Streik und Würde in Paris

Mathias Werfeli SJ von Mathias Werfeli SJ,

Geschlagen auf dem Velo! In den Sekunden davor bin ich mit meinen Gedanken noch ganz beim Pariser Streik und meiner nächsten Religionsstunde, als mir eine Fussgängerin wutentbrannt auf den Arm schlägt. Aber von Anfang an…

Der Morgen am Centre Sèvres, der Pariser Jesuiten-Uni, ist zu Ende. Schnell schwinge ich mich aufs Velo, um in meine Kommunität zum Mittagessen zu fahren. Während ich mich durch den dichten Verkehr schlängle, frage ich mich, ob dieser Streik denn niemals aufhört?

Wir sind schon in der achten Streik-Woche und noch immer ist die Mobilität in Paris stark eingeschränkt, obwohl einige Linien der Métro und der S-Bahn ihren Betrieb wieder aufgenommen haben und die allermeisten Busse wieder planmässig fahren. Aber meistens nur zu den Stosszeiten morgens und abends. Wer tagsüber unterwegs ist, muss entweder laufen, das Velo nehmen oder versuchen, in einen der total überfüllten Busse einzusteigen.

„Na, viel Glück dabei!“ wünsche ich innerlich den Leuten an der Bushaltestelle, die ich eben passieren wollte, als mir ein Lieferwagen den Weg abschneidet und mich zum Anhalten zwingt. Eine Reihe bekannter Schweizerdeutscher und Französischer Kraftausdrücke gehen mir durch den Kopf – ich spare mir aber den Atem, um scharf abzubremsen und den Lieferwagen zu umrunden. Dann ist die Ampel natürlich schon wieder rot… Es sind jetzt einfach zu viele Leute auf der Strasse unterwegs, die sonst die Métro nehmen würden, was die eh schon beträchliche Pariser Verkehrsdichte noch erhöht. Einige Verkehrsteilnehmer haben offensichtlich auch nicht so viel Erfahrung im Strassenverkehr und stehen sich selber mehr im Weg, als zügig voranzukommen. Die junge Frau vor mir zum Beispiel. Sie strampelt und strampelt und kommt kaum vom Fleck. Ich erkläre ihr im Überholen, wie eine Gangschaltung funktioniert und siehe da: An der nächsten Ampel überholt sie mich mit Schuss. Stets zu Diensten! So macht das Fahren doch noch Spass und ich bin wieder ganz froh gestimmt.

Jetzt habe ich Zeit, mich auf den Weg zu konzentrieren, gedanklich schweife ich aber wieder ab. Die nächste Religionsstunde vom Freitag am Jesuiten-Gymnasium Saint-Louis-de Gonzague muss ich noch vorbereiten. Thema: Katholische Soziallehre – die Würde des Menschen. Letztes Jahr hatten wir im Lehrerteam das Thema mit Hilfe von Bildern eingeführt, das kam bei den Schülerinnen und Schülern gut an. Schrittweise haben wir die Würde als unveräusserliches Merkmal des Menschen erarbeitet und gesehen, wie jeder Mensch diese Würde als Geschöpf Gottes besitzt. Dann haben wir Beispiele dafür gesucht. Dafür muss man gar nicht so weit gehen. Die junge Frau, der ich geholfen habe, statt sie anzuschnauzen, dass sie mir aus dem Weg geht – das ist ein positives Beispiel. Leider hat es beim Lieferwagen nicht so gut geklappt. Ich hätte ja auch Abstand halten können, statt an ihm vorbeidrängeln zu wollen.

Ich glaube, abstrakt können wir alle gut über Würde sprechen und finden genügend Beispiele in unserer Gesellschaft und auf dem Planeten, wo die Würde banalisiert, missachtet und systematisch verletzt wird. Es ist wichtig, darüber zu sprechen und Missbrauch anzuklagen. Aber machen wir es uns im Alltag manchmal nicht zu einfach? Die Würde des Anderen ist eben auch da verletzt, wo ich mich mit dem Velo vordrängle, nur um eine Minute schneller im Büro oder zu Hause zu sein. Oder wo ich mich im Bus (wenn er denn fährt) demonstrativ in mein Smartphone vertiefe, um meinen Sitzplatz nicht aufgeben zu müssen. Sicher, das sind keine Menschenrechtsverletzungen und es wird deswegen niemand sterben, aber wenn mein Gegenüber wirklich ein von Gott gewolltes Geschöpf ist, dann sollte ich mich zurücknehmen können. Dann sollte ich Rücksicht zeigen und dem Anderen den Vortritt lassen. Solche Gedanken kommen mir in den Sinn. Langsam nimmt die Religionsstunde in meinem Kopf Gestalt an.

Gegen Ende der vier Kilometer freue ich mich definitiv aufs Mittagessen. Unsere Köchin ist eine echte Wucht und ihr Essen eines der Highlights unserer Kommunität. Aber vor unserem Haus kommt mit der Brücke Bir Hakeim noch ein pièce de résistance. Der Veloweg ist in der Mitte, unter den Métro-Geleisen, links und rechts hat es Trottoirs für die Fussgänger. Wenn es aber regnet wie jetzt, nehmen alle den trockenen Veloweg. Es ist immer das Gleiche…! Ich nehme nochmals Anlauf und fahre langsam um die Leute herum. Mein Klingeln nützt nicht viel. Endlich wird der Weg frei, ich trete in die Pedale und bin fast am anderen Ende. Da bemerke ich in letzter Sekunde eine Gruppe von Müttern und Kindern, die ohne zu schauen den Veloweg überqueren. Ich klingle wie verrückt und bin schon fast an einer Mutter und ihren Kindern vorbeigefahren, als sie mich auf den Arm schlägt!

Ich mache eine Vollbremsung und blicke zurück: Ich sehe ihr wutverzerrtes Gesicht. Ich spüre in mir Erschrecken, Überraschung und ebensolche Wut. Dann…

Wie würden Sie reagieren? Ich freue mich auf Ihre Reaktionen! Und schreibe dann gerne, wie es weitergegangen ist.

Mathias Werfeli SJ, Scholastiker im Studium der Theologie und Philosophie in Paris
Bild: (fast leere Métrostation in Paris, Copyright Pixabay.com

 

Weiterführende Links

https://www.capital.fr/tag/greves

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