Wenn der Tod nicht mehr sein darf

von Martin Föhn SJ,

Kürzlich berichtete eine mir nahestehende Person vom Ableben eines Menschen in Deutschland, das mich immer noch irritiert.

Ein Mann Mitte Sechzig erlitt den dritten Schlaganfall. Seine Ehefrau fand ihn im Badezimmer, nackt auf dem Boden liegend. Sein Körper hatte bereits nicht mehr die übliche Temperatur. Die Frau registrierte dies, versuchte im Schock aber, ihn aufzuwecken. Da er nicht reagierte, meldete sie sich beim Notruf. Der Nothelfer am Telefon wies sie an, sofort ins Bad zugehen und ihren Mann zu reanimieren. Die Frau erwiderte, sie hätte ihren Mann zu spät gefunden, er sei bereits verstorben. Doch der Nothelfer insistierte. Als sie sagte, ihr Mann sei bereits abgekühlt, befahl er ihr, unverzüglich zu den Nachbarn zu gehen und ihnen das Telefon zu überreichen. Die Frau kam der Aufforderung mechanisch nach. Kaum hatten die Nachbarn das Telefon in der Hand, wurden diese ins Badezimmer beordert, leiteten wie geheissen Wiederbelebungsmassnahmen ein und hielten diese  aufrecht, bis das Notfallteam ankam. Die Frau sagte, ihr Mann wünsche keine lebensverlängernden Massnahmen, es sei sein dritter Schlaganfall. Doch einer der Sanitäter hatte bereits angefangen, Notadrenalin zu spritzen und die Elektroschocks vorzubereiten. Der andere insistierte auf die Patientenverfügung. Erst als die Frau ihnen diese unter die Nase hielt, beendete das Notfallteam die Wiederbelebungsmassnahmen.

Um den Tod zu bestätigen, braucht es zwei Ärzte. Also wurde ein zweiter Arzt angerufen. Es war Samstagabend, der Diensthabende war für andere Notfälle unterwegs. Die Wohnung hatte eine Gästetoilette, und so versiegelte die Polizei, die mittlerweile eingetroffen war, das Badezimmer. Nebst dem zweiten Arzt musste die Forensik her und Spurensicherung machen. Das Badezimmer wurde erst am Sonntag um 11 Uhr wieder aufgemacht, als die Forensik und der zweite Arzt vor Ort waren. Die Frau und ihre erwachsenen Kinder, die sie herbeigerufen hatte, verbrachten die Nacht im Haus, wissend, dass Ehemann und Vater tot im Badezimmer lag. Als der zweite Arzt den Tod nochmals bestätigte und der Mordverdacht wegfiel, konnte die Familie endlich zum Verstorbenen. 

Ich frage mich – und die Fragen überhäufen sich: In was für einer Gesellschaft leben wir? Muss mit aller Gewalt reanimiert werden? Gibt es keine Würde für Sterbende, für Verstorbene? Muss jeder Tod zu Hause gleich als Mord betrachtet werden? Zählt die Glaubwürdigkeit einer Frau nach 40 Ehejahren mit ihrem geliebten Partner nichts? Der Tod ist für Angehörige schmerzhaft, oft das Schmerzhafteste überhaupt im Leben. Wie gross muss dabei die Liebe der Frau gewesen sein, dass sie ihren Mann hätte gehen lassen können. Es war das Notfallteam mit genau definiertem Prozedere – für mich unser westliches Gesellschaftssystem –, das den Mann unter allen Umständen zurückholen wollte.

Der Tod eines Menschen darf fast nicht mehr sein. Das ist einerseits gut verständlich, wir wollen geliebte Menschen nicht einfach loslassen. Sie haben zu unserem Leben gehört, wir haben mit ihnen viel Zeit verbracht, unsere Eindrücke, Werte, Freuden geteilt – das Leben ohne sie wird nie mehr gleich sein. Wenn ein nahestehender Mensch stirbt, stirbt ein Teil von uns. Tod heisst, unbekanntes Gelände zu beschreiten, das Leben neu zu strukturieren. Das macht Angst, ist anstrengend, hinterlässt grosse Trauer. 

Andererseits: Wir alle erleben Tod, werden durch den Tod gehen müssen, und als Christen hoffen wir auf die Auferstehung. Aus dem Glauben heraus dürfen wir in solch extremen Situationen Menschen auch sterben lassen. Einen erdigen Gedanken dazu: Ohne den Tod gibt es kein Leben. Nur wenn Pflanzen, Bäume und Tiere sterben, können andere Lebewesen leben. Sie brauchen Nahrung, Platz, und nur wenn sie weichen, kann der Kreislauf des Lebens stattfinden. Diesem Kreislauf kann sich auch der Mensch nicht entziehen – da können wir noch lange versuchen, als einzelne, als Gesellschaft dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Franz von Assisi nannte den Tod unseren Bruder. Für mich ist dies eine tröstliche Vorstellung.

Martin Föhn SJ, Scholastiker, zurzeit an der Jesuiten-Hochschule Sèvres Paris

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