Weckruf der Mutter Erde

von Andreas Schalbetter SJ,

Die nächste UNO-Klimakonferenz findet vom 2. bis 13. Dezember 2019 in Madrid statt. Es ist die Fünfundzwanzigste – und nichts scheint sich zu ändern. Oder doch? Ich freue mich über Fridays for Future, über Laudato si, über die Menschen, die ihren Lebensstil überdenken und handeln.

Die Folgen des Klimawandels rücken allmählich ins globale Bewusstsein und ist in aller Munde. Was vielen von uns seit Jahrzehnten bewusst ist, wird heute öffentlich diskutiert. Nicht zuletzt dank Fridays for Future, der Klima-Streik-Bewegung der Jugendlichen, die uns wachrüttelt. Darüber freue ich mich und denke: Endlich! Wir alle sollten die Mutter Erde, die uns ernährt, schützen und bewahren.

Seit Jahrzehnten beobachte ich als Bergwanderer etwa im Wallis das Schwinden der Gletscher, der weissen Riesen mit dem blauen Gold. Das Gleichgewicht des Trinkwassers gerät ins Wanken – insbesondere in heissen Sommer-Monaten.

Die Enzyklika Laudato si (LS), das Schreiben von Papst Franziskus, begeistert mich und ich denke: Endlich! Der Titel Laudato si geht auf Franz von Assisi zurück. Er nannte jedes Geschöpf seine Schwester, seinen Bruder und lud sie ein zum Lobe Gottes (vgl. LS Nr. 11).

Wie die Wissenschaft uns darlegt, gerät die Welt allmählich aus den Fugen. Die Biomasse der Insekten verringerte sich in wenigen Jahrzehnten um drei Viertel. Das Risiko, dass viele Arten aussterben, wächst. Das Klima ist gestört. Die Folgen sind noch kaum abzuschätzen. Etwa ist vorstellbar, dass wir Menschen in manchen Regionen des Globus viele Wochen hindurch nicht mehr leben können, weil es schlicht zu heiss ist. Das wird zu viel grösseren Flüchtlingsströmen führen als die heutigen.

Wie das Klima sich künftig verändert, hängt auch von uns ab: Die Naturwissenschaft zeigt uns den globalen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum, Verschleiss der Ressourcen und dem Temperatur-Anstieg. Es gibt menschliche Wurzeln und Ursachen der ökologischen Krise. Als Menschen und als Christen tragen wir also eine Mitverantwortung an der Schöpfung (vgl. LS Nr. 102). Manche Experten gehen von einem unendlichen, grenzenlosen Wachstum aus. Dieses Wachstum setzt aber die Lüge bezüglich der unbegrenzten Verfügbarkeit der Güter des Planeten voraus. Diese Lüge führt dazu hin, den Planeten bis zur Grenze und darüber hinaus «auszupressen» (vgl. LS Nr. 106).

Laudato si zeigt den Zusammenhang zwischen Umwelt- und Glaubenskrise sowie sozialer Ungerechtigkeit. Papst Franziskus schreibt: «Die menschliche Umwelt und die natürliche Umwelt verschlechtern sich gemeinsam, und wir werden die Umweltzerstörung nicht sachgemäss angehen können, wenn wir nicht auf Ursachen achten, die mit dem Niedergang auf menschlicher und sozialer Ebene zusammenhängen. Tatsächlich schädigen der Verfall der Umwelt und der Gesellschaft in besonderer Weise die Schwächsten des Planeten» (LS Nr. 48). Und weiter: «So beeinträchtigt zum Beispiel die Erschöpfung des Fischbestands speziell diejenigen, die vom handwerklichen Fischfang leben und nichts besitzen, um ihn zu ersetzen; die Verschmutzung des Wassers trifft besonders die Ärmsten, die keine Möglichkeit haben, abgefülltes Wasser zu kaufen, und der Anstieg des Meeresspiegels geht hauptsächlich die verarmte Küstenbevölkerung an, die nichts haben, wohin sie umziehen können» (LS Nr. 48). Wir sehen also den Zusammenhang von globaler Umweltkrise und sozialer Ungerechtigkeiten.

Welchen Lebensstil pflege ich im Wissen um diese Zusammenhänge? Etwa in meinem Konsum- und Reise-Verhalten, meinen Wohnansprüchen? Wir sind zwar nicht die Retter der Welt –  das ist Jesus Christus allein. Aber wir tragen für die Entfaltung der Welt eine Mitverantwortung. Kaufe ich primär Esswaren aus der Region? Verzichte ich, wenn möglich, auf das Fliegen, auf übermässigen Fleisch-Konsum, auf übermässigen Konsum des Internets?

Achten wir in unseren Ländern darauf, dass die Wiesen nicht überdüngt werden, dass die Blumenvielfalt und somit die Insekten-Vielfalt bleiben! Ohne Bienen und andere Insekten gibt es riesige Auswirkungen.

Wenn wir weiterhin skrupellos die Erde ausbeuten, leiden darunter am meisten die sozial Schwächsten. Irgendwann wären wir alle an der Reihe. Ein neuer Lebensstil gelingt, indem wir uns hinterfragen und auf Gott schauen, der seine Schöpfung und uns damit liebt. Er ist wie ein Gärtner, der alles schön gestaltet und geformt hat. Indem wir die Schöpfung pflegen und hegen – und uns den Ausgegrenzten zuwenden, erweisen wir auch dem Schöpfer die Ehre!

Krise

 

Immer schneller

immer mehr

 

Wir verschmutzen

Luft und Meer

 

Wir verbrennen

Öl und Gas

 

Und verschwenden

ohne Mass

 

Die Inseln der Armen

versinken im Meer

 

Besitzlose schlucken

verseuchtes Wasser

 

Die Kleinen

erleiden am meisten

 

Kehren wir um

zum Schöpfer

 

Er erhält alles

All ihr Geschöpfe lobet ihn

 

Andreas Schalbetter SJ, Studierenden-Seelsorger Luzern

 

Quelle: Papst Franziskus, Laudato si. Die Umwelt-Enzyklika des Papstes. Über die Sorge für das gemeinsame Haus, Freiburg in Breisgau 2015.

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