Wüstenzeit

von Franz-Xaver Hiestand SJ,

Am vergangenen Montag hat der Bundesrat die Massnahmen gegen das Coronavirus zum Schutz der Gesundheit verschärft. Ich stelle mich darauf ein, dass die jetzigen Bestimmungen länger dauern als angekündigt.

Als dies noch möglich war, haben sich im aki, dem Haus der katholischen Hochschulgemeinde, Studentinnen und Studenten intensiv über die jüngsten Entwicklungen ausgetauscht. Erschüttert zeigten sich manche über Hamsterkäufe oder Ethanol-Diebstähle in ihren Instituten. Als Patienten im Unispital nicht mehr besucht werden konnten, erfasste eine junge Ärztin, dass nun eine sehr einschneidende Zeit beginnt. Und wie wir gerade daran waren, die Diskussion zu beenden, erhielten ETH-Studenten die Nachricht, dass ihre Räume bis auf weiteres nicht mehr zugänglich sind und der Unterricht nur noch online weitergeht. 

Zusammen mit den Studierenden haben wir in der Folge darüber sinniert, wie wir die nächsten Wochen, vielleicht Monate gestalten wollen. Am meisten umgetrieben hat uns die Frage, wie wir einerseits entschieden die staatlichen Vorgaben zur Eindämmung des Virus mittragen können und wie wir anderseits die Botschaft des Evangeliums und die Ressourcen und Energien der Kirche für andere Menschen fruchtbar machen können.

Einerseits ist uns bewusst, was der Schriftsteller Lukas Bärfuss früh auf den Punkt gebracht hat: «Menschen sind immer noch soziale Wesen, und sie brauchen zuerst wirkliche Räume. Sie wollen sich leibhaftig sehen, persönlich sprechen. Der physische Kontakt ist unersetzlich.» Anderseits ist uns immer klarer geworden, dass jetzt jeder Verzicht auf bestimmte soziale Kontakte, sogar jeder Verzicht auf religiöse Feiern ein Akt der Solidarität ist. Noch am selben Abend hat mir eine junge Naturwissenschaftlerin diese Haltung beispielhaft zum Ausdruck gebracht, indem sie mir einen wissenschaftlichen Beitrag sandte, der eindringlich dazu aufruft, zu Hause zu bleiben. 

Wie können wir in diesen Zeiten einerseits «wirkliche Räume» ermöglichen und gleichzeitig solidarisch zu den Risikopatientinnen und –patienten und zu all den Menschen im Bereich der Medizin sein, welche in den kommenden Wochen bis aufs Äusserste gefordert sein werden?

Denn das ist klar. Wir möchten einen Beitrag dazu leisten, dass das Virus das gesellschaftliche Leben und menschliche Beziehungen nicht vergiftet. Wir glauben, dass ein Ort wie das aki eine Ressource ist, ein Ort, der Hoffnung kultiviert und geistige Perspektiven freilegt. Eine Informatik-Studentin sagte: «Vielleicht trägt das Virus dazu bei, dass wir neue Formen des Glaubens entdecken und erproben? Vielleicht erschliesst uns die jetzige Entwicklung besser, was es heisst, im 21. Jahrhundert Glauben zu leben und zu denken? » Ein Historiker fragte sich: «Wie werden die Menschen wohl nach diesen einschneidenden Erfahrungen der kommenden Wochen in den Alltag zurückkehren? Wird es je wieder die frühere Normalität geben?» Eine Psychologie-Studentin merkte an, dass das Thema der Sterblichkeit für sie viel konkreter geworden sei. «Ich erahne nun besser, was es heisst, dass wir alle sterblich sind.» Und eine junge Chemikerin hat hinzugefügt, die bisherigen Corona-Diskussionen in den Medien seien viel zu sehr von einem bloss technischen und wissenschaftlichen Denken geprägt gewesen. Sie habe ja auch einmal Epidemiologie studiert und kenne die Modell-Rechnungen. Doch es gehe doch um viel mehr. Die Sterblichkeit und der Tod würden bisher fast vollständig ausgeblendet.

Solche Worte werden den Rahmen für unser weiteres Nachdenken und Engagement bilden. Das aki will auch in diesen prekären Zeiten ein Ort der Begegnung, des Austauschs, der Versenkung, des Gebets und der Reflexion sein. Wir wollen uns mit dem Projekt «Solidarität für Zürich»  verbinden und auf digitalem Wege Initiativen fördern. Das möge ein erster, schüchterner Antwortversuch auf die Frage sein, wie wir «wirkliche Räume» schaffen können.

Doch wir fragen weiter. Was bedeutet es für unser gegenwärtiges Handeln, Denken und Glauben, wenn Forschungen ergeben haben, dass die Christen in der Frühzeit bei Epidemien nicht aus den Städten flohen? Offenbar unterstützten sie sich gegenseitig. Offenbar beteten sie gemeinsam und begruben die Toten gemeinsam. Offenbar ist ihre Überlebensrate aufgrund ihrer gewissenhaften Hilfe und ihrer solidarischen Beziehungen auch ohne Medikamente höher gewesen als diejenige anderer Gruppen. Was bedeutet dies für uns heute?

Wir vertrauen darauf, dass auch jetzt manche Schritte, die wir wagen, Ungeahntes möglich machen. Wir wollen keinen falschen Heroismus und keine Tollkühnheit, aber auch keine Panik und bloss angstbesetzte Abschottung.

Vor drei Wochen hat die Katholische Kirche weltweit die Fastenzeit begonnen. In der Fastenzeit erinnern sich Christinnen und Christen daran, dass Jesus selbst 40 Tage in der Wüste fastete.

Es scheint, als sei die gesamte Weltbevölkerung in eine Art Fastenzeit eingetreten. Soviel Fastenzeit war nie, schreibt Aschi Rutz von der Katholischen Kirche im Kanton Zürich. Nun zieht die ganze Welt in die Wüste, in die Stille. Im Moment macht sie das experimentierfreudig, neugierig, fast mit Enthusiasmus. Was sich dabei entwickeln könnte, hat Timo Feldhaus vergleichsweise früh skizziert: «Die meisten von uns werden, so jedenfalls der aktuelle Stand, nicht durch das Virus sterben. Sondern sehr viel Zeit haben. Sich zurückziehen. Und sich vielleicht erstmals praktisch mit einem riesigen Problem auseinandersetzen, das der französische Mathematiker, Physiker und Philosoph Blaise Pascal bereits im 17. Jahrhundert erkannte: ‘Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.’» Doch machen wir uns nichts vor. Es werden sehr schwierige Zeiten kommen mit Verwerfungen und vielen schmerzlichen Verlust-Erfahrungen.

Damals in der Wüste hätte Jesus aus Steinen Brot machen können (Matthäus-Evangelium 4, 1-11). Doch er hat darauf verzichtet, auf alles zuzugreifen. - Er hätte sich von einem Felsen herabstürzen können, ohne sich dabei zu verletzen. Doch er hat darauf verzichtet, grenzenlos frei zu sein. - Und er hätte alles und alle beherrschen können. Doch er hat darauf verzichtet, jede Macht zu ergreifen. Er hat sich entschieden, primär aus seiner Beziehung zum unendlich Grösseren, zum unendlich Anderen zu leben, den er «Abba», «Vater», nannte.

Wir stehen heute vor der Aufgabe, selbst einen Weg durch die Wüste zu suchen. "Die Wüste gehört dazu. Auch die physische Wüste. (…) Die großen Aufbrüche der Menschheit und des Menschen werden in der Wüste entschieden. Sie haben ihren Sinn und ihren Segen, die großen, leeren Räume, die den Menschen allein mit dem Wirklichen lassen. Die Wüste ist einer der fruchtbarsten und gestaltenden Räume der Geschichte. (…)  Es steht schlimm um ein Leben, wenn es die Wüsten nicht besteht oder sie meidet." Geschrieben hat diese Zeilen der Jesuit Alfred Delp SJ, der 1945 von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde.

Es mag hilfreich sein, dass wir uns bewusst machen, für wen alles wir durch diese Wüste gehen. Verbinden wir uns zuerst mit jenen Menschen aus unseren Umfeldern und Familien, die gefährdet sind und vielleicht sterben werden! Denken wir an sie! Holen wir sie geistig vor unsere Augen! Schreiben wir ihnen! Beten wir für sie!

Verbinden wir uns auch mit jenen Menschen, für die wir bereit sind, diese Wüstenzeit zu bestehen! Und vor allem, halten wir unsere Hoffnungen wach. Halten wir an unseren Projekten für mehr Frieden, mehr Liebe, mehr Gerechtigkeit und mehr Glauben in dieser Welt fest. Orientieren wir uns auch da an Alfred Delp SJ, der schrieb: „Die Wüsten müssen bestanden werden, die Wüsten der Einsamkeit, der Weglosigkeit, der Schwermut, der Sinnlosigkeit (...); denn Gott, der die Wüste schuf, erschließt auch die Quellen, die sie in fruchtbares Land verwandeln."

Bild: wikipedia

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