Lourdes – Stärke in der Schwachheit

Mathias Werfeli SJ von Mathias Werfeli SJ,

Wie gehe ich mit Krankheit und Schmerz um? Wo schöpfe ich frischen Mut und Kraft? Diese Fragen begleiteten mich während der zwei Wochen, in denen ich in Lourdes am Fuss der Pyrenäen in der Pilger-Seelsorge des Marienheiligtums arbeitete.

Krankheiten und Beeinträchtigungen machen uns hilflos. Plötzlich sind wir auf andere Menschen angewiesen, die uns helfen. Seien es Eltern, Verwandte, Freunde oder in schweren Fällen Pflegefachleute sowie Ärztinnen und Ärzte. Wir werden abhängig und verlieren unsere über alles geschätzte Freiheit. Für kurze Zeit mag das gehen, dann ist man eben krank und wird wieder gesund. Aber Langzeitpatienten und Menschen mit Beeinträchtigungen müssen sich damit abfinden, eine lange Zeit oder für ihr ganzes Leben auf Hilfe angewiesen zu sein. In die Einsicht über die eigene Situation können sich Ärger, Trauer und Wut mischen. Und viele fühlen sich sogar als Last für ihre Umgebung.

Umso wichtiger ist es, diesen Menschen nebst der medizinischen auch psychologische und spirituelle Hilfe zukommen zu lassen. Das ist beileibe keine neue Entdeckung, aber es lohnt sich, es immer wieder zu betonen. Menschen brauchen das Gefühl, weiterhin vollwertige Mitglieder der Gesellschaft und - als Christen – ein von Gott gewollter Teil der Schöpfung zu sein. Mit Krankheit umgehen lernen heisst auch, die Stärke in der Schwachheit zu entdecken und sich darüber zu freuen, dass man zusammen stärker ist.

Bei der Arbeit im Heiligtum von Lourdes durfte ich genau das entdecken: Solidarität macht stark! Viele Pilger kommen nach Lourdes, um Gott durch die Fürsprache Marias zu erfahren. Gott erfahren heisst,  als Mensch angenommen zu sein. Bernadette Soubirout war unterwegs, um Feuerholz zu sammeln. Mit dessen Verkauf half die 14-Jährige ihrer Familie, die zu den ärmsten von ganz Lourdes gehörte. Und genau in der Grotte von Massabielle, wo es viel Holz gab, begegnete sie der Jungfrau Maria. Diese duzte das Mädchen nicht, sondern sprach es mit «Sie» an. Bernadette schrieb später, sie habe sich als Mensch wertvoll und stark gefühlt. Ihr Asthma, ihre Armut, ihr Analphabetismus waren in dem Moment nicht vorhanden. Wichtig waren nur die Begegnung mit Maria und das Gebet. Die Jungfrau erschien ihr als etwa gleich gross und gleich jung wie sie – ein Zeichen dafür, wie sich Maria uns anpasst.

Auf die Menschen in ihren Lebensumständen eingehen und ihnen die Möglichkeit geben, sich auszutauschen und Gemeinschaft im Gebet zu erfahren: Darin liegt ein wichtiger Sinn von Lourdes.

Ich durfte auch mit vielen Familien sprechen, die erfahren, dass sie mit der Situation ihrer Angehörigen nicht alleine sind. Ein paar Mal habe ich Menschen begleitet, deren Angehörige zu schwach sind, um selbst zu kommen – sie machten den Weg nach Lourdes als Pilgerfahrt für die zu Hause Gebliebenen. Lourdes macht Mut, auch wenn die Krankheit bleibt…

Ich will nichts beschönigen: Allzu oft bleiben die Beinträchtigungen, die physischen und psychischen Krankheiten, und nach Lourdes beginnt der kräftezehrende Alltag wieder. Dieses Kreuz nimmt den Betroffenden niemand ab. Und doch: So wie Simon von Kyrene das Kreuz Jesu ein Stück des Weges getragen hat, so können die Pilger in Lourdes erfahren, dass auch ihr Kreuz von der Gemeinschaft und der Gesellschaft mitgetragen wird.

Hier kommen die freiwilligen Helferinnen und Helfer zum Zug, die in Lourdes zu tausenden Jahr für Jahr von März bis Oktober Pilgern mit Rat und vor allem Tat zur Seite stehen. Junge und Alte, Frauen und Männer aus der ganzen Welt, Laien und Fachpersonal, Seelsorgerinnen und Seelsorger; sie alle geben ihre Freizeit, um Jesus‘ Wort aus dem Matthäusevangelium 25, 40 zu erfüllen: «Was Ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt Ihr mir getan.»

Ob im Hospiz bei den Kranken, in den verschiedenen Unterkünften, im Village des Jeunes für die Jugendlichen, in der Cité Saint Pierre der Caritas für die Pilger, die sich sonst keine Unterkunft leisten können oder in der Organisation der Messen und Prozessionen: Überall sind Freiwillige am Arbeiten. Besonders eindrücklich war der Einsatz in den Bädern, wo die Pilger ins Wasser der Grotte eintauchen. Das Wasser hat keinerlei medizinische oder mineralogische Heilswirkung, es ist einfaches, klares Bergquellwasser. Es erinnert uns an die Taufe, an das Heilsversprechen von Jesus Christus, uns zu Kindern Gottes zu machen. Deswegen haben die Pilger vor und nach dem Bad Gelegenheit zu beten. In ihrer Sprache, leise oder laut, so lange wie sie brauchen. Dann werden sie von zwei Helfern ins Wasser getaucht und wieder aufgerichtet. Das ist durchaus symbolisch: Gott nimmt uns Menschen mit allen Schwächen an, macht uns rein und richtet uns wieder auf, damit wir frei und ohne Angst leben. Gott begleitet uns – auch in und durch unsere Mitmenschen. In Lourdes habe ich aufs Neue gelernt: Gott zu danken heisst auch, all jenen Menschen zu danken, die mich täglich aufrichten und mir helfen.

Wem können Sie heute danken?

Mathias Werfeli SJ, Scholastiker im Studium der Theologie und Philosophie in Paris
Bild: Lichtprozession der Menschen in Rollstühlen (mw)

 

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