Tages-Evangelium nach Markus

Christian Rutishauser SJ von Christian Rutishauser SJ,

Ein winziges Virus diktiert mittlerweile einen beträchtlichen Teil der Welt. Auch in unserem Land brauchen wir derzeit einen langen Atem. Und wenn auch die Sache noch lange nicht ausgestanden ist: Hoffnung leitet und trägt Menschen seit jeher – dieser Tage ist es insbesondere die Hoffnung auf Solidarität über Grenzen der Generationen, Kulturen, Nationen, Religionen hinweg.

Das spirituelle Leben will in einer Zeit der Unsicherheit und Krankheitsbedrohung besonders gepflegt sein. Der Rückzug von äusseren Aktivitäten lädt dazu ein, sich der geistig-geistlichen Gesundheit zuzuwenden. Öffentlich Gottesdienst zu feiern, ist aber zurzeit nicht möglich. Zeit zu Hause ist angesagt.

Die Schweizer Jesuiten kommentieren daher täglich einen der Lesungstexte der Eucharistiefeier, die für den Tag vorgesehen sind. Der Kommentar soll helfen, den biblischen Text vertieft zu meditieren.

Haben Sie Zeit für eine Meditation von etwa 20 Minuten, empfehlen wir Ihnen folgende Schritte:

  1. Gott in persönlichen Worten um Offenheit für seine Gegenwart bitten.
  2. Lektüre des Lesungstexts.
  3. Innehalten beim Text; ihn zu verstehen suchen.
  4. Lektüre des Kurzkommentars.
  5. Innehalten beim Gelesenen; tiefer verstehen suchen.
  6. Ein Gespräch mit Gott über das Angesprochene. Daraus entsteht Dank oder Bitte.
  7. Abschluss der Meditationszeit mit einem «Vater unser».

 

Mittwoch, 18. März 2020: Lesung aus dem Buch Deuteronomium, Dtn 4, 1.5-9

Mose sprach zum Volk: 

1Israel, höre die Gesetze und Rechtsvorschriften, die ich euch zu halten lehre. Hört, und ihr werdet leben, ihr werdet in das Land, das der Herr, der Gott eurer Väter, euch gibt, hineinziehen und es in Besitz nehmen.
5Hiermit lehre ich euch, wie es mir der Herr, mein Gott, aufgetragen hat, Gesetze und Rechtsvorschriften. Ihr sollt sie innerhalb des Landes halten, in das ihr hineinzieht, um es in Besitz zu nehmen.
6Ihr sollt auf sie achten und sollt sie halten. Denn darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker. Wenn sie dieses Gesetzeswerk kennen lernen, müssen sie sagen: In der Tat, diese große Nation ist ein weises und gebildetes Volk.
7Denn welche große Nation hätte Götter, die ihr so nah sind, wie Jahwe, unser Gott, uns nah ist, wo immer wir ihn anrufen?
8Oder welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsvorschriften, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?
9Jedoch, nimm dich in Acht, achte gut auf dich! Vergiss nicht die Ereignisse, die du mit eigenen Augen gesehen, und die Worte, die du gehört hast. Lass sie dein ganzes Leben lang nicht aus dem Sinn! Präge sie deinen Kindern und Kindeskindern ein!

 

Kommentar von Beat Altenbach SJ; Universitätsseelsorger in Basel

Selten war die heutige Lesung aus dem Buch Deuteronomium aktueller als in diesen Tagen: „Höre die Gesetze und Rechtsvorschriften, die ich euch zu halten lehre. Hört, und ihr werdet leben…“. Seit Wochen hören wir fast täglich von neuen Massnahmen, Vorschriften und Verboten. Und plötzlich sind wir nicht nur aufgefordert zu hören und acht zu geben, sondern auch zu gehorchen im Vertrauen darauf, dass es tatsächlich dem Leben dient.

Der Begriff „gehorchen“ ist aus der Mode gekommen in einer Zeit, in der die persönliche Autonomie zum letzten Massstab erhoben wird und in der eine Massnahme auch immer noch dem einzelnen einleuchten muss, um einen Anspruch auf Verbindlichkeit erheben zu können. Und daher scheint auch heute noch nicht jeder zu verstehen und zu akzeptieren, dass es bei den aktuellen Geboten und Einschränkungen nicht zuerst um das individuelle Wohl des einzelnen geht, über das jeder und jede noch einmal für sich selber bestimmen könnte. Sondern dass es um das Wohl der Schwächsten geht und um das Funktionieren einer Gesundheitsinfrastruktur, die letztlich dem Wohl aller dient.

Dieses Wohl aller steht auch schon am Ursprung der biblischen Gebote und Rechtsvorschriften, die das Volk Israel gemäss der Heiligen Schrift von Gott offenbart bekommen hat. Diese sind nicht irgendwelche willkürlich geforderte Bedingungen, die der einzelne Mensch erfüllen muss, um ein gottgefälliges Leben zu führen und am Ende seine Seele zu retten. Sie sind vielmehr die – auch aus der konkreten menschlichen Erfahrungen abgeleiteten - Grundlagen eines gelingenden und fruchtbaren Zusammenlebens einer Gemeinschaft. Das von Gott verheissene Leben ist dabei nicht die „Belohnung“ sondern die Frucht des gehorsamen Hörens.

Dahinter verbirgt sich die Umkehr der Liebeslogik, die letztlich der Verkündigung Jesu zugrunde liegt: Es geht nicht darum, zu hören und zu gehorchen, damit Gott uns liebt. Sondern weil Gott uns liebt, sind wir eingeladen zuzuhören, wie wir auf diese Liebe antworten könnten und was wir tun könnten, um diese Liebe für andere fruchtbar werden zu lassen. Gerade in diesen schwierigen Zeiten sind wir als Christinnen und Christen eingeladen, hoffnungsvoll auf diese bedingungslose Liebe Gottes zu vertrauen und im gehorsamen Hören das zu tun, was hier und heute dem Leben aller dient. „Darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker“.

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