Ästhetik in Stein gemeisselt

von Andreas Schalbetter SJ,

Wer postet die coolsten Bilder in den Sozialen Medien wie Facebook oder Instagram? Wer erhält die meisten Likes? Tag für Tag werden wir mit einer Flut von Bildern bestürmt, die unsere Aufmerksamkeit zu fesseln suchen. Der Zugang zur sakralen Bilderwelt hingegen ist vielen Menschen kaum mehr zugänglich.
Living Stones setzt genau hier an, will im Sinne der Aufklärung Räume neu erschliessen: Die Bewegung versucht, die Ästhetik kirchlicher Räume ins Bewusstsein zu bringen, wo doch die Ästhetik in unserer Gesellschaft eine so bedeutende Rolle einnimmt.

Living Stones besteht aus Gruppen von jungen Erwachsenen, die in über 30 Städten Europas Kirchenführungen anbieten –  ein internationales Netzwerk, das lokal verankert ist, auch in der Schweiz: Mittlerweile gibt es Gruppen in Luzern, St. Gallen, Fribourg und Zürich.

Die Living Stones bringen den symbolischen, spirituellen Gehalt der Kirchenkunst unentgeltlich Passanten und Touristen näher. Dabei versuchen sie auch jene zu erreichen, die der Kirche fernstehen oder aus Ländern kommen, wo Christen eine Minderheit sind oder gar unterdrückt werden. Living Stones hauchen Steinen Leben ein, wie es der Name sagt, und bringen sie zum Sprechen. Steine der Antike sprechen ohnehin Bände. Sie sind Zeugen einer vergangenen Epoche.

Für Living Stones gibt es viele Inspirationen, insbesondere im 1. Petrus-Brief, Kapitel 2:

«4 Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist. 5 Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen.»

Das Bild des «geistigen Hauses» finden wir mehrfach in der Bibel. Im Alten Testament wohnt Gott lange Zeit im Zelt.Salomo lässt in Jerusalem den Tempel bauen, einen eindrücklichen und symbolträchtigen sakralen Bau. Jesus erlebt den Tempel, den er bereits als 12-jähriger aufsucht. Er selbst wird zum auserwählten Stein, zum Eckstein: «Denn es heisst in der Schrift: Seht her, ich lege in Zion einen auserwählten Stein, einen Eckstein, den ich in Ehren halte; wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde.»  (1 Kor 2,6)

Auch wir bilden den Tempel, in dem der Heilige Geist wohnt. Wir bauen als «lebendige Steine» dieses geistliche Haus auf. Wir sind einzelne Steine, jede und jeder mit einer Geschichte. Jean-Paul Hernandez SJ schrieb in einem Artikel[i] von den «broken stones»: herausgebrochen, verletzt, jede und jeder die eigenen Lasten tragend.  Doch einzelne gebrochene Steine könnten zu einem Bau zusammengesetzt werden. Er ermutigt uns, mit unseren Ecken und Kanten, unserer je eigenen Persönlichkeit, unseren Schwächen und Stärken da zu sein. Hernandez, einer der Inspiratoren von Living Stones, ist mit italienisch-spanischen Wurzeln in Biel aufgewachsen, hat zunächst in Fribourg studiert und ist in Italien in den Jesuitenorden eingetreten. Er schreibt über die Schwere und Härte von Steinen: Hinter Härte stecke häufig Angst und Schwachheit, vielleicht Minderwertigkeitsgefühle, Versagensangst, die sich nach aussen in harten Kanten zeigt. Vielleicht kennen wir dies auch von uns?
Hernandez ermutigt uns, dies zunächst anzunehmen. Wir müssen nicht krampfhaft nach aussen perfekt sein. Jesus kann das Harte, Tote, Unsichere in uns wandeln und uns so gebrauchen wie wir sind. Jesus ist derjenige, der von den Toten auferstanden ist.

Zum Weiterdenken mag folgender Text anregen, der aus meiner Feder, auch einem Living Stones, entstanden ist:

Tragender Stein

 

Gestaute Energie

Granit sein

Steinmassen ertragen alles

 

Wasser mit Kiesel

und Sand schmirgelt

hartes Gestein

 

Forme du mich

durch Wasser im Geist

zu einem Granit einem Kristall

 

Trage und ertrage mich

in Christus

dem verworfenen Eckstein

 

Andreas Schalbetter SJ

Studierenden-Seelsorger Luzern


[i] Artikel von Jean-Paul Hernandez SJ: „A letter to those who wants to be a living stone”.

 

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