30. Jahrestag des Massakers in El Salvador

Christoph Albrecht SJ von Christoph Albrecht SJ,

Was ist vom Wirken der Jesuiten geblieben, die am 16. November 1989 in San Salvador zusammen mit der Köchin und deren Tochter auf dem Universitätsgelände ermordet wurden? Eine Spurensuche.

Mit meinem Eintritt ins Noviziat der Jesuiten am 15. November 1989 in Innsbruck im Tirol entdeckte ich eine traditionelle, für mich eher altmodische Frömmigkeit. Waren die Jesuiten mit ihrer Theologie wie auch mit ihrem Engagement auf der Höhe der Zeit? Einen Tag später hatte ich die Antwort: Wir hörten von einem Massaker an sechs Jesuiten, ihrer Köchin und deren Tochter auf dem Gelände der Zentralamerikanischen Universität (UCA) in San Salvador. Und wir vernahmen auch, weshalb sie umgebracht wurden: Weil sie sich dem Evangelium gemäss für Recht und Gerechtigkeit für die Ärmsten eingesetzt hatten. Damit wurde mir die kulturelle, sozialpolitische und theologische Aktualität dieser weltweiten Gemeinschaft auf einen Schlag bewusst.  

Die Kirche an der Seite der Opfer
Am 16. November 1989 wurden Ignacio Ellacuría, Amando López, Joaquín López y López, Ignacio Martín-Baró, Segundo Montes, Juan Ramón Moreno, Elba und Celina Ramos ermordet. Sie sind acht von über hunderttausend Menschen, die im salvadorianischen Bürgerkrieg ums Leben kamen. Genau genommen ist es falsch, von einem Bürgerkrieg zu sprechen. Es war viel mehr ein Krieg der Oligarchie gegen das einfache Volk der Arbeiter*innen und Landarbeiter*innen. Und dieser dauerte schon seit Jahrzehnten an: 1932 waren zur Unterdrückung aufständischer Bewegungen innert weniger Wochen über 30′000 Menschen niedergemetzelt worden. Die Situation für die einfachen Leute blieb weitere Jahre katastrophal. In den 1970er Jahren entstanden neue Bewegungen für eine längst überfällige Landreform, darunter auch die christliche Bauerngewerkschaft FECCAS. 

Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und den lateinamerikanischen Bischofskonferenzen in Medellín/Kolumbien (1968) und Puebla/Mexiko (1979) stellten sich auch immer mehr Ordensleute, Priester und Bischöfe an die Seite der einfachen Leute. Die Kirche hatte die befreiungstheologische «Option für die Armen» offiziell angenommen. Angesichts der riesigen sozialen Ungerechtigkeit bedeutete die Solidarität der Kirche mit den einfachen Leuten unumgänglich eine Distanzierung zur Schicht der Mächtigen. Im relativ kleinen Land El Salvador, gut halb so gross wie die Schweiz, war dieser Wandel im Verhältnis Kirche-Staat besonders deutlich. Tausende von engagierten Frauen und Männern in den kirchlichen Dorfgemeinschaften fielen der politischen Verfolgung zum Opfer. Auch Mitglieder der Kirchenhierarchie bezahlten den Preis für ihre Solidarität. 

Einen Priester zu töten, war eigentlich ein Tabu. Deshalb wurden ihre Namen auch eher bekannt. Am 12. März 1977 geschah der erste Mord an einem Priester: Rutilio Grande SJ wurde mit zwei seiner Begleiter, dem Betagten Manuel Solorzano und Nelson Rutilio Lemus (16) aus einem Hinterhalt erschossen, als sie unterwegs zum Sonntagsgottesdienst in das Dorf Aquilares waren. Am 24. März 1980 wurde Oscar Arnulfo Romero, Erzbischof von San Salvador, während des Gottesdienstes erschossen; er hatte am Tag zuvor über das Radio die Soldaten zur Befehlsverweigerung aufgerufen, sollten sie den Befehl zur Tötung von Menschen des eigenen Volkes erhalten. In den folgenden 10 Jahren wurden vier Ordensfrauen und 17 weitere Priester umgebracht, darunter die eingangs genannten sechs Jesuiten. So reihen sich die am 16. November 1989 Ermordeten in eine grosse Schar, die sich für eine bessere Zukunft der Menschen in El Salvador einsetzten und dafür mit ihrem Leben einstanden. 

Eigentlich sollte jede und jeder Einzelne mit Namen genannt, ihre Träume, ihre Hoffnungen, ihre Ängste, ihr Ringen erzählt werden. Ich beschränke mich hier auf die drei, deren Arbeiten über ihren Tod hinaus die grösste Bedeutung erlangten: Ignacio Ellacuría, Ignacio Martin-Baró und Segundo Montes. 

Überwindung struktureller Ungerechtigkeit
Der Bekannteste unter ihnen ist Ignacio Ellacuria SJ. Als Rektor der UCA richtete er die Universität neu aus als gesellschaftliche Institution, die in Forschung und Lehre Verantwortung für Gerechtigkeit und Frieden übernimmt und sich in den Dienst der Ärmsten stellt. Er zeigte als Philosoph und Theologe auf, dass Wissenschaft kein Selbstzweck sein kann, sondern erst Sinn macht, wenn sie sich als solche in den Dienst eines guten Lebens für alle stellt. Basis dazu war die kirchliche Soziallehre, theologisch und sozialethische Reflexionen wie auch die Philosophie der Befreiung, die er weiterentwickelte. Wissenschaft ist nie neutral. Deshalb muss sie sich fragen, welchen Interessen sie dient. Eine Universität muss sich am geschichtlichen Prozess der sozialen, ökonomischen und politischen Transformation beteiligen.

Aus seiner gesellschaftlichen Position als Professor, Ordensmann und Priester setzte sich Ellacuría auch als Vermittler zwischen den Fronten ein: Über Jahre hinweg baute er an Beziehungen zu verschiedenen Gruppen und suchte im Dialog nach politischen Lösungen, um den Krieg zwischen der Oligarchie und den Führern der Befreiungsbewegung (FMLN) zu beenden. 

Als Jesuit situierte er die ignatianische Spiritualität in den historischen Kontext des Dramas von Ausbeutung und Langeweile. Dazu schreibt der öfters in El Salvador lehrende und mit den Jesuiten der UCA bestens vertraute Mitbruder Martin Maier SJ: «Spiritualität bedeutet für Ellacuría die zentralen Inhalte des Evangeliums geschichtlich wirksam werden zu lassen. Jegliche Begegnung mit Gott ist nur durch die Geschichte hindurch möglich: ′Die Begegnung mit Gott in der geschichtlichen Wirklichkeit ist das zentrale Problem der Theologie, der Pastoral und der Spiritualität, die heute in Lateinamerika erforderlich sind.′ […] Deshalb erweitert er die ignatianische Formel in ′contemplativus in actione iustitiae′: ′Eine Kontemplation … in der Aktion der Gerechtigkeit ist der christliche Weg, zu Gott zu finden und Gott zu den Menschen zu bringen.′ (I. Ellacuría, Conversión de la iglesia al reino de Dios. Para anunciarlo y realizarlo en la historia, Santander 1984, 101.)»[1]

Aufarbeitung psychosozialer Katastrophen
Ignacio Martín-Baró SJ gilt als Begründer der Psychologie der Befreiung. Er prägte den Begriff des psychosozialen Traumas, welcher für die Sozialpsychologie zu einem wesentlichen Werkzeug wurde. Besonders für Menschen die in einer von Gewalt und Krieg geprägten Gesellschaft aufwuchsen und überlebten, erkannte er die Notwendigkeit geheilter Beziehungen. Seine Forschung, seine Lehre und seine öffentlichen Stellungnahmen waren geprägt von der empirisch fundierten Überzeugung, dass Traumata als psychische Wunden in den seltensten Fällen individual-therapeutisch geheilt werden können. Eine apolitische Psychologie ist in Gefahr, sich unkritisch in den Dienst bestehender politischer Machtverhältnisse zu stellen. Statt Opfer politischer Gewalt als ′traumatisiert′ zu diagnostizieren und zu pathologisieren, sollten sie selbst die Mittel erhalten, sich (wieder) als Träger*innen des gesellschaftlichen Wandels einzubringen. Nicht lange vor seiner Ermordung entwickelte er den Plan einer Poliklinik für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die Folter und Kriegshandlungen überlebt hatten. Diese überlebenden Opfer sollten nicht nur in einem geschützten Rahmen betreut werden, sondern neue Wege finden, ihre Anliegen in die Gesellschaft einzubringen. 

Als Soziologe und Medienwissenschaftler setzte sich Martín-Barró für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit ein. Er erkannte die verheerenden Folgen der US-amerikanischen Politik für El Salvador und denunzierte diese bei seinen Reisen in die USA an zahlreichen Versammlungen von NGOs. Er untermauerte aus der salvadorianischen Erfahrung Kritik an einer Politik, die Lateinamerika als Hinterhof der USA betrachtete. Martín-Barró wirkte auf der internationalen Bühne, wo er nicht müde wurde, die verheerenden Folgen des Krieges auf die psychische Verfassung der Betroffenen zu benennen. Ebenso wies er darauf hin, wie der Krieg selbst auch als Folge der Polarisierung, des Zerfalls des gesellschaftlichen Zusammenhalts gesehen werden muss, wo die Einteilung in «wir»und «sie da» und die Meinung über die «anderen» keine Nuancen mehr kennt und wo Menschen nicht mehr als Menschen sondern nur noch in Funktion der Nützlichkeit für die eigene Gruppe beurteilt werden.[2]

Neben allen wissenschaftlichen und internationalen Aktivitäten besuchte Martín-Barró als Priester und Seelsorger regelmässig zwei Basisgemeinden. Er nahm an ihren Festen teil, kümmerte sich um kleine und grosse Sorgen der Kinder und Familien, suchte mit ihnen nach möglichen Auswegen aus unmöglichen Situationen und erlernte die Freude über jeden kleinen Erfolg von ihnen. Die Nähe zu den von der militärischen und paramilitärischen Gewalt betroffenen Menschen prägte sein Schaffen wie auch seine lebensnahe Spiritualität. 

Zukunft für Vertriebene
Ein paar Worte nun zu Segundo Montes SJ, dessen Engagement bis heute nachwirkt. Er erfuhr die Nähe zu leid getroffenen Menschen als Pfarrer von Santa Tekla und in seinem Einsatz für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen. Aufgrund seiner mehrjährigen Tätigkeit als Lehrer und Rektor eines Gymnasiums für Kinder der reichen Schicht war er vertraut mit den Konflikten als Folge der sozialen Ungerechtigkeit und verstand die Art und Weise, wie Macht in der salvadorianischen Gesellschaft ausgeübt wurde. Diesem Thema widmete er mehrere sozialanthropologische Untersuchungen, darunter auch seine Doktorarbeit zur «Patenschaft als Machtstruktur in El Salvador»[3].

Montes befasste sich einerseits wissenschaftlich mit Sozialstrukturen, Umverteilung, Migration und den Folgen des Bürgerkriegs. Andererseits verband er Wissenschaft und praktisches Engagement etwa in der Arbeit am Institut für Menschenrechte an der UCA, welches er 1984 gründete und bis zu seiner Ermordung leitete. Er wirkte als Schlüsselfigur in Unterstützungsaktionen zugunsten von tausenden von Kriegsvertriebenen, die ihn heute noch erinnern: Ein von ehemaligen Bürgerkriegs-Flüchtlingen bewohnter Ort im Departement Morazán wurde Ciudad Segundo Montesbenannt. Seinen Namen trägt auch eine Stiftung, die Fundación Segundo Montes, ein Zusammenschluss von rund 300 Bauernfamilien im Nordosten El Salvadors, die seit ihrer Rückkehr aus den Flüchtlingslagern der Nachbarländer versuchen, ins Leben zurückzufinden.

Basisgemeinden als Zeichen und Orte der Hoffnung
Kirchliche Basisgemeinden sind seit den 1950er-Jahren in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern als Orte entstanden, wo die Befreiungstheologie ihre Wurzeln schlagen konnte. Die unspektakuläre, schlichte, gemeinschaftliche Umsetzung des Evangeliums hat in den Basisgemeinden den besten Ausdruck gefunden, wie ausgebeuteten oder ausgegrenzten und übersehenen Menschen und Familien ein neuer Zugang zu ihrer Würde finden und Ermächtigung zum Gestalten ihrer Zukunft erfahren.

Der mit seiner Familie in El Salvador lebende Schweizer Theologe Andreas Hugentobler, der u.a. an der UCA studierte, berichtet regelmässig von seiner Arbeit und seinem Einsatz in den Basisgemeinden. Er schreibt: «[…] Seit 2015 begleiten wir als Ehepaar das Basisgemeinde-Netz ′Mons. Romero′ im Departement La Libertad. Dieses umfasst 8 kirchliche Basisgemeinden, die meisten liegen verstreut in den Kaffeeplantagen, ohne Zugang zu Land, die Menschen leben unter sehr einfachen Bedingungen – obschon sie nur etwa 30 Autominuten von der ′entwickelten′ Welt trennen. Aber ein Auto hat niemand, Busse gibt es, wenn überhaupt nur 2-3 pro Tag, die öffentliche Hand ist einzig durch rudimentäre Schulen präsent. Dagegen wimmelt es an religiösen Gemeinschaften unterschiedlichster Couleur (auf eine Bevölkerung von 3000 Personen kommen mindestens 10 verschiedene Pfingstkirchen). Eine Basisgemeinde ist ein Kern innerhalb der Dorfbevölkerung, der sich regelmässig trifft, sich mit Gott und den Problemen vor Ort auseinandersetzt und ein besonderes Sensorium für die Ärmsten in ihren Reihen entwickelt. In den BG gibt es Kindergruppen, Senior*innenanimation, Frauen- und Jugendgruppen, Landwirtschaftskooperativen, Liturgiegruppe etc., die allesamt von innen wachsen und auf konkrete Probleme reagieren – also nicht von einer Pfarrei oder NGO ′geplant′ wurden. Das entscheidende Element bei jedem Treffen ist es, Bibel und Gebet mit der erlebten Realität zu verbinden und Veränderung zu bewirken. Dabei spielen die ′mártires′ eine zentrale Bedeutung. Es sind Männer und Frauen aus ihren Reihen, die seit dem Bürgerkrieg Ende der 1970-er Jahre aufgrund ihres Einsatzes ermordet wurden. Sie sind Brücken zu Jesus, dem Bruder, der sein Leben hingab für sie, im Einsatz für das Reich Gottes. Bischof Romero ist verlässlicher Zeuge dieser Praxis Jesu. […]»
Die Lektüre des ganzen Textes ist hier zu finden und lohnt sich gerade auch vor dem Hintergrund der Frage, was vom Wirken der ermordeten Jesuiten an der UCA geblieben ist und sich weiter entwickelt hat. 

Weitere Links zu diesen Themen:

Kontemplativ im Kampf für die Gerechtigkeit: Ignacio Ellacuría und die Mystik der offenen Augen

Zivilisation geteilter Genügsamkeit

Dramatische Wandlung, Kurze Geschichte der Gesellschaft Jesu in El Salvador

Texte auf Spanisch:

Collection Digital Ignacio Martin Baró

Biografien der Ermordeten der UCA

Andreas und Betsaida Hugentobler bei den Basisgemeinden in El Salvado

 



[1]    Zit. aus: Martin Maier SJ, Karl Rahners Einfluss auf das theologische Denken Ignacio Ellacurías, in: Zeitschrift für katholische Theologie (ZKTh), Vol. 126, No. 1/2, Karl Rahner 100 Jahre (2004), 83-109, 92

[2]    Vgl. u.a. Martín Baró, Ignacio: “La violencia política y la guerra como causas del trauma psicosocial en El Salvador“, in: Psicología social de la guerra. Selección e introducción de Ignacio Martín Baró. Universidad Centroamericana José Simón Cañas. El Salvador: UCA Editores, 1990.

[3]    Vgl. Segundo Montes, El compadrazgo, una estructura de poder en El Salvador, San Salvador, El Salvador : UCA Editores, 1979. (Elektronisch einsehbar auf: repositorio.uca.edu.sv › jspui › bitstream › El compadrazgo)

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