Ich habe einen Traum

Mathias Werfeli SJ von Mathias Werfeli SJ,

Träume sind Schäume. Nicht für Jesus, der in der Bergpredigt seine Jünger zusammen mit weiteren  anderen Zuhörern einlädt, seinem Traum zu folgen und ihn Wirklichkeit werden zu lassen. Sein Traum ist aktueller denn je: eine Anleitung für eine neue Ära der Zusammenarbeit und Solidarität, gerade in diesen Wochen und Monaten.  

Vor ein paar Tagen hat uns unser Superior (der Leiter einer Jesuiten-Kommunität, mein direkter Vorgesetzter) aufgefordert, von unseren Träumen nach dem Ende des Lockdowns in Frankreich zu erzählen. In der gemeinsamen Aufzählung fanden sich Dinge, wie: Familie besuchen, eine mehrtägige Wanderung mit den Mitbrüdern unternehmen, Sightseeing von bisher unbekannten Orten, oder ein Wochenende ausserhalb von Paris.

Alle diese Dinge waren bis vor kurzem nicht möglich. Mit der Einladung zum Träumen durften wir bisher Unmögliches denken und für möglich halten – denn in einem Traum ist alles möglich! Träume haben etwas an sich von einer Utopie, einen Ort den es (noch) nicht gibt (ou-topos, griechisch für «nicht-Ort»). Gleichzeitig sind Träume auch eine Einladung, auszuprobieren, wie weit unsere Ideen fliegen und welche Utopien Realität werden können.

Während des Lockdowns wurden viele Stimmen laut, die für eine Erneuerung unseres Zusammenlebens plädieren, die eine grüne Revolution im Wirschaftsleben verlangen, die ein achtsameres Umgehen mit der Schöpfung fordern und die den Zeitpunkt für eine neue Ära des solidarischen und friedlichen Miteinanders gekommen sehen. Träume, Utopien, Naivität? War es naiv, einen globalen Waffenstillstand zu verlangen, um die Menschen vor der Pandemie zu retten? Keineswegs. Dort, wo die Ruhe gehalten hat, gab es eine Chance, doppelt Menschen zu retten –gesundheitlich und vor Kriegsgewalt.

An anderen Orten jedoch hielt die Ruhe nur vorübergehen, und in den USA scheinen gerade Jahrzehnte der Bürgerrechtsbewegung in Rauch aufzugehen. Bleibt Martin Luther Kings Traum eine Utopie? «I have a dream», sagte er einst und kündigte gleichzeitig an, auf dem Weg dieses Traumes weiterzumachen, auch wenn ihm dabei Hass und Ablehnung begegnen würden.

Auch Jesus wusste, was ihn erwartete. Mehrfach kündigte er seinen Tod am Kreuz an und wehrte sich, wenn ihn Petrus davon abbringen wollte. Konsequent ging er seinen Weg – Er, der selber der Weg ist. Bei ihm heisst die grosse Rede im Matthäus-Evangelium nicht «I have a dream», sondern wir kennen sie unter dem Namen der Bergpredigt.

Der Ort auf dem Foto ist dieser Berg der Seligpreisungen. Das Land ist unbebaut, nur ein grosser Baum, wo die Leute sich damals wohl versammelt haben, markiert die Stelle. Ich besuchte die Erhebung am Nordufer des Sees Genezareth vor ein paar Jahren mit einer Gruppe von Mitbrüdern, von denen einer gerade über den See blickte, als der Professor die Seligpreisungen (die Einleitung der Bergpredigt) vorlas:

Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.

Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben.

Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.

Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.

Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen.

Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.

Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel. So wurden nämlich schon vor euch die Propheten verfolgt.

Jesus hat diesen Traum seinen Zuhörerinnen und Zuhörern und allen, die diese Verse heute noch lesen, zur Umsetzung anvertraut. Die Liste der Seligpreisungen ist für mich weder ein Tugendkatalog, den niemand erfüllen kann, noch eine fromme Vertröstung der Unterdrückten aufs Jenseits. Sie ist vielmehr auf der einen Seite ein Lob der Eigenschaften, die ein gutes Zusammenleben ermöglichen und andererseits eine konkrete Erinnerung an die Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Verfolgung, die damals wie heute auf der Welt existieren und die wir als Menschen guten Willens bekämpfen müssen. Deshalb ist dieser Traum ein eindringlicher Aufruf zur persönlichen und damit zur gesellschaftlichen Umkehr.

Für diese doppelte Umkehr hat uns Jesus Christus mit seinem Geist einen sicheren Partner an die Seite gestellt, der uns bereits jetzt in dieser Welt begleitet. Es ist der Geist der Wahrheit, der Leben schafft und dessen Herabkommen wir an Pfingsten gefeiert haben. Der uns dort begegnet, wo Leben ermöglicht und nicht verunmöglicht wird, wo Menschen einander mit Vertrauen und mit Offenheit begegnen und wo Zusammenarbeit geschieht. 

Die persönliche Umkehr beginnt mit Träumen in Utopien, die zulassen, dass uns heute Unmögliches als möglich erscheint. Diese persönliche Umkehr kann Vorbildcharakter haben, wird aber erst in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen fruchtbar. Wer seinen Traum (so gut und nützlich er auch sein mag) ohne Rücksicht auf andere durchsetzt, macht aus einer Utopie eine Dystopie. Um uns davor zu schützen, hat uns Jesus am Ende der Bergpredigt eine «Goldene Regel» gegeben: Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!In Abwandlung eines bekannten Sprichworts könnte man sagen: «Mein Traum beginnt dort, wo der Traum des Anderen aufhört.»

Nur im Zusammenspiel der einzelnen Akteure können wir dafür sorgen, dass die Bergpredigt nicht nur Utopie bleibt, sondern Realität wird. Warum beginnen wir nicht schon jetzt damit und begründen so in den kommenden Wochen und Monaten eine neue Ära der Zusammenarbeit und der Solidarität?

Mathias Werfeli SJ

Bild: Israel 2018, See Genezareth (mw)

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