ich mich der Weltsicht des thüringischen Mystikers und Philosophen Eckhart von Hochheim (1260-1328).

Ich trete vor den Eingang des Chalets hoch über dem Walliser Nikolaital, wo ich mich für ein paar Tage zurückgezogen habe, die Predigten von Meister Eckhart[1] im Feriengepäck.

Ich will wissen, wie tragfähig Eckharts faszinierende wie komplexe Sprache für mein Welt- und Selbstverständnis ist. Heute schon habe ich mich eifrig ans Werk gesetzt.  Doch es will mir nicht gelingen, mich in die Texte des Meisters zu vertiefen. Zu sehr hangen meine Gedanken in den Morgen-Nachrichten. Nordsyrien, Hongkong, Bolivien... Mein Blick schweift in die Weite der Täler und Berge. Was ist mit dieser Welt? Dichte Nebelschwanden ziehen vom Tal hoch und hüllen die gelb werdenden Lärchenwälder in dichtes Grau. Ein Eckhart-Zitat erreicht mein Grübeln:

Die Erde kann nicht so weit in die Niederungen fliehen, dass der Himmel nicht doch in sie fliesst und seine Kraft in sie presst und sie so fruchtbar macht, es sei ihr lieb oder leid. So geht es auch dem Menschen, der Gott zu entfliehen wähnt und ihm doch nicht entfliehen kann, denn alle Winkel offenbaren ihn. Er meint, Gott zu entfliehen, und läuft ihm doch in den Schoss. Gott gebiert seinen eingeborenen Sohn in dir, es sei dir lieb oder leid, ob du schläfst oder wachst: er tut das Seine. (84f.)

Welch eine Weltsicht! Gott, eine Gebärende in allem, was ist und wird. Gott liegt in Geburtswehen, und so die Welt. Sie drängt hoffnungsvoll dem Leben zu, allem äusseren Anschein zum Trotz. Gott wirkt das Seine. Alles ist einbezogen in diesen Geburtsprozess. Wohin ich mich wende, bin ich in Gottes Schoss. Das tröstet mich.

Im Feriengepäck reist – man weiss es und will es doch anders –  auch das eigene Ich mit, dem zeitweise einfach nichts recht ist: Warum so und nicht anders?! Hätte ich, würde ich, könnte ich, wäre ich nur…! Wann endlich kommt die Zeit, dass…! Heute ist es bei mir besonders aktiv... Eckhart holt mich in die Gegenwart. Mit spitzen Worten hält er Leuten den Spiegel vor, welche ihr Glück und ihr Heil überall suchen, nur nicht im eigenen Leben.

Was dich hindert, bist du stets selbst, du – nichts anderes… Je mehr die Menschen nach aussen gehen, umso weniger finden sie Frieden… Nimm dich selbst genau wahr und wo du dich dann findest, da lass von dir ab… Wer nur auf Gott schaut, dem werden alle Dinge rein wie Gott. (30f.)

 Dies trifft mich: Wenn du dich nicht annehmen kannst, wenn du dich über das Vergangene grämst, dich sorgst über die Zukunft, wenn du dich klammerst an Besitz, Ansehen, Beziehungen, Arbeit, Pläne und Vorstellungen. Lass es los. Lass dich gleichsam nach innen fallen, in die Wahrheit, die sich in deinem Herzen ereignet. Gott gebiert seinen Sohn in dir; in Ewigkeit, wie Eckhart zu sagen pflegt, das heisst heute. Läuft es gut, tut sich nichts, trauerst du, freust du dich, schmerzt es, ist es nicht zu fassen: Jetzt wird das Leben in dir gezeugt, empfangen und geboren. In den Ereignissen der Welt und in deinem Herzen. Jetzt. Nur im gegenwärtigen Moment kannst du fruchtbar sein. Wo du bist, nimm es wahr und nimm es an. – In mir breitet sich Ruhe aus. Weihnachten schon im Oktober. Wie gut passt Meister Eckharts Wort als Wunsch für die kommende Zeit: Gönne Gott, in dir Gott zu sein (74).

Bruno Brantschen SJ

Bild: Weisshorn, 4505 m ü. M. (BrBr)

 


[1] Eckhart von Hochheim (1260-1328), thüringischer Mystiker, Theologe und Philosoph, erlangte als Dominikaner hohe Ämter und war schon zu Lebzeiten mit seinen Predigten weit herum bekannt.  

Die Zitate und entsprechenden Seitenzahlen beziehen sich auf: Meister Eckhart. Vom Atmen der Seele. Aus den Traktaten und Predigten (ausgewählt und übersetzt von Dietmar Mieth), Reclam, Stuttgart 2014.

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