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Aufbruch zu Europa centralis

von Pia Seiler

Am 27. April 2021, im 500. Geburtsjahr und am Gedenktag des heiligen Petrus Canisius, werden sechs Länder Teil der neuen zentraleuropäischen Provinz der Jesuiten (ECE): Deutschland und Schweden, die Schweiz und Österreich, Litauen und Lettland. Warum die neue Provinz Europa centralis? Antworten von Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Jesuiten in der Schweiz, der Delegat wird für Schulen & Hochschulen von Europa centralis am neuen Hauptsitz in München.

Verfügbarkeit für den je grösseren Dienst am Reich Gottes ist ein Wesensmerkmal eines Jesuiten. Ignatius sammelte Mitbrüder aus unterschiedlichen Ländern. Er legte Wert darauf, dass sie sich nicht nur in ganz Europa, sondern auch in die neu entdeckten Kontinente Amerika und Asien senden liessen. Als er merkte, dass karitatives Wirken und Seelsorge nicht ausreichten angesichts der Spaltung von Kirche und Gesellschaft, die die Reformation mit sich brachte, ergänzte er die Ordenstätigkeit mit Bildungsarbeit und Schulgründungen. Mit der Gesellschaft Jesu schaffte er eine Struktur, die auf Veränderungen eingehen kann, wie es sie bis dahin noch nicht gab. Die Ordensgemeinschaft wurde im 16. Jahrhundert als eine der ersten, global konzipierten Institution geschaffen. Sie sollte auch dem Papst helfen, die globale, das heisst katholische Verantwortung zu leben.

Auch heute antworten die Jesuiten auf den sozialen und kulturellen Wandel in Kirche und Gesellschaft. Pater General Arturo Sosa SJ hat mit den apostolischen Präferenzen vor zwei Jahren Schwerpunkte gesetzt. Er verband das Ursprungs-Charisma mit aktuellen Anliegen. Dazu gehört die Begleitung junger Menschen, ihre Berufung in einer digitalisierten und offenen Gesellschaft zu finden, wie auch die ignatianische Spiritualität ökologisch weiterzuentwickeln. Das Ursprungs-Charisma, den Menschen als eine auf Gott bezogene Persönlichkeit zu formen und ihn zu befähigen, die Welt zu gestalten, muss in jede Zeit hinein neu ausbuchstabiert werden.

Ein Prozess, 2011 von Pater General Adolfo Nicolás SJ angestossen
Um diesem Auftrag treu zu bleiben, braucht es erneuerte Ordensstrukturen. Dazu hat Pater General Adolfo Nicolás SJ bereits 2011 im Dienst der globalen Sendung aufgefordert. So haben die mehr- heitlich deutschsprachigen Provinzen Deutschland, Österreich und Schweiz, zu denen Litauen seit der Wende engen Kontakt pflegt, ihre Zusammenarbeit intensiviert.
Nach der 36. Generalkongregation 2016 begann die Vereinigung zur Zentraleuropäischen Provinz, die das Kürzel ECE für Europa centralis trägt. Dazu gehören auch Schweden und Lettland, die seit je Teil der deutschen beziehungsweise litauischen Provinz sind. Das ECE-Provinzialat im Canisius-Haus in München wird von Provinzial Bernhard Bürgler SJ geleitet.
Er hat ein Leitungsteam zusammengestellt, das die verschiedenen Regionen repräsentiert und Kompetenzen zusammenführt. Während es in Wien, Vilnius und Zürich je eine länderspezifische Ver- waltung gibt, wird die deutschsprachige Kommunikation und Medienarbeit zentral von München aus gemacht. Die französischsprachige Internetseite bleibt bestehen. Dem Provinzial stehen Delegaten für die apostolischen Bereiche zur Seite: für Exerzitien- & Bildungshäuser, für Schulen & Hochschulen, für Pastoral & Spiritualität, für Soziales & Ökologie. Die Delegaten helfen koordiniert voranzugehen und auf lokale Herausforderungen zu reagieren. Mit den Mitarbeitenden in den Werken werden die Jesuiten über Ländergrenzen hinweg zusammenwirken, ohne dass die lokalen Charakteristika verloren gehen. Vielmehr ist die neue Provinz eine Chance, Kirche nicht nur für das eigene Land, sondern im Dienst aller Menschen zu leben, so wie das der Papst in seiner jüngsten Enzyklika Fratelli tutti allen ans Herzen legt.

Christian Rutishauser SJ

 

Auf den Spuren von Petrus Canisius: virtuelle Pilgerreise durch die neue Provinz  

Mit Petrus Canisius, Jesuit der Pioniergeneration der Gesellschaft Jesu und Schutzpatron von Europa centralis, auf virtuelle Pilgerreise: Durch die sechs Länder der neuen Provinz gelangt man in 33 Stationen von Vilnius bis nach Fribourg, wo Canisius 17 Jahre wirkte und 1597 starb. Mit Geschichten und spannenden Einblicken zum heutigen Wirken der Jesuiten – und weiteren Orten und Einblicken in den kommenden Monaten. 
Zugang zur Website: canisius.world/de 
APP mit Pilgerpass: kostenlos im App Store oder bei Google Play unter «Canisius-Pilgerpass» oder «Canisius-Pilgerreise»


Niklaus Brantschen und das grosse Schweigen: Der Jesuit und Zen-Meister in der Sternstunde Religion vom So, 18. April

von Pia Seiler

Ein Gespräch über Stille, Einsamkeit und warum man im Vorteil ist, wenn man Tagebuch schreibt: Niklaus Brantschen SJ in der Sternstunde Religion des Schweizer Fernsehens am Sonntag, 18.04.2021, 10 bis 10.30 Uhr auf SRF 1, Moderation Olivia Röllin. 

Niklaus Brantschen SJ, Bild Helmut Harich

Die Armen trifft es erneut hart: Christoph Albrecht SJ bittet um Spenden

von Pia Seiler

Gemeinsames Kochen und Abendessen im Oktober 2020 in der Notunterkunft Glattbrugg ZH, als dies mit entsprechendem Schutzkonzept noch möglich war. Bild Christian Ender

Der Schutz der Schwachen ist für die ganze Gesellschaft eine Herausforderung. Nicht umsonst heisst es in der Schweizer Bundesverfassung: «Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.» 

In einer Krise sind die Schwachen den negativen Folgen meistens viel stärker ausgesetzt, als die Starken. Die Corona-Krise zeigt es einmal mehr: 2020 machten zahlreiche Menschen, die zu den Reichsten gehören, Milliarden-Gewinne und viele der Mittelschicht wurden und werden immerhin mit Hilfsprogrammen aufgefangen. Kleinunternehmer*innen und prekär Angestellte hingegen stehen vor dem finanziellen Ruin, sind von Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit bedroht oder bereits betroffen.

Die Menschen, die als Flüchtlinge in die Schweiz kommen, gehören fast immer zur Gruppe der Schwächsten. Auch wenn es unter ihnen auch noch einmal Unterschiede gibt. 

Zwei Gruppen möchte ich hier besonders erwähnen: Jene, die im Asylverfahren einen negativen Entscheid, aber eine provisorische Duldung aus humanitären Gründen erhalten haben (Ausweis F). Und jene, deren erstes Asylverfahren zu einer Ausweisung geführt hat, die aber dennoch nicht wissen, wohin sie ausreisen könnten (Ausweis N oder gar kein Ausweis). Beide erhalten entweder nur Nothilfe oder wenig mehr zum täglichen Überleben. Erstere haben zwar eine Arbeitserlaubnis, doch eine Stelle zu finden, ist für sie äusserst schwierig – erst recht in Coronazeit. Letztere wiederum dürfen nicht arbeiten und leben in Camps, in denen das Leben unter Corona-Bedingungen noch sinnentleerter, noch präkerer und mit den gegebenen hygienischen Voraussetzungen gesundheitsgefährlich geworden ist. 

JRS-Schweiz unterstützt Menschen aus beiden Gruppen in ihren Bemühungen, trotz allen Schwierigkeiten Perspektiven zu entwickeln und umzusetzen. Neben der sozialen und spirituellen Begleitung von Betroffenen vermitteln wir rechtliche und medizinische Hilfe und unterstützen die Teilnahme an Bildungsangeboten – vor allem Deutschkurse, in einzelnen Fällen auch beispielsweise  IT-Kurse oder Fahrstunden. Die Ausgaben betrugen 2019 rund  CHF 60'000 und 2020 rund CHF 80'000 zugunsten von rund 100 Betroffenen. Die durch die Pandemie-Situation massiv anwachsenenden Ausgaben bringen die Unterstützungs- und Sponsoring-Projekte vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst Schweiz (JRS) an seine Grenzen. Um diese Projekte 2021 weiterführen zu können, sind wir dringend auf Spenden angewiesen.

Wenn Sie die Arbeit von JRS Schweiz finanziell unterstützen möchten, können Sie das entweder zweckgebunden für ein Bildungssponsoring tun oder zur Bezahlung von Anwaltskosten oder als allgemeine Spende. Für jede Unterstützung sind wir Ihnen äusserst dankbar. 

Christoph Albrecht SJ, Jesuiten-Flüchtlingsdienst Schweiz

Überweisungsangaben:

Stiftung Jesuiten weltweit Schweiz

Verwendungszweck: JRS-Schweiz (und evtl. Anwaltskosten oder Bildungssponsoring)

Bank: PostFinance 89-222200-9

IBAN: CH51 0900 0000 8922 2200 9

BIC: POFICHBEXXX

 


«Unsere Studierenden repräsentieren mehr denn je die Zukunft der Erde»: Valerio Ciriello SJ, Hochschulseelsorger in Luzern

von Pia Seiler

Profiles in Catholicism ist eine US-amerikanische Plattform mit Interviews von Menschen christlichen Glaubens, die sich in der Gesellschaft engagieren. Die Porträtierten geben Einblick in ihre religiöse Berufung und ihre Aufgabe. Überdies unterstützt Profiles in Catholicism über Stiftungen und Spenden von Krebs und AIDS Betroffene sowie Menschen in extremer Armut. 
Immer wieder kommen auch Jesuiten zu Wort, so etwa Hans Zollner SJ und James Martin SJ. Nun fiel die Wahl des Redaktionsteams auf Valerio Ciriello SJ, seit August 2020 Hochschulseelsorger im Team Horizonte in Luzern. In einem auf Englisch geführten Interview reflektiert er über seine neue Aufgabe im Dienst junger Frauen und Menschen und hat die Gelegenheit, vertieft über seine Vision Auskunft zu geben.


«Ignatius, mein bester Coach»: Christian Rutishauser SJ zu seinem neuen Buch

von Pia Seiler

«Freiheit kommt von innen – In der Lebensschule der Jesuiten»: So lautet der Titel von Christian M. Rutishausers neuem Werk. Zoom-Buchvernissage ist am Dienstag, 13. April im aki Zürich, 19 Uhr. Der Zoom-Link ist hier auf der entsprechenden Seite der Jesuitenbibliothek zu finden. 


Im Folgenden gibt der Schweizer Jesuiten-Provinzal Einblick ins Werk und berichtet von seinem eigenen Pilgerweg. 

Ihr neues Buch beschreibt den Weg des Menschen nach Ignatius von Loyola: Vom ambitionierten Heerführer wurde er zum Gründer des Jesuitenordens. Was kann uns Ignatius 500 Jahre später mitgeben? 
Christian Rutishauser SJ: Ignatius ist seinen Lebensweg exemplarisch gegangen – so radikal, dass wir den Weg als archetypisch erkennen. Doch statt von sich zu erzählen, schuf er das Übungsbuch Exercitia Spirituala. Ignatianische Spiritualität führt eben gerade nicht dazu, Vorbilder zu imitieren, vielmehr die je eigene, unverwechselbare Berufung über Selbsterkenntnis und Biografiearbeit zu finden. Sein Buch lehrt, auf uns selbst zu hören und zu versuchen, vor Gott den eigenen Lebensweg im Dienst von etwas Grösserem zu gehen. 

Ignatius‘ Zentrum war Gott. Was können Menschen, die mit dem traditionellen Gottesbild hadern, mit seinen Exerzitien anfangen?
Ignatius war ein Mystiker und führt in die tiefe Erfahrung der Transzendenz. Von da aus kann sich auch der moderne Mensch Gott wieder annähern. Die Mystik führt in die Beziehung zum ganz Anderen, von dem kein Bild gemacht werden kann. Sie öffnet mit der An- und auch Abwesenheit von Gott das Tor zur Sinndimension der eigenen Wirklichkeit. Religiöse Traditionen werden durch  solche Erfahrungen lebendig, und so hilft die Mystik auch religiösen Menschen, das Wesentliche neu zu erkennen.  

Der gereifte Ignatius verstand das Menschsein als Pilgerweg. Können wir überhaupt noch pilgern?  Der Boom des Jakobswegs zeigt das tiefe Bedürfnis des säkularen Menschen, auf einen spirituellen Ort hin unterwegs zu sein. Wenn auch traditionelle Formen der Religion schwinden: Im Pilgern drückt sich die Suche aus nach dem Letzten, das uns ausmacht. Der heutige Mensch ist oft ein gehetzter Nomade, getrieben von Erfolg, Reichtum, Gesundheit. Das Pilgern sagt: Lass dich von diesen Werten nicht in die Irre treiben. Sei in Bewegung auf die Werte hin, die dich nähren. Das macht frei.   

Sie sind vor zehn Jahren selber zu Fuss aufgebrochen und kamen nach sieben Monaten in Jerusalem an. Auch innerlich oder anders gefragt: Sind Sie noch unterwegs?  
Unterwegs bin ich nicht mehr nach, sondern von Jerusalem weg. Am letzten Tag in Jerusalem wollte ich in der Auferstehungskirche in den Gottesdienst. Doch ich irrte mich um eine Stunde – ich trat erst in die Kirche ein, als der Priester den Segen gab und sagte: „Geht hin in Frieden“. Ich wusste augenblicklich: „Das ist jetzt meine Aufgabe. Du bist von Jerusalem gesandt in die Welt.“ Das Pilgern besteht nicht nur zum Pilgerort hin, sondern auch von dort wieder zurück in den Alltag. 

Sie haben die Monate des Lockdowns genutzt, um sich noch einmal neu mit Ignatius zu befassen, in dessen Orden Sie mit 28 Jahren eintraten. Was verbindet Sie mit ihm? 
Die Sehnsucht nach innerer Freiheit, die er mit radikalem Hören, Horchen und Gehorchen gegenüber Gott allein ausdrückt. Die innere Freiheit entsteht dann, wenn ich auf den tiefsten Auftrag höre. Dann bin ich von allen oberflächlichen Ansprüchen frei und erhalte einen Kompass, diese Freiheit zu gestalten. Das braucht Mut – und Mut und Radikalität des Gottsuchers Ignatius fasziniert mich.

Was ist Ignatius für Sie? Vaterfigur, Leitfigur? 
Gute Frage. Ich habe ihn nie als Vater betrachtet. Auch Leitfigur trifft es nicht. Er ist ein echter Gottesmann, ein Pilger des Absoulten. In diesem Sinn  ist er für mich Coach. Der beste, den ich finden konnte. Interview Pia Seiler

 

 

«Freiheit kommt von innen»: Christian M. Rutishauser, Verlag Herder 2021. Buchvernissage: Di 13. April, aki, Hirschengraben 86 Zürich, 19 Uhr.

1521 wurde Ignatius in der Schlacht um Pamplona schwer verwundet. Nach der Genesung verbrachte er mehrere Monate in Manresa im Hinterland von Barcelona. Die Erfahrung von Stille und Gebet flossen in sein Exerzitienbuch Exercitia Spirituala. Zum 500-Jahr-Jubiläum zeigt Christian Rutishauser SJ die Aktualität dieser spirituellen Persönlichkeitsschulung.


Missbrauchsaufklärer Klaus Mertes SJ erhält Bundesverdienstkreuz

von Pia Seiler

Klaus Mertes SJ

2010 sorgte P. Klaus Mertes SJ als damaliger Leiter des Canisius-Kollegs in Berlin wesentlich dafür, dass der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche öffentlich wurdeJetzt wird der deutsche Jesuit für seinen Einsatz mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt, eine der bedeutendsten Auszeichnungen, die Deutschland zu vergeben hat. Mehr dazu hier. 


Der Papst im Irak: Eine Pilgerreise der Versöhnung

von Pia Seiler

Papst Franziskus betet in Mossul für die Opfer der IS-Terrormiliz, Screenshot SRF-Tagesschau 7.3.2021

Ein Papstbesuch in Pandemie-Zeiten: Mit seinem Besuch im Irak will Papst Franziskus ein Zeichen der Verbundenheit von Christen, Juden und Muslimen setzen. Heute leben noch rund 250 000 Christinnen und Christen im Irak. Viele haben das Land während der Regentschaft Saddam Husseins verlassen. Es ist der erste Besuch eines Papstes im Irak. Trotz Corona, trotz Kritik im Vorfeld: Papst Franziskus wollte die Iraker nicht noch einmal enttäuschen, nachdem Johannes Paul II. im Jahr 2000 die Reise absagen musste.

Vor Ort sind die beiden Jesuiten Marc Stephan Giese SJ, der in Amman/Jordanien lebt und arbeitet sowie Peter Balleis SJ, geschäftsführender Präsident von Jesuit Worldwide Learning JWL mit Sitz in Genf, einer Bildungsinstitution, die Flüchtlingen, Armen und Marginalisierten via Internet Zugang zu Hochschulbildung ermöglicht.
Marc Stephan Giese SJ und Peter Balleis SJ berichten aus Erbil, der kurdischen Regionalhauptstadt im Norden des Irak:
„Die Glocken der St. Georgs Kirche, der ältesten Kirche in Erbil mit Fundamenten im 8. Jahrhundert, läuteten etwas ungewöhnlich lang und zu einer ungewöhnlichen Zeit am Freitagnachmittag, 5. März. Sie läuteten, um Papst Franziskus im Irak willkommen zu heissen, der zu diesem Zeitpunkt in der Hauptstadt Bagdad landete. 
In der Kirche selbst wie auch in anderen Kirchen in Ankawa, dem Christenviertel in Erbil, waren keine Plakate zum Papstbesuch zu finden. An der Strasse zum Flughafen waren die offiziellen Willkommensposter der kurdischen Regierung zu sehen, ebenso in der Hauptstrasse in Ankawa. Aber insgesamt sind die Zeichen des Papstbesuches eher zurückhaltend. Man hört in der öffentlichen Diskussion kritische Bemerkungen zu den Corona-Regeln und einer Papstmesse im Stadium; selbst auf dem dicht bevölkerten Basar trägt fast niemand eine Maske, und die Teehäuser und Restaurants sind offen.

Kurdische Muslime kritisieren dass Treffen des Papstes mit dem höchsten Führer der Schiiten, Grossayatollah Ali Al-Sistani in  der den Schiiten heiligen Stadt Nadschaf. Eine schiitische Miliz, die noch vor zwei Wochen Raketen auf Erbil geschossen hat, sicherte eine Waffenruhe während des Besuches zu. An all dem wird die Komplexität der Pilgerreise von Papst Franziskus im Stammland Abrahams und des Propheten Jona deutlich.  

Nach Besuchen in Mossul und Qaraqosh feierte ein sichtlich ermüdeter Pontifex mit über 10 000 Gläubigen und Vertretern anderer Konfessionen am Sonntag die Eucharistie in Erbil – für die Anwesenden ein Moment der Ermutigung und der Hoffnung. In seiner Predigt zollte der Heilige Vater den christlichen Gemeinschaften im Irak seine Anerkennung für ihr Zeugnis der Barmherzigkeit und der Vergebung. Spontaner Jubel brach aus, als er den Satz sagte: „Die Kirche im Irak lebt und in ihr lebt Christus.“

Die Mitfeiernden fühlten sich gesehen und in ihren Herausforderungen wahr- und ernstgenommen. Sehr viele Christinnen und Christen in Kurdistan und im ganzen Norden denken noch immer noch darüber nach auszuwandern, da waren die Worte von Franziskus sehr wichtig. Der Papst baute aber auch einige gut verpackte Kritikpunkte für die Ortskirchen in seine Predigt und die anderen Ansprachen ein. Die Botschaft der universellen Geschwisterlichkeit, die ja auch das Motto dieser Papstreise als Ganzes gewesen ist, hält auch für die christlichen Gemeinschaften einige Herausforderungen bereit.

„Die christliche Kirche im Irak lebt.“ Das war der Satz, der die Herzen aller am meisten bewegte. Deshalb sei er als Pilger in den Irak gekommen, um die lebende christliche Kirche zu treffen, die so viel gelitten hat und so viel geleistet hat, in der Aufnahme der Flüchtlinge aus der Ninive-Ebene. Er kam in den Irak, um bei den Armen und Marginalisierten zu sein, die durch Gewalt und Krieg so viel schweres Leid ertragen mussten. Diese Worte richteten sich an alle Iraker, an die Vielfalt an religiösen und konfessionellen, kulturellen und ethnischen Gruppen. Im Gottesdienst erklangen die Sprachen des Landes: Arabisch, Kurdisch, Aramäisch der chaldäischen Christen, und auch ein wenig English für die internationale Gemeinschaft und Italienisch, die Sprache des Papstes. Die Vielfalt ist das Kreuz, aber auch die Chance im Irak. Franziskus stellte das Kreuz, das Leiden dieses Landes in den Mittelpunkt seiner Botschaft, die aber immer zur Auferstehung führt, zu einer lebenden Kirche und zu einer neuen Zukunft des Landes. Diese „Gute Nachricht“ zu hören, tut den Menschen im Irak besonders gut, die gewohnt sind, dass aus ihrem Land sonst nur schlechte Nachrichten kommen. Der Besuch des Papstes war eine gute Nachricht, die Stimme und die Gesichter der 95% der Iraker, die friedlich leben und miteinander zusammenleben wollen.

Der Papst beendete die Messe mit den arabischen Worten: „Salam“ und „Allah ma’akum“ – „Frieden“ und „Gott ist mit Euch“, und wieder brandete lauter Jubel auf. Das eine ist die Hoffnung, die der Pontifex wieder entfacht hat, und das andere die Gewissheit. Gott ist mit den Bewohnern dieses Landes, denen Franziskus mit seinem Besuch seine Liebe und Aufmerksamkeit gezeigt hat. Die Früchte müssen erst noch wachsen, aber die Begegnungen der letzten Tage lassen doch wenigstens ein wenig Hoffnungsluft spüren. Am Ende stellten sich noch die vielen Jugendlichen Freiwilligen zum Gruppenfoto auf: Ja, die Kirche lebt im Irak.

In seinen Abschiedsworten am Ende des Gottesdienstes dankte Papst Franziskus auch den internationalen und kirchlichen Hilfsorganisationen, die viel im Irak leisteten. Die Gesellschaft Jesu ist mit dem Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) seit 2014 im Nordirak tätig mit syrischen Flüchtlingen, Jesiden und Christen, die der JRS bei der Rückkehr nach Qaraqosch begleitet. Seit 2017 ist auch Jesuit Worldwide Learning (JWL) mit einem speziellen Angebot von Online-Bildung an fünf Orten aktiv: im Domiz-Camp mit syrischen Flüchtlingen, im Khanke-Camp mit Yeziden und in Erbil mit Studenten aller Gruppen. Zwei der Graduierten aus Erbil sind mit ihren christlichen Gemeinden zurück nach Bartella und Qaraqosh gezogen und haben dort mit der Unterstützung der Kirchengemeinde JWL-Lernzentren gegründet. Mit der Rückkehr vieler Jesiden in die Sinjan-Berge ist auch JWL mitgezogen, die Studenten haben dort ein neues sechstes Lernzentrum begonnen. Insgesamt nehmen rund 500 junge Leute an den JWL-Kursen teil, angefangen von Englisch-Sprachkursen, über die professionellen Peace-Leader-Kurse bis hin zum Grundstudium in Liberal Arts und Bachelor in nachhaltiger Entwicklung. JWL knüpft mit der universitären Bildung an die große Bildungstradition der Jesuiten am Bagdad College und der Al Hokma Universität an, die vor 52 Jahren geschlossen worden war. Die Arbeit der Gesellschaft Jesu im Irak lebt."

 

Peter Balleis (r.) und Marc Stephan Giese in Erbil

Zeit der Qualitätsprüfung: Echtlicht oder Irrlicht?

von Pia Seiler

Was soll ich tun, was lassen? Wo soll ich verweilen, was besser meiden? Wo einsteigen, wo aussteigen? Echtes Licht oder Irrlicht? Wer kann schon den Unterschied sagen? Wie viele Schlaglichter, Leuchtreklamen und Lichteffekte werben um unsere Gefolgschaft und verheissen Glück? Wie können wir sagen, dass wir dem echten Licht auf der Spur sind?

Tatsächlich förderte eine Umfrage, welche die Zufriedenheit von Menschen in ihren alltäglichen Verrichtungen erhob, folgendes Fazit zutage: Menschen verbringen ordentlich viel Zeit mit Tätigkeiten, die ihnen nicht sonderlich sinnvoll vorkommen. Menschen shoppen, sehen fern, konsumieren, surfen im Internet u.a.m. und erleben dabei viel Wohlbefinden. Doch danach … das mag uns auch bekannt vorkommen … bleibt nicht selten ein hohler Nachklang, ein fahler Geschmack, ein flaues Gefühl im Bauch. Nach intensiven Emotionen kriechende Leere. Nach vertaner Zeit die ernüchternde Einsicht, wieder einem Irrlicht, einer Eintagsfliege gefolgt zu sein.

Wie können also Licht und Irrlicht unterschieden werden? Beide sind oft zum Verwechseln ähnlich.

In guter Gesellschaft

Einer, der mit ähnlichen Fragen konfrontiert wurde, war Ignatius von Loyola (1491-1556). Er war ein Ritter; ein ehrgeiziger Hitzkopf mit grossspurigen Männerfantasien. Mit Waffentaten wollte er das Herz einer unerreichbaren Dame erobern. Seine Pläne wurden jäh zunichte gemacht durch eine Kriegsverletzung, die ihn auf ein monatelanges Krankenlager zwang. Ignatius will seine Heldenfantasien mit Ritterromanen nähren. Doch hat es nur Heiligenlegenden und ein Buch über das Leben Christi. Da er viel Zeit hat, wechseln seine Tagträumereien zwischen diesen Welten hin und her. Für Stunden schwelgt er in Männerfantasien. Stundenlang verweilt er bei Vorstellungen, zu leben wie die Heiligen. Hin… und her… Beide Vorstellungswelten faszinieren ihn. Das ist sehr verwirrend, fragt er sich doch, wie sein Weg weitergehen soll. Allmählich entdeckt er aber einen Unterschied in der Qualität: Ist er bei den Ritterfantasien, fühlt er sich glücklich, aber danach… traurig und fade… Es ist wie ein Strohfeuer. Die Gefühle brennen lichterloh, erlöschen aber ebenso schnell. Was bleibt, sind Kälte und Leere. – Wenn er sich vorstellt, Christus wie die Heiligen in einem einfachen Leben nachzufolgen, ist er auch glücklich. Doch der Unterschied: das Glück ist wie eine Glut, die bleibt, andauert und Sinn gibt. Die zweite Vorstellung hinterlässt in ihm einen tiefen Frieden und eine Freude, die ihm Licht auf seinem Weg werden. Diese Entdeckung lässt Ignatius künftig genauer auf seine inneren Bewegungen und ihre Resonanz achten. Das Gespür für die innere Glut wird für ihn zum inneren Kompass, mit dem er fortan seine Entscheidungen trifft.

Eine Übung

Gerade die Fastenzeit kann eine Gelegenheit sein, einmal am Tag still zu werden und aufmerksam in sich zu horchen:

  • Was ist die Resonanz, was ist die Qualität in dem, was ich erlebe?
  • Wo in meinen Lebensgewohnheiten und Tätigkeiten erlebe ich Glut, wo Strohfeuer?
  • Bereitet mir das, was ich tue, wirklich und nachhaltig Freude? Wenn nicht, warum?
  • Kann ich bei dem, was ich tue und wofür ich mich entscheide, wirklich ja zu mir sagen? Passt es zu mir, zu meiner Person und Eigenart? Oder, stimmt da etwas nicht? Was sind die Signale?
  • Wo fühle ich mich tief innerlich ermutigt?
  • Wo erlebe ich zwar Begeisterung und «den Kick», aber danach Leere und Unruhe?
  • Wo könnte ich in meinem Tun neue, stimmigere Akzente setzen? Was ist mir möglich?

Eine sinnerfüllte und wegweisende Zeit auf Ostern hin wünscht

Bruno Brantschen SJ

 

Bild: Bruno Brantschen

 


Judaist Rutishauser und Rabbiner Ben-Chorin zum Tag des Judentums

von Pia Seiler

Am zweiten Fastensonntag jeweils feiert die katholische Kirche den Tag des Judentums –  zum zehnten Mal nun am vergangenen Sonntag, 28. Februar. Judaist Christian Rutishauser SJ und Rabbiner Tovia Ben-Chorin über die Gabenbereitung ohne Musikübertönung (Rutishauser: «An dieser Stelle spricht der Priester ein wichtiges jüdisches Gebet»), über die Opferung Isaaks und die Verklärung des Herrn im Podcast Rauchzeichen von kath.ch.

 

 


Entdecker gesucht – Canisiusweg: Eine digitale Pilgerreise mit der App der Jesuiten

von Regula Lutz

Eine digitale Pilgerreise durch Zentraleuropa, 33 Stationen und eine Vielzahl spannender Geschichten, Games und Rätsel – die neue App „Canisius-Pilgerpass“ der Jesuiten lädt zu einem spirituellen Abenteuer durch die neue Zentraleuropäische Provinz der Jesuiten ein, zu der sich die bisherigen Jesuitenprovinzen Österreich, Deutschland, Litauen-Lettland und der Schweiz zusammenschließen.

Einzelne Jesuiten pilgern stellvertretend, Teile des Canisiuswegs und verbinden damit die analoge Pilgerreise mit der digitalen - Micro-Pilgern in Zeiten des Corona-Lockdowns. Über die Pilgeraktion berichten sie live auf den Social-Media-Kanälen des Jesuitenordens. „Einer für alle und alle für einen“ gehen sie den Weg für all jene, die nicht gehen können und können dabei online begleitet werden. Auf der Homepage canisius.world können User die Pilgerorte online bereisen und interaktiv erleben.

Die 33 Stationen auf dem Canisusweg führen von Vilnius in Litauen bis nach Fribourg in der Schweiz und durch alle Länder der neuen Provinz, zu der auch Standorte in Schweden und in Chicago/USA gehören. „In Riga zum Beispiel erfahren wir, welche Bedeutung die ignatianischen Exerzitien für die Ökumene haben. In Hamburg begegnen wir einem Jesuiten, der ein begeisterter Schlagzeuger ist.“ Die User können in das Leben, die Arbeit und Spiritualität der Jesuiten vor Ort eintauchen und erfahren, was es bedeutet, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden. „An jeder Station ist eine kleine Aufgabe zu lösen, um den Stempel für unseren digitalen Pilgerpass zu erhalten. Die Pilgerreise kann aber auch ein Weg sein, zu sich selber und zu Gott sein,“ erklärt Pia Dyckmans, Öffentlichkeitsreferentin der Jesuiten. „Der Pilger-Pass ist nicht nur eine Gaming-App, sondern setzt ganz bewusst geistliche Impulse und beinhaltet zudem eine persönliche Gebetsecke, dort kann der eigens dafür eingerichtete spirituelle Akku im Laufe des Pilgerwegs aufgefüllt werden.“

Besonders in Zeiten der Corona-Pandemie und des Lockdowns ermöglicht die App eine neue Art von Pilgerreise. „Der verlängerte Lockdown und die Ungewissheit, wie es trotz Corona weitergehen wird, schlägt vielen auf die Seele“, weiß P. Martin Stark SJ, Leiter für Kommunikation & Fundraising, aus den Erfahrungen der Online-Seelsorge. „Da tut es gut, sich mit dem ‚Canisius-Pilgerpass‘ gemeinsam virtuell auf den Weg zu machen und über spirituelle Impulse Zeit zum Auftanken und Durchatmen zu finden.“ Ein Kennenlernen aller Jesuiten, Mitarbeitenden und Freunden und der Austausch in der neuen Zentraleuropäischen Provinz soll durch die Pilgeraktion ebenfalls gefördert und gestärkt werden.

Die App ‚Canisius Pilgerpass‘ ist ab dem 12. Februar 2021 kostenlos im App-Store verfügbar. Gleichzeitig geht die Homepage canisius.world online.

 


S., Nothilfelager Glattbrugg: «Frieden? Wir haben gar nicht die Möglichkeit, Frieden hier zu leben»

von Pia Seiler

«Was braucht es, um miteinander in Frieden zu leben?», fragt Christoph Albrecht SJ zwei junge Männer, die ihre ganze Hoffnung an ein Härtefallgesuch klammern: Als abgewiesene Flüchtlinge warten sie im Nothilfelager Glattbrugg ZH auf diese letzte Möglichkeit, doch noch eine Aufenthaltsbewilligung zu erhalten. Sie haben grosse Angst vor einer gewaltsamen Ausschaffung, wie sie vergangene Woche Betroffene in der Westschweiz erleiden mussten (Echo der Zeit, «Schweiz schiebt abgewiesene Asylbewerber nach Äthiopien ab»).

In Glattbrugg befinden sich zurzeit etwa 50 Menschen aus Äthiopien, Eritrea, Afghanistan, Iran, Irak, Pakistan, Marokko und weiteren Ländern. Sie versuchen, mental irgendwie zu überleben. Wer ein Härtefallgesuch stellen will, muss mindestens fünf Jahre am Stück in der Schweiz registriert sein – viele von ihnen aber leben seit acht, zehn oder noch mehr Jahre in dieser Extremsituation.

Stellvertretend für sie antworten S. und H. fliessend auf Deutsch im Kurzvideo von Christoph Albrecht. Der Jesuit leitet den Jesuiten-Flüchtlingsdienst Schweiz und besucht seit viereinhalb Jahren zweimal die Woche die Menschen in den Containern am Pistenrand von Zürich-Kloten. 


«Ohne angeblickt zu werden, verkümmert der Mensch»: Christian Rutishauser SJ zur Verhüllungsverbot-Initiative

von Pia Seiler

Die Schweizer Stimmberechtigten befinden am 7. März 2021 über die Volksinitiative «Ja zum Verhüllungsverbot». Sie verlangt, dass in der Schweiz niemand sein Gesicht verhüllen darf. Diese Vorschrift würde an allen öffentlich zugänglichen Orten gelten: auf der Strasse, im öffentlichen Verkehr, auf Amtsstellen, in Fussballstadien, Restaurants, Läden und auch in der freien Natur. Ausnahmen wären in Gotteshäusern und an sakralen Stätten möglich, des weiteren aus Gründen der Sicherheit, Gesundheit, klimatischen Bedingungen und des einheimischen Brauchtums. Weitere Ausnahmen, beispielsweise für verhüllte Touristinnen, wären ausgeschlossen.

«Der gesichtslose Mensch wird zur Projektionsfläche», schrieb Christian Rutishauser SJ 2016 in der NZZ. «Ohne angeblickt zu werden und ohne Ansehen verkümmert der Mensch.» Sein differenzierter Gastkommentar hat nichts an Aktualität eingebüsst: «Anhaltende Diskussionen über das von Musliminnen getragene Kopftuch und die Gegenwart von religiösen Zeichen wie dem christlichen Kreuz im öffentlichen Raum weisen auf Grundlegenderes: Es stellt sich die Frage, wer über Symbole in der Öffentlichkeit entscheidet.»

Hier gelangen Sie zum NZZ-Gastkommentar von Christian Rutishauser SJ.