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«Priester, wer bist Du? – Nichts und alles»: feierliche Weihe von Martin Föhn SJ und Moritz Kuhlmann SJ zu Priestern

von Pia Seiler

Die zwei jungen Jesuiten Martin Föhn SJ und Moritz Kuhlmann SJ sind gestern Samstag vom St. Galler Bischof Markus Büchel in Zürich zu Priestern geweiht worden. In der Liebfrauenkirche waren aufgrund der Corona-Beschränkungen nur rund 100 Menschen präsent, dank Livestream und Radioübertragung jedoch konnten alle teilnehmen, die den beiden Jesuiten verbunden sind (hier nachzusehen oder im Radio zu hören).

«Wenn ein Virus uns den Atem nehmen will, so müssen wir umso mehr den grossen Atem feiern, den Geist Gottes – er hat das letzte Wort», sagte P. Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Schweizer Jesuiten in seiner Begrüssung. «Heute soll er in besonderer Weise unseren beiden Weihekandidaten erfüllen.» 

Zuvor hatten Alphornklänge den Gottesdienst eröffnet – eine Reminiszenz an Martin Föhns bergige Heimat im Muotathal. Albert und Erika Wey erinnerten mit ihren raumfüllenden Klängen auch an Martin Föhns Jahre in der Pfarrei von Birmensdorf bei Zürich, wo das Ehepaar daheim ist. «Ich hab mich sehr gefreut über diese Eröffnung», sagte Moritz Kuhlmann nach der Weihe. «Die Alphörner sind für mich die Posaunen der Schweizer Berglandschaft, und es ist wie im Psalm: Mit Posaunen und Harfen dürfen wir in die Wohnung Gottes eintreten.» Ein starkes Symbol für ihn: Alphörner sind die Instrumente der Hirten, «da denke ich unweigerlich an den guten Hirten. Und nun wird mir und Martin anvertraut, Hirten sein zu dürfen». 

Als Ausbildungsverantwortlicher stellte P. Christoph Soyer SJ in der Folge die beiden Weihekandidaten vor: P. Moritz Kuhlmann SJ wurde als jüngstes von drei Geschwistern 1990 in Los Angeles geboren. Die letzten Schuljahre verbrachte er am Canisiuskolleg der Jesuiten in Berlin, wo er in der Ignatianischen Schülergemeinschaft (ISG) engagiert war. Nach dem Abitur studierte er in Sankt Georgen in Frankfurt am Main Philosophie und Theologie. Nach seinem Noviziat, in das er 2013 eintrat, erwarb er in München den Bachelor in Philosophie. Es folgten ein zweijähriger Aufenthalt im Kosovo an einem Gymnasium, wo er das Sozialzentrum Tranzit aufbaute. Dort ermöglichte er Ashkali-Kindern Zugang zu Bildung. Seine theologischen Studien schloss er in Innsbruck ab und bereitet sich seit einem Jahr für weitere Studien im chinesischen Raum vor. 

P. Martin Föhn SJ wurde 1982 als zweitältestes von vier Geschwistern geboren, wuchs im Muotathal im Kanton Schwyz auf und war in der Landjugend aktiv. Von 1997 bis 2001 absolvierte er die Ausbildung zum Landwirt und arbeitete danach einige Monate in Peru. Von 2003 bis 2007 studierte er Religionspädagogik und arbeitete in der Jugendarbeit und als Religionslehrer. Nach seinem Noviziat, er trat 2010 ein, folgten drei Jahre Philosophiestudium mit Bachelor-Abschluss in München. Von 2015 bis 2017 war er Hochschulseelsorger am aki in Zürich. Während den letzten drei Jahren studierte er in Paris Theologie, ebenfalls mit Bachelor-Abschluss und absolvierte eine Zusatzausbildung zum Mediator. Aktuell arbeitet er in Basel im Bereich Bildung, Spiritualität und Hochschulpastoral.

Der eindrücklichen liturgischen Feier in besonderer Zeit stand Bischof Markus Büchel vor. «Priester fallen nicht vom Himmel, aber sie sind ein Geschenk des Himmels», eröffnete der Bischof seine Predigt. «Es ist für mich eine grosse Freude, heute zwei Jesuiten zu Priestern weihen zu können. Ich gratuliere den Jesuiten», fügte der Bischof an mit Blick auf die zwei Dutzend anwesenden Jesuiten.
Im Folgenden die Predigt von Bischof Markus Büchel.

Lesung Eph 1, 15-23 Evangelium Joh 1, 35-42

Priester, wer bist du?

Du bist nicht aus dir, sondern aus Gott,

du bist nicht für dich, sondern für die Menschen,

du bist nicht dein Herr, sondern der Knecht aller.

Wer bist du also? Nichts und alles!

Liebe Mitbrüder im Priester- und Diakonendienst
Liebe Schwestern und Brüder in den verschiedenen Seelsorgediensten
Liebe Mitglieder des Jesuitenordens
Und ganz besonders liebe Angehörige der Weihekandidaten, liebe Festgemeinde

Liebe Diakone Martin Föhn und Moritz Kuhlmann 

In der Lesehore des Breviers am letzten Dienstag bin ich auf den Text von Vinzenz Pallotti mit den eindrücklichen Worten über den Priesterdienst gestossen, den ich eingangs zitiert habe. Priester, wer bist du? Wer bist du also? … und darauf die lapidare Antwort: Nichts und alles! Dieses «Nichts und alles» möchte ich mit einigen Predigtgedanken vertiefen.

Doch, liebe Weihekandidaten, zunächst eine ganz persönliche Antwort:
Eure Priesterweihe ist eine grosse Freude für mich als Bischof, für die Kirche, für eure Ordensgemeinschaft und gewiss auch für alle, die mit Euch verbunden sind.

Eure Patres Provinziale haben Euch mir vorgestellt und zur Weihe empfohlen. Im Rückblick auf Euren Weg wird uns allen heute neu bewusst:

«Priester fallen nicht fertig vom Himmel» – aber… sie sind ein «Geschenk des Himmels», ein Geschenk, das entdeckt werden will. In euren Weggeschichten, so verschieden sie sind, gibt es Ereignisse, Begegnungen und Stationen, die als Entscheidungspunkte auf den heutigen Tag hin festgemacht werden können – im Letzten bleibt aber eure Berufungsgeschichte doch ein persönliches und tiefes Geheimnis.

Eine Priesterberufung ist ein langsames Wachsen und sich Entfalten, oft auch ein jahrelanges Suchen und Ringen, kurz – ein Geschenk, das entdeckt werden will:

Dieses Gottesgeschenk «eures Lebens» und eurer Berufung wurde

  • geweckt von Menschen in der Kindheit, von euren Familien, die euch Geborgenheit und Liebe schenkten
  • es wurde geformt durch das vielfältige Suchen, Entdecken und Entfalten eurer Fähigkeiten in Schule und Beruf
  • geformt durch vielfältige Begegnungen und Erfahrungen mit Menschen, die euch faszinierten und durch Begegnungen mit Kulturen in der weiten Welt 
  • ganz besonders aber auch angetrieben durch ein immer neues Loslassen und Aufbrechen aufgrund einer Sehnsucht und Unruhe, die immer tiefer zum erfüllenden Lebenssinn drängten
  • Es sind Euch Menschen begegnet, die Euch glaubwürdig zu Vorbildern wurden, die Euch herausforderten und die innere Unruhe wachhielten – und die durch das Zeugnis des persönlichen Glaubens Euch zum «Propheten Johannes» im heutigen Evangelium wurden, der Euch auf Jesus – auf den lebendigen Christus hingewiesen haben.

Allen diesen Menschen sei in dieser Stunde ein grosser Dank ausgesprochen.

Ohne sie wäre Euer heutiges «Ich bin bereit» nicht gereift.

Der Weg der Spiritualität des Heiligen Ignatius von Loyola und seiner Gemeinschaft liess Euch erfahren, was es heisst, bei «Jesus zu wohnen», das heisst sich ganz auf den Weg seiner Nachfolge einzulassen, das heisst: Seinen Weg heute zu gehen. In der Berufungsgeschichte bleibt die Frage Jesu die entscheidende Frage: «Was sucht ihr? » - 

Ja, was suchen heute Menschen, die sich auf die besondere Lebensnachfolge Jesu einlassen? 

Ansehen und Karriere können es nicht sein – der Priesterberuf ist heute in der Gesellschaft zu belastet mit Anklagen und Versagen.

Kreative Zukunftsvisionen für Kirche, Gesellschaft und Schöpfung haben nicht Hochkonjunktur – davon kann Euer Ordensbruder Papst Franziskus «ein Lied singen»

Und selbst ein zeitgemässes Priesterbild hat es schwer, aufgrund der Zeichen der Zeit sich zu entwickeln und gegen blockierte Strukturen und gegen interne Widerstände sich zu behaupten.

Ja – «was sucht ihr? »

Eure Antwort – Martin und Moritz -habt ihr uns in der Einladungskarte gegeben mit der Gegenfrage aus dem Evangelium: «Wo wohnst Du?»

Mit dem heutigen Adsum zu seiner Einladung «Kommt und seht» willigt ihr ein, Euch auf Jesu Weg mutig einzulassen und Eure Herausforderungen und Erfahrungen immer neu mit seinem Lebensweg und mit seiner lebendigen Gegenwart zu verbinden. Dabei offenbart der Evangelist Johannes in dieser programmatischen ersten Jüngerbegegnung mit dem Hinweis auf Jesus als «Lamm Gottes» etwas Wesentliches: Es geht in allem darum, Jesus als den Christus, den Auferstandenen zu erkennen, wie er in allem den Willen des Vaters zu tun und auch durch Widerstand und Leiden hindurch die Hoffnung zu bewahren.

Mit Eurem «Ich bin bereit», liebe Weihekandidaten, stellt ihr diese Christusverbundenheit über alles andere. Ich wünsche Euch, in immer tieferen Erfahrungen auf dem Weg mit Jesus jene Grundmelodie zu finden, die Euch rüstet für die Aufgaben, die auf Euch warten. Durch Euer Zeugnis und Eure Begleitung sollen viele Menschen erfahren, dass Gott auch in den Herausforderungen unserer Zeit die Treue hält und den guten Weg weist. Persönlich ruft Euch Christus, in unsere ganz konkreten Lebenssituationen hinein Worte des Erbarmens und der Versöhnung zu sprechen. Er sendet Euch, als Priester in Zusammenarbeit mit vielen Menschen, die ihre Gaben und Charismen einbringen, Kirche aufzubauen und das Wachsen des Reiches Gottes zu fördern. Christus braucht Euch heute ganz konkret, um für seine Gegenwart und sein Erbarmen den Menschen Geist und Herz zu öffnen. Er braucht Euch, um durch Eure Worte und Euer Zeugnis Menschen anzurühren und ihnen in den Heilzeichen der Sakramente zu begegnen. Seid Euch aber bewusst: Ihr werdet in die Welt geschickt mit einer Botschaft, der widersprochen wird… Da wird Euch einiges zugemutet – und zwar im doppelten Sinn: Es wird Euch vieles abverlangt, was schwierig sein wird – es wird Euch aber auch Mut zugesprochen vom dem, der sagt: Vertraut, ich gehe Eure Wege mit, «wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten».

Liebe Festgemeinde, liebe Weihekandidaten 

Nun doch, kurz gestreift noch die Frage:

Was ist denn das Besondere des geweihten Priesterdienstes? Das war schon eine Frage in der jungen Christengemeinde, an die sich der Evangelist Johannes wendet. Neben dem Lieblingsjünger, der in den johanneischen Texten eine besondere Rolle spielt, gibt es Petrus, der schon in der ersten Begegnung mit Jesus ohne weitere Begründung «Kephas – Fels» genannt wird. Wie in einem Vorausbild sieht der vorösterliche Jesus in Simon Petrus die Gemeinschaft der Kirche, die auf dem Glauben und Lebenszeugnis der Apostel als tragendem Fundament aufgebaut ist. Wenn wir heute durch Handauflegung und Gebet Moritz und Martin zu Priester weihen, werden sie hineingenommen in diese besondere und apostolische Sendung. Verbunden mit dem Bischof hat der Priester Anteil an jenem Hirtenamt, durch das Christus seine Kirche leitet. Diese sakramentale und geistliche Dimension der Kirche wieder zu entdecken und in den Getauften und Gefirmten die verschüttete Christusbeziehung neu zu beleben, darin liegt die wahre Erneuerung der Kirche.

In der Weiheliturgie werden wir heute Zeugen, wie Gottes Ruf und Gnade wirken und wie Berufene fähig werden, mit Gottes Hilfe für diese Aufgabe ihre Bereitschaft zu bezeugen.

Liebe Weihekandidaten, nehmt heute die Einladung Jesu an - «Kommt und seht» - macht Euch mit ihm auf den Weg …und folgt in allem dem Rat Eures Ordensgründers Ignatius, wenn er sagt:

«In allen Angelegenheiten handle, als wenn Du alles - und Gott nichts täte,

und in allem vertraue, als wenn Du nichts - und Gott alles täte. »

Amen

Markus Büchel
Bischof von St. Gallen


Am 17. Oktober per Livestream mit dabei an der Priesterweihe von Martin Föhn SJ und Moritz Kuhlmann SJ

von Pia Seiler

Martin Föhn SJ und der deutsche Jesuit Moritz Kuhlmann SJ erhalten am Samstag 17. Oktober in der Zürcher Liebfrauenkirche die Priesterweihe. Der feierliche Gottesdienst mit Bischof Markus Büchel wird ab 15 Uhr übertragen:
per Livestream auf Youtube oder Facebook
akustisch auf Radio Maria 

Hier gelangen Sie zum Begleitheft der Feier mit den Liedern und den Gebeten.  

Interview mit Provinzial Christian Rutishauser SJ zur Priesterweihe auf kath.ch.

Martin Föhn gibt Einblick in seinen Berufungsweg.  

Zum Bild (Christian Ender): Martin Föhn SJ und Moritz Kuhlmann SJ am Vortrag der Priesterweihe im aki-Garten in Zürich. 

 


Menschenrechtler Stan Swamy SJ in Indien verhaftet – Jesuiten bitten Heiko Maas um Hilfe

von Pia Seiler

Stan Swamy SJ

In Indien ist der prominente Jesuitenpater und Menschenrechtler Stan Swamy (83) festegenommen worden. Pater Swamy kämpft seit Jahrzehnten für die Rechte der Adivasi im ostindischen Bundesstaat Jharkhand. Die Behörden werfen ihm vor, «aufrührerische Reden» gehalten zu haben und Verbindungen zu maoistischen und terroristischen Gruppen zu unterhalten, was Swamy stets bestritten hat. Der gesundheitlich angeschlagene Priester ist in Untersuchungshaft und soll ins 1 500 Kilometer entfernte Mumbai gebracht werden: Ein Sondergericht der National Investigation Agency (NIA) hat am 23. Oktober eine Anhörung anberaumt. Menschenrechtsaktivisten kritisieren die Festnahme scharf. Seine Mitbrüder haben eine Online-Petition gestartet.

Die indische Bundespolizei hat am 8. Oktober den 83-jährigen Jesuitenpater Stan Lourduswamy verhaftet. Pater Swamy befand sich auf dem Bagaicha-Campus in der Nähe von Ranchi, Hauptstadt des ostindischen Bundesstaates Jharkhand – Bagaicha ist eine von Pater Swamy geleitete NGO, die mit Adivasi arbeitet und für sie eine Grundschule und ein technisches Ausbildungsinstitut betreibt. 

Die Festnahme hat Empörung ausgelöst. «Stan Swamy hat ein Leben lang für die Rechte der Adivasi gekämpft», schreibt Autorin und Historikerin Ramachandra Guha. «Deshalb versucht die Regierung, ihn zu unterdrücken und zum Schweigen zu bringen. Denn für dieses Regime haben die Profite der Bergbau-Unternehmen Vorrang vor dem Leben und der Existenzgrundlage der Adivasi.» Die Behörde habe keinen Haftbefehl gegen den Priester vorgelegt, und «die Leute von der National Investigation Agency waren grob und arrogant», zitiert das katholische Online-Magazin «Matters India» einen Mitbruder von Pater Swamy. 

Die Verhaftung des Jesuiten und Menschenrechtsaktivisten steht im Zusammenhang mit Protesten um die Jahreswende 2017/2018 in einem kleinen Dorf bei Pune im westindischen Bundesstaat Maharashtra: Dalits – «Unberührbare» im indischen Kastensystem – und Angehörige «höherer» Kasten waren bei einem Fest Dalits aufeinandergestossen. Das Engagement für Indiens indigene Bevölkerung, die unter Ausgrenzung und Menschenrechtsverletzungen leiden, hat immer wieder die Verhaftung prominenter Fürsprecher zur Folge: Am 28. August 2019 wurde die Schriftstellerin Varavara Rao, die Rechtsanwältin Sudha Bhardwaj sowie die Menschenrechtsaktivisten Vernon Gonsalves, Arun Ferreira und Gautam Navlakha festgenommen. Nun trifft die Staatsgewalt Pater Swamy. Dieser weist die Vorwürfe von sich und lässt aus der Haft die Botschaft ausrichten, er hoffe dass «der menschliche Verstand siegen» werde: «Wenn nicht, müssen und können wir bereit sein, die Konsequenzen zu tragen», sagt er und dankt allen, die sich mit ihm solidarisch zeigen.

George Pattery SJ, Präsident der Jesuit Conference of South Asia*, verurteilt die Verhaftung «aufs Schärfste». Pater Swamy habe «sein ganzes Leben für Tribals und ihre Rechte eingesetzt» und werde nun auf illegale Art ohne Haftbefehl inhaftiert. 
Im Bundesstaat Jharkhand gehören rund ein Viertel der Menschen zu indigenen Gemeinschaften. Pater Swamy hat die Übergriffe und illegalen Aktivitäten der Behörden gegen sie sorgfältig dokumentiert. «Swamy kämpfte für sie, er arbeitete für sie, er lebte mit ihnen», sagt Pattery. «Es gibt heute in unserem Kontext keine andere Person, die sich so sehr mit den Tribals identifiziert».
Die Jesuiten seien «schockiert und bestürzt» über die Festnahme. Pater Swamy wurde seit Juli 2020 bereits mehrfach verhört, teilweise über 15 Stunden ohne Unterbrechung. Er bestreitet seine Anwesenheit beim damaligen Fest der Dalits, erst recht bestreitet er Sympathien mit oder Aktionen zugunsten maoistischer Ideologie oder so motivierter Gewalttaten. George Pattery fordert: «In Anbetracht dessen, seines Alters und seines schlechten Gesundheitszustands ist es nicht notwendig, ihn für weitere Verhöre in Gewahrsam zu nehmen. Wir verlangen die sofortige Freilassung von Stan Swamy».

Die Katholische Bischofskonferenz Indiens CBCI brachte ihre «tiefe Trauer und Angst» über Swamys Verhaftung zum Ausdruck. Erzbischof und CBCI-Generalsekretär Felix Machado erklärt: «Unseren Berichten zufolge hat sich Pater Stan jahrzehntelang für den Schutz der Rechte der Adivasi, insbesondere für ihre Landrechte eingesetzt. Dies könnte den Interessen bestimmter Kreise entgegengewirkt haben. Als er im Juli/August 2020 von den Behörden befragt wurde, hat Pater Stan Swamy vollumfänglich mit den Ermittlungsbehörden zusammengearbeitet, detaillierte Erklärungen abgegeben und seine Unschuld beteuert», so Machado. «Die CBCI appelliert eindringlich an die betroffenen Behörden, Pater Stan Swamy unverzüglich freizulassen und ihm zu erlauben, an seinen Wohnort zurückzukehren.»

Mit einem als "Brandbrief" betitelten Schreiben vom 15. Okober 2020 bitten nun auch die Jesuiten der deutschen Provinz und ihr internationales Hilfswerk jesuitenweltweit den deutschen Aussenminister Heiko Maas, sich bei der indischen Regierung für Pater Swamy einzusetzen und «Respekt und Schutz für Menschenrechtsaktivisten» in Indien einzufordern.

Unterstützung für Pater Stan Swamy SJ: 
Online-Petition auf change.org

*Der Präsident der Jesuit Conference of South Asia George Pattery SJ war vor einem Jahr in Zürich. Er berichtete über die zunehmend schwierige Lage in Indien unter Machthaber Narendra Modi und seiner Hindu-Nationalistischen BJP.  Andersdenkende und Andersgläubige, insbesondere Muslime und Christen, seien zur Zielscheibe des Regimes geworden – und immer wieder treffe es auch Marginalisierte, die von den Jesuiten in Indien mit zahlreichen Projekten unterstützt werden. Zum Beitrag in JWW 3/2019 Seite 2 


Neues Reliquien-Denkmal für Petrus Canisius SJ in der Kathedrale von Freiburg

von Pia Seiler

Grabeskapelle der Kathedrale Freiburg

Nulla die sine linea, kein Tag, ohne eine Linie zu ziehen: Das ist der Titel des Siegerprojekts für das neue Denkmal in der Kathedrale von Freiburg mit den Reliquien von Nikolaus von Myra, Niklaus von Flüe und des Jesuiten Petrus Canisius. Die Reliquien der beiden Erstgenannten befinden sich in der Kathedrale, die sterblichen Überreste von  Canisius werden Ende April 2021 von der Kirche des Kollegiums St. Michael überführt. Ein wichtiges Datum für die Jesuiten: Am Gedenktag und im 500. Geburtsjahr von Canisius wird die neue zentraleuropäische Jesuiten-Provinz gegründet, zu der auch die Schweiz gehört.

Freiburg im Üchtland hat einen Heiligen, der die Stadt an der Sarine entscheidend mitgeprägt hat: Petrus Canisius (1521-1597), Jesuit aus der Pionierzeit der Gesellschaft Jesu. 1580 kam er nach Freiburg, zur Zeit der Gegenreformation. In Nimwegen in den heutigen Niederlanden geboren, hatte er als Verkünder des Glaubens in halb Europa gewirkt, in Rom, Ingolstadt, Wien und Prag gelebt und gründete in Freiburg ein weiteres Jesuitenkolleg – am Ende seines Lebens waren es 18: das Kollegium St. Michael, das bis heute besteht. 

Dort liegt er begraben, und nun will das Domkapitel der Freiburger Kathedrale St. Nikolaus eine neue Ruhestätte für die Canisius-Reliquien in der Heilig-Grab-Kapelle der Kathedrale schaffen. Damit werden die Reliquien von Nikolaus von Myra, Schutzpatron der Kathedrale und der Stadt, von Niklaus von Flüe, Schutzpatron des Landes, und von Petrus Canisius zusammengeführt. Canisius ist Schutzpatron der künftigen zentraleuropäischen Jesuitenprovinz, zu der auch die Schweiz gehört. Sie wird am 27. April 2021 gegründet, am Gedenktag und im 500. Geburtsjahr von Canisisus.

Heute werden die Reliquien von Nikolaus von Myra und Niklaus von Flüe in der Schatzkammer der Kathedrale aufbewahrt. Sie sind nur gelegentlich für die Gläubigen zugänglich, ebenso wie die sterblichen Überreste von Petrus Canisius in der Kirche des Kollegiums St. Michael. Daher der Wunsch, sie an einem Ort zur Verehrung zusammenzuführen. 

Das Domkapitel hat einen Wettbewerb für die Schaffung eines neuen Reliquien-Denkmals der drei Heiligen ausgeschrieben. Fünfzehn Projekte aus dem In- und Ausland wurden eingereicht. Die Jury wählte drei für eine zweite Phase aus. Gewinner sind die beiden Freiburger Marc-Laurent Naef und Frédéric Aeby. 

Nulla die sine linea – kein Tag, ohne eine Linie zu ziehen ist der Titel des Siegerprojekts.  «Neben der segnenden Hand von Nikolaus von Myra und der betenden Hand von Niklaus von Flüe werden wir die schreibende Hand von Petrus Canisius haben», erklärt Frédéric Aeby, Maler und Bildhauer. Gemeinsam mit dem Architekten Marc-Laurent Naef will er drei Nischen in der Wand der Grabeskapelle gestalten. «In diesem feierlichen Raum, der vom beeindruckenden Grabmal von 1430 dominiert und von den blau-violetten Glasfenstern Alfred Manessiers beleuchtet wird, muss unsere Intervention diskret sein», sagt Marc-Laurent Naef.

Überführt werden die Reliquien des heiligen Petrus Canisius SJ am Montag, 26. April 2021, am Vortag der Gründung der neuen zentraleuropäischen Jesuiten-Provinz. (cath.ch/mp/sei)

Schreibende Hand von Petrus Canisius

Fratelli tutti: Kommentar von Christian Rutishauser SJ auf feinschwarz.net

von Pia Seiler

Papst Franziskus hat am Samstag, 3. Oktober 2020 in Assisi die Enzyklika Fratelli tutti unterschrieben. Der Titel des neuen Rundschreibens ist ein Zitat von Franz von Assisi. Der Papst fordert in Zeiten von Corona und Nationalismus mehr Geschwisterlichkeit. Ein Kommentar von Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Jesuiten in der Schweiz im theologischen Feuilleton feinschwarz.net.

Zum Bild: Nach der Messe am Samstag im Kloster von Assisi unterzeichnet Papst Franziskus die Enzyklika Fratelli tutti am Grab des heiligen Franz, nachzusehen auf Youtube

  


10 Jahre JWL: Junge Frauen und Männer werden zu Vorbildern in ihren Gemeinschaften

von Pia Seiler

Diplomandinnen und Diplomanden im Flüchtlingslager Kakuma/Kenia

Jesuit Worldwide Learning oder kurz JWL – die drei Buchstaben stehen für die  Bildungsoffensive der Jesuiten für Menschen am Rande der Gesellschaft und feiert  Jubiläum: Zehn Jahre JWL – ein Rückblick auf ein erfolgreiches Bildungsprojekt mit weltweit bisher 1 073 Studierende im Diplomlehrgang und ein Ausblick auf die Stärkung von bildungshungrigen jungen Menschen, die Ausgrenzung und Armut hinter sich lassen wollen.   

Seit zehn Jahren erhalten talentierte junge Frauen und Männer in Slums, entlegenen Orten, Flüchtlingslagern und Konfliktgebieten mit Jesuit Worldwide Learning JWL die Möglichkeit, einen universitären, digital gestützten Lehrgang zu absolvieren. Gegründet wurde die Vorläuferorganisation des JWL am 21. April 2010, am Jahrestreffen der Jesuiten-Universitäten in Mexico City. Der damalige Generalobere der Jesuiten Pater Adolfo Nicolás SJ sprach an diesem Tag vom «ehrgeizigen Traum von Gleichheit beim Zugang zu Wissen», dem bald Taten folgten. Zum Gründungsquartett gehörten P. Mike Sheeran SJ, Präsident der Regis-Universität, Dr. Mary McFarland, erste Direktorin der Bildungsoffensive, Hochschulsekretär P. Paul Locatelli SJ und P. Peter Balleis SJ, Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes International. Sie starteten mit zwei Pilotprojekten in den Flüchtlingslagern Kakuma/Kenia und Dzaleka/Malawi, wo junge Flüchtlinge einen Online-Lehrgang in Liberal Studies absolvieren konnten.

Die Pilotprojekte, akkreditiert von Regis-Universität, waren ein Erfolg. Im Laufe der Jahre konnte sich Jesuit Worldwide Learning – Higher Education at the Margins etablieren. Heute betreibt JWL über 40 Lernzentren in 17 Ländern. Das Angebot umfasst ein Englischsprachprogramm als Einstieg in die Hochschulbildung, professionelle Zertifikatsprogramme sowie universitäre Diplomlehrgänge, darunter neu auch ein BA-Studium in Nachhaltiger Entwicklung, dies in Partnerschaft mit der Xavier-Universität in Bhubaneswar/ Indien.

In den letzten zehn Jahren haben sich insgesamt 1 073 Studentinnen und Studenten für das Diplom-Programm Liberal Studies eingeschrieben – Frauen und Männer, die in ihrer Heimat Afghanistan, Jordanien, Irak, Malawi, Sri Lanka, Kenia, Myanmar und Sambia Verantwortung in Zivilgesellschaft und Wirtschaft übernehmen wollen und in ihrer Gemeinschaft zu Vorbildern geworden sind. Dazu ein Video-Einblick von Studierenden und Diplomanden im Irak

Zehn Jahre JWL ist auch ein Anlass, in die Zukunft zu blicken. Jesuit Worldwide Learning veröffentlicht am 29. September 2020 einen Bericht, wie die Bildungsoffensive in die nächste Dekade geführt werden kann. Was hat am besten funktioniert? Wo kann JWL weiter Fuss fassen, wie junge, bildungshungrige Menschen stärken? Weitere Informationen dazu hier.

Am 29. September 2020 steht des Weiteren die Abschlusszeremonie des Diploms in Liberal Studies an, sie wird in der COVID-19-Pandemie global und virtuell per Livestream ab 15.30 Uhr übertragen.

Und wer sich mit Jesuit Worldwide Learning vertiefter beschäftigten und Protagonistinnen und Protagonisten weltweit kennen lernen will, kann sich online und interaktiv hier einklicken.  

JWL wird von diversen Partnerorganisationen getragen und gestützt durch die vier apostolischen Präferenzen der Jesuiten und insbesondere durch den heutigen Pater General Arturo Sosa SJ. Der Generalobere der Jesuiten betont immer wieder die Bedeutung des JWL, stellvertretend ein Auszug aus seiner Rede an der Konferenz der Jesuiten-Universitäten in Bilbao/ Spanien vom Juli 2018:

«Wir sind an jene Orte geschickt worden, die nicht leicht zu erreichen sind und die andere gemieden haben. Die universitäre Ausbildung, die von der Gesellschaft Jesu angeboten wird, versucht, allen offen zu stehen. Wir sind im Besonderen aufgerufen, uns den Marginalisierten, den Verarmten, den Flüchtlingen und denjenigen zuzuwenden, die aufgrund der ungerechten sozialen Verhältnisse der heutigen Welt vertrieben wurden. Das historische Zeitalter des Wissens ermöglicht uns erzieherische Mittel, entlegene und sozial ausgegrenzte Orte zu erreichen.»


Globale ignatianische Gebetsvigil vom 25. September: Gemeinsam atmen

von Pia Seiler

In unserer verwundeten Welt ringen wir um Atem. Das Gleichgewicht zwischen Gott, der Schöpfung und der Menschheit ist gestört, und wir erleben die Folgen dieses Klimawandels. Die Lungen unserer Welt – der Amazonaswald, das Kongobecken und die borealen Wälder Asiens – stehen buchstäblich in Flammen. Die Menschen schreien nach Gerechtigkeit. Mitten in der weltweiten Umweltaktion «Zeit der Schöpfung» sind Gläubige auf der ganzen Welt zu einer digitalen Vigil am Freitag, 25. September 2020 eingeladen: Die Gebetswache beginnt um 20 Uhr Ortszeit Rom/ Manila/ New York und wird auf dem Youtube-Kanal der Jesuitenkurie live übertragen. Arturo Sosa SJ, der Generalobere der Jesuiten, wird die Vigil mit einer Reflexion eröffnen.

Das Sekretariat der Jesuiten für soziale Gerechtigkeit und Ökologie organisiert die ignatianische Gebetsvigil im Rahmen der ökumenischen Umweltaktion «Zeit der Schöpfung». Die Aktion findet jeweils vom 1. September (Weltgebetstag für die Schöpfung) bis 4. Oktober (Fest des Heiligen Franz von Assisi) statt. Ziel ist es, die  Anliegen der Umwelt- und Sozialenzyklika Laudato si' von 2015 von Papst Franziskus Nachdruck zu verleihen. «Zeit der Schöpfung» wird von diversen konfessionellen Dachorganisationen mitgetragen, so vom Lutherischen Weltbund, vom Ökumenischen Rat der Kirchen, vom Global Catholic Climate Movement und vom Umweltnetzwerk der Anglikanischen Gemeinschaft.

 


Neue Zukunftswerkstatt in Innsbruck für junge Menschen mit Fragen zu Beruf und Lebenssinn

von Pia Seiler

Die Zukunftswerkstatt im Jesuitenkolleg in Innsbruck ist eröffnet: Der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler und der österreichische Jesuiten-Provinzial P. Bernhard Bürgler SJ haben am letzten Wochenende die Räumlichkeiten mit  feierlichen Gottesdienst und Segnung offiziell den Gästen übergeben.

Die Zukunftswerkstatt umfasst fünf Gästezimmer, eine grosse Wohn-/Essküche, ein Meditationsraum mit Blick auf den Jesuitengarten und einen Kreativraum. Bereits sind die ersten Gäste eingezogen, sie stammen aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, dem Südtirol und Polen und beschäftigen sich mit der je eigenen Berufung. Dabei geht es nicht nur um geistliche Berufe, sondern auch um Fragen wie: Ist das Studium die richtige Wahl? Wie gebe ich meinem Leben Sinn? Was nährt meine Seele? 
Die jungen Frauen und Männer haben das Programm mit einem Bergwochenende, Exerzitien und beseelte Urlaubstage nach Mass gestartet. «Dankbar blicken wir auf diese ersten Erfahrungen zurück», sagt der deutsche Jesuitenpater Helmut Schumacher SJ, der die Zukunftswerkstatt leitet. «Einige sind mit konkreten Lebensfragen zu uns gekommen und fanden in den schönen neuen Räumlichkeiten und der Gastfreundschaft der Kommunität im Jesuitenkolleg Raum für wichtige Fragen, Gedanken und Gespräche.» Gross sei das Interesse an der gelebten ignatianischen Spiritualität, «wobei vor allem die Gemeinschaft, der gute Geist und die Offenheit in unserem Haus sehr geschätzt werden. Hier wird kein fertiges Gottesbild vermittelt. Jede und jeder kann kommen wie sie und er ist, wir bieten einen Rahmen für persönliches Suchen und Denken, alle Fragen können gestellt werden.» Jesuiten-Provinzial P. Bernhard Bürgler SJ unterstreicht diesen Gedanken: «Die Zukunftswerkstatt ist für mich vor allem ein Ort und Raum zum Hören: Hören auf mich selbst, hören auf meine Sehnsucht und hören auf die Nöte der Zeit und auf das Wort Gottes. Dieses dreifache Hören, dieser Dreiklang lässt mich nach und nach den Ruf vernehmen, der von Gott an mich ergeht, lässt mich die Spur meines Lebens erkennen und gibt mir den Mut und die Kraft, mein Leben zu leben.» 

Hier geht es zu den Angeboten der Zukunftswerkstatt SJ in Innsbruck.

Seit 2016 gibt es bereits eine Zukunftswerkstatt SJ auf dem Gelände der Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt.   

Zu den Bildern von Reinhold Sigl: Oben Meditationsraum in der neuen Zukunftswerkstatt von Innsbruck.
Unten Feierlicher Gottesdienst in der Jesuitenkirche in Innsbruck anlässlich der Einweihung der Zukunftswerkstatt. 


Aus Liebe zu Gott: Martin Föhn SJ gibt Einblick in seinen Berufungsweg

von Pia Seiler

Martin Föhn SJ

2012 legte er die ewigen Gelübde ab, nun wird der Jesuit Martin Föhn am 17. Oktober in Zürich zum Priester geweiht. Corona-bedingt sind die Plätze in der Liebfrauenkirche beschränkt. Sie können jedoch per Livestream auf Youtube oder Facebook und akustisch auf Radio Maria ab 15 Uhr dabei sein.
Über seine Berufung lädt Martin Föhn zum Gespräch:
30. September in Basel (kug, Herbergsgasse 7) und
15. Oktober in Zürich (aki, Hirschengraben 86) je 20 Uhr.
Gottesdienste: 
27. September, Pfarrkirche Muotathal, noch als Diakon, 9 Uhr und
8. November als Priester, 10 Uhr.
24. Oktober, Kirche St. Clara Basel, weitere Primizfeier, 17 Uhr.

Wie kam es, dass Martin Föhn ausgerechnet in den Orden des Heiligen Ignatius eintrat – wo er doch mit dem Mann aus Loyola zunächst wenig  anfangen konnte und ihm die Jesuiten gar suspekt waren? Wie wurde er vom Bauernsohn im Muotathal zum Theologen, Philosophen und Mediator – wo er doch einst fand, Studieren sei nichts für ihn? Er sagt nun auch ja zum Priestertum – wo er sich doch fragt: «Die Kirche ist heute dermassen unter Beschuss, in vielen Bereichen zu Recht, dass ich mir selber Rechenschaft ablegen musste: Will ich, kann ich diese Kirche als Mitglied des Klerus unterstützen?» Im Folgenden Antworten von Martin Föhn SJ (38).
Eine kürzere Version des Interviews finden Sie in der Herbstausgage der Zeitschrift Jesuiten weltweit.

«Die Suche nach einer grösseren Heimat ist zu Ende»

«Eigentlich waren mir Jesuiten immer eher suspekt und das Studienfach Theologie zu abstrakt.» Der Satz stammt von Ihnen, aus einem Interview 2013. 
Martin Föhn: Das habe ich tatsächlich einmal gesagt. 

Nun stehen Sie als Jesuit kurz vor der Priesterweihe. Wie kommt das? 
Zu Kirche, Religionsunterricht, christlichen Gebräuchen hatte ich immer einen guten Zugang – vor allem zu Christus als Freund und Begleiter. Gebete, das Tischgebet etwa, gehören bei uns zuhause im Muotathal zum Alltag. Ging ich morgens aus der Türe, sagte meine Mutter: «Gang i Gottes Name.» Prägend waren auch die Grosseltern, die jeden Abend den Rosenkranz beteten; war ich bei ihnen, betete ich mit. Als Jugendlicher dann stiess ich auf ein Buch mit Heiligen-Legenden: Dominikus, Franziskus, Antonius von Padua faszinierten mich. Zu Ignatius – Gründer eines Ordens, der nicht einmal heisst wie er – fand ich wenig Zugang. Das Einzige, was mir hängen blieb, war seine Innenschau auf Gefühle und Gedanken, das fand ich spannend. Dass ich je in seinen Orden eintreten würde, konnte ich nicht ahnen.

Um Jesuit zu werden, mussten Sie Theologie und Philosophie studieren, wie jeder Novize unabhängig seiner Vorbildung. Fanden Sie schliesslich Gefallen daran? 
Der eingangs zitierte Satz bezieht sich aufs Studieren allgemein. Kaum jemand im Umfeld meiner Herkunft hat studiert. Ich bin da als junger Erwachsener schon einen eigenen Weg gegangen. 

Sie lernten zunächst Landwirt, um den elterlichen Hof zu übernehmen und...
... so fest war die Absicht nicht (lacht).

Dann trat Ihr jüngerer Bruder an Ihre Stelle. War das eine Befreiung für Sie? 
Befreiung trifft es nicht. Ich war froh, dass mein Bruder Interesse für die Landwirtschaft hatte und den Hof übernahm. So konnte ich andere Wege einschlagen. Das Religiöse, das Spirituelle begleitet mich seit Kindheit. Ich suchte Kontakt mit Menschen in diesem Umfeld. Etwa zu einem anderen Landwirt-Lehrling, dessen Vater war Pastor einer Freikirche. Mit ihm redete ich oft und überlegte, mit seiner Organisation ins Ausland zu gehen. Bis mein Vater sagte: «Wenn du sowas machen willst, dann katholisch.» Für diesen Rat bin ich ihm bis heute dankbar. So lernte ich Mitarbeiter der Immenseer Missionare kennen, die Sozialeinsätze im globalen Süden vermitteln und konnte vier Monate nach Südamerika.

Wohin gingen Sie?  
Ich war in Peru, verbrachte vier Monate bei einer Luzerner Familie. Josy, der Gastvater,  arbeitete als Jugendarbeiter und Karin als Hebamme und Betreuerin von jungen ledigen Müttern.  

Die Welt stand Ihnen offen. Warum entschieden Sie sich ausgerechnet für ein  Ordensleben und das zölibatäre Priestertum?  
Die Stelle im Glaubensbekenntnis geht mir nahe, wo es heisst: «Ich glaube an den einen Gott... der alles geschaffen hat... die sichtbare und die unsichtbare Welt.» Diesen Gott liebe ich. Besonders fasziniert mich die unsichtbare, spirituelle, geistliche Welt. Alles Geschaffene hat eine materielle und eine spirituelle Seite. Spiritualität ist die Wahrnehmung von Beziehungsgeflechten in ihren Tiefen. So geht es im Geistlichen darum, wie man mit sich selbst, den anderen, der Umwelt und mit Gott in Beziehung treten kann. Es klingt vielleicht paradox, aber gerade der zölibatäre Priester befasst sich in umfassender Weise mit Beziehungen. Er ermutigt, tröstet, baut auf, denkt nach, vernetzt, versöhnt – darum dreht sich mein Leben, darum geht es im Orden, den ich gewählt habe. 

Gab es den einen, entscheidenden Moment, der Ihnen den Weg wies? 
Da gab es ein leises Gefühl in mir, dem ich gefolgt bin. Ich kann von keinem Erleuchtungs-Erlebnis berichten, vielmehr probierte ich Verschiedenes aus und näherte mich Schritt für Schritt meiner Bestimmung. 

Auf Ihrer Suche lernen Sie die Jesuiten eher zufällig kennen: Sie besuchten einen Exerzitien-Kurs im jesuitischen Lassalle-Haus und kamen auf den Geschmack. Wie denn? 
Ich wollte immer mal Exerzitien machen. Ferien standen an, und ich buchte kurzentschlossen einen Kurs, der ausser den Begleitgesprächen im Schweigen stattfand. Das gefiel mir. Ebenso die Atmosphäre, geprägt von der gelebten Spiritualität und Gemeinschaft der Handvoll Jesuiten im Haus. Ich erlebte, wie sie einerseits mitten im Leben stehen, sich mit ihren Gästen über Gott und die Welt auseinandersetzen und andererseits tiefe Verinnerlichung suchen. Es war Frühjahr 2009. Die Entscheidung reifte heran. Am Weihnachtsessen mit der Familie sagte ich: «Ich probiers mal. Wenns nicht geht, bin ich nach zwei Jahren zurück.» Im Herbst 2010 trat ich in Nürnberg ins Jesuiten-Noviziat ein.

Im September 2012 dann legten Sie die ewigen Gelübde ab. «Ich setze einen Punkt hinter allem, was ich bisher gemacht habe», sagten Sie und verschenkten Ihr Vermögen. War das schwer?
Überhaupt nicht. Ich spürte schon in der ersten Woche im Noviziat: Ich war angekommen. Ich weiss noch, wie ich mit anderen zusammensass und mir bewusst wurde: «Ich denke ja gar nicht mehr an eine Weltreise» – lange ein sehnlicher Wunsch von mir. Die Suche nach Heimat war zu Ende. Ich setzte einen Punkt, begann einen neuen Absatz. Auch wenn ich weiterhin unterwegs bin, räumlich und innerlich: Ich habe meinen Ort in der Gesellschaft gefunden.

Was macht die Gesellschaft Jesu zu Ihrer Heimat?
Der Orden ist nicht dasselbe wie eine Familie. Er besteht auch nicht aus Freunden und Kollegen, die ich mir ausgesucht habe – wir sind Mitbrüder auf einem gemeinsamen Fundament und Freunde und Gefährten von Christus. Auf ihn und sein Projekt der Gerechtigkeit, des Friedens, der Freude sind wir ausgerichtet. Wo immer ich auf der Welt eine Jesuiten-Kommunität antreffe, gibt es dieses gemeinsame Vorangehen von der ersten Begegnung an. Das verbindet und gibt Rückhalt. Das gefällt mir sehr.

Als Jesuit haben Sie schon ein beträchtliches Wegstück hinter sich. Sie studierten in München Philosophie, in Paris Theologie, waren in Zürich Hochschulseelsorger, engagierten sich in den Sommern in Sozialprojekten. Vor kurzem erlangten Sie zudem in Paris das Diplom zum Mediator. Warum diese Zusatzausbildung?
Mediation fasziniert mich. Sie bietet Raum, zu zweit oder in einer Gruppe den Weg zueinander zu finden. Mediation ist Austragen von Differenzen, ist Versöhnungsarbeit. Ich war lange ein harmoniebedürftiger Mensch und musste doch immer wieder Streit ertragen. Irgendwann habe ich Streitkultur als positiv und befruchtend erlebt. Bleibt diese Kultur aus, kann das verheerende Folgen haben.

Künftig kümmern Sie sich in Basel um Studierende und Menschen in den Stadtpfarreien. Durften Sie wählen? 
Nein. Wir werden gesandt. Aber ich durfte mich im Entscheidungsprozess einbringen. Die Aufgabe in Basel war denn auch eine meiner persönlichen Optionen.

Könnten Sie frei wünschen: Wohin zieht es Sie? 
Diese Frage stellt sich mir nicht. Ich finde es bereichernd, dass ich innerhalb der Ordensgemeinschaft gebraucht werde und vertraue darauf, dass ich dorthin geführt werde, wo ich meine Fähigkeiten einbringen kann, um Not welcher Art auch immer zu lindern. 

Zunächst nun steht der 17. Oktober an: der Tag, an dem Sie zusammen mit dem deutschen Jesuiten Moritz Kuhlmann die Priesterweihe in Zürich erhalten. Priester haben es nicht einfach im heutigen Kontext. Mussten Sie den Wunsch, Priester zu werden, oft verteidigen?
Nicht direkt vor anderen, aber vor mir selber. 

Können Sie mehr darüber sagen? 
Die Kirche ist heute dermassen unter Beschuss, in vielen Bereichen zu Recht, dass ich mir selber Rechenschaft ablegen musste: Will ich, kann ich diese Kirche, dieses System als Mitglied des Klerus unterstützen? Das wird nicht immer einfach sein, ich habe aber Hoffnung. 

Worin besteht Ihre Hoffnung?
Die Kirche verfügt über ein reiches Instrumentarium an Hinweisen zur Lebensführung, geistlichen Übungen, Werten, Ritualen und Liturgien. Und es betrübt mich, dass wir es nicht schaffen, dies besser rüberzubringen. Das liegt aber nicht nur an der Kirche. Für eine Gesellschaft, die mehrheitlich konsum- und lustorientiert ist, bietet die Kirche eine Projektionsfläche für vieles. Mir geht es um die Tiefe in all ihren Dimensionen unseres Menschseins. Mein Ziel ist es, Menschen zu helfen, hier in eine grössere Fülle zu kommen.

Für die Einladungskarte zur Priesterweihe wählten Sie die Worte: «Wo wohnst Du? – Kommt und seht!» Ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium. Wohin wollen Sie uns mitnehmen? 
In die unsichtbare, tiefe und erfüllende Welt der Beziehungen mit Gott und der Welt. Christus ist mit uns unterwegs, «kommt und seht», ruft er uns zu. Wenn es uns gelingt, die Brücke von der sichtbaren zur unsichtbaren Welt zu überschreiten, können wir die wertvollen Schätze unseres Glaubens, unserer Kirche entdecken, auch unsere Verletzlichkeit zulassen, damit sie geheilt werden kann. In der Tiefe erkennen wir das Fundament, auf dem wir stehen. Ist dieses Fundament fest und gut, können wir ganz uns selbst sein und gleichzeitig für andere da sein.
Interview Pia Seiler 

Zu den Bildern:
Vor der Kapelle beim Pragelpass, August 2019. Team der katholischen Landjugend in den Muotathaler Bergen, Martin Föhn 2. von links. 

Jesuiten-Symposion in Schwäbisch Gmünd 2018. Neben Martin Föhn SJ Alois Riedelsberger SJ aus Österreich.

Diakonweihe, Jesuitenkirche St. Ignace Paris, 6. April 2019. Weihbischof Thibault Verny, Diakon Maurice Houeham SJ, Provinzial von Südafrika, Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Jesuiten in der Schweiz. 

 


Amazonas-Synode wünschte viri probati: Christian Rutishauser SJ zum Rückzieher des Papstes

von Pia Seiler

Viri probati – bewährte, verheiratete Männer als Priester: Das hätte sich die Amazonas-Synode gewünscht, die im Oktober 2019 während drei Wochen in Rom tagte. Papst Franziskus hat sich dagegen entschieden. Der Papst ist Jesuit und schreibt in einer Notiz, es habe kein discernimento stattgefunden – ein Begriff aus der ignatianischen Spiritualität. Dazu Christian Rutishauser, Provinzial der Jesuiten in der Schweiz im aktuellen Interview von kath.ch: «Die Unterscheidung der Geister ist ein methodischer Schritt in einer Urteilsfindung. Discernimento hat mehr den ganzen Prozess der Meinungsbildung im Blick». Im Interview mit Raphael Rauch erklärt Christian Rutishauser SJ den Rückzieher von Papst Franziskus.

Die persönliche Notiz von Franziskus zur Amazonas-Synode ist in Civiltà Cattolica erschienen; die Zeitschrift wurde von Jesuiten 1850 in Neapel gegründet und hat heute ihren Sitz in Rom. Der Beitrag gibt vertieft Aufschluss über das vorläufige Nein des Papstes zu den viri probati.


Besinnungstage auf dem Simplon für junge Guides von Living Stones – den Kirchentouren mit Herzblut

von Pia Seiler

Living Stones, lebendige Steine, sind besondere Führungen: Junge Guides begleiten Interessierte auf kunstgeschichtlich-spirituelle Touren durch die schönsten Kirchen Europas und Amerikas. Die Guides erhalten dazu Inputs und fachliche Unterstützung. Mehrmals jährlich sind sie zu Bildungstreffen eingeladen. Und Ende August jeweils können sie mit anderen interessierten jungen Menschen an Exerzitien auf dem Simplonpass teilnehmen. Eine eindrückliche Erfahrung, wie das Video der diesjährigen Woche zeigt: Andreas Schalbetter SJ führte junge Frauen und Männer aus halb Europa in die Berge seiner Walliser Heimat. Mit im Leitungsteam der Besinnungstage waren Barbara Haefeli sa von der Gemeinschaft der Helferinnen und Jean-Paul Hernández SJ. 

Jean-Paul Hernández SJ rief die Bewegung 2008 zusammen mit engagierten Laien und Mitbrüdern ins Leben. Hernández wuchs mit spanischen Wurzeln in Biel auf, studierte unter anderem in Fribourg und trat in Italien in den Jesuitenorden ein. Mittlerweile machen rund 300 junge Menschen bei Living Stones mit. Sie führen mit Herzblut in 37 Städten durch Sakralbauten Europas und Amerikas – in der Schweiz durch die Hofkirche in Luzern, die Kathedrale in Fribourg, die Stiftskirche in St. Gallen und das Grossmünster in Zürich. 

Weitere Informationen hier. 

Living Stones-Kontakt Schweiz: 
Andreas Schalbetter SJ, Uni-Seelsorger in Basel: andreas.schalbetter@jesuiten.ch
Luzern und Zürich: marco.schmid@kathluzern.ch
Fribourg: PietreVive.Fribourg@gmail.com
St. Gallen: benjamin.ackermann@kathsg.ch 

Zu den Bildern: Impressionen aus der diesjährigen Exerzitenwoche von Living Stones Ende August auf dem Simplonpass


Peter Balleis SJ, Leiter von Jesuit Worldwide Learning: «Digitales Lernkonzept von JWL bewährt sich auch bei uns»

von Pia Seiler

Genf – «Wir müssen die Universitäten zu den Leuten bringen»: So lautet die Devise von Peter Balleis SJ. Der 63-Jährige ist Leiter der Bildungsinitiative Jesuit Worldwide Learning. JWL vermittelt jungen Leuten im globalen Süden, in abgelegenen Regionen und in Flüchtlingslagern mithilfe von digitalem Lernen eine weiterführende Bildung und eröffnet ihnen damit neue Perspektiven. In Zeiten von Corona hat sich das Lernkonzept von JWL bewährt – mittlerweile orientieren sich sogar Lehrerinnen und Lehrer in unseren Breitengraden daran.

«Als im März plötzlich der Shutdown kam, wurden Lehrerinnen und Lehrer hier bei uns quasi über Nacht damit beauftragt, Online-Unterricht zu machen», sagt JWL-Leiter Peter Balleis SJ. Dass viele aufgrund mangelnder Erfahrung mit dieser Aufgabe überfordert waren, sei kaum zu übersehen gewesen. Er kann mittlerweile auf zehn Jahre E-Learning zurückblicken – und zwar nicht in einem fortschrittlichen Land wie Deutschland und der Schweiz etwa, sondern in abgelegenen Dörfern, in denen der Zugang zum Internet lange Zeit eine der grössten Hürden war. Schon seit 2010 bauen die Jesuiten ein Netz von Zentren höherer Bildung in den ärmsten Regionen der Welt aus.

Angefangen habe alles mit einem Pilotprojekt im Flüchtlingslager Dzaleka in Malawi und im Flüchtlingscamp Kakuma in Nordwest-Kenia. «Ziel war es, jungen Menschen von unterschiedlicher Herkunft und Religion durch blended online learning – eine Kombination aus Online-Kursen und Präsenzveranstaltungen – Chancen auf ein Studium zu ermöglichen», erklärt Balleis.

Erst gab es ein Diplom in Liberal Arts, das auf ein späteres Studium vorbereitet. In diesem Grundstudium gehe es hauptsächlich um humanwissenschaftliche Bildung. «Wichtig für den Einstieg ist kritisches und politisches Denken. Die Studierenden müssen lernen, Dinge zu hinterfragen», betont Balleis. Hinzu kamen Kurse in Lehrmittel- und Sportpädagogik, in Englisch sowie in Mediation. Später auch Bachelor-Lehrgänge, etwa in nachhaltiger Entwicklung, in Betriebsadministration und Betriebsmanagement sowie in der Kunst der Führung. Dabei kooperiert das Bildungsprogramm JWL immer mit Universitäten aus den USA, Europa und Indien. Sie akkreditieren die Studenten, stellen die Lehrpläne und vergeben schließlich auch die Credits für den jeweiligen Abschluss.

«Dozenten der Unis unterrichten jeweils 15 Personen im sogenannten virtuellen Klassenzimmer oder liefern Lehrmaterial digital an die Laptops der Studierenden», so  Balleis. Gleichzeitig gebe es Lehrbeauftragte, die den Studierenden vor Ort zur Seite stehen und sie unterstützen. Partnerorganisationen und NGOs sorgen für die notwendige Infrastruktur in den Ländern, dazu gehört, die Studierenden mit der nötigen Technik auszustatten und Klassenzimmer mit Internetzugang bereitzustellen. Die Kosten für das Studium werden zwischen den Universitäten, Partnern vor Ort, Stiftungen, Spenden des Jesuitenordens und den Studierenden selbst geteilt, wobei für Studierende in Flüchtlingslagern keine Kosten anfallen.

Aktuell profitieren an 17 Standorten über 4 000 Studenten von den JWL-Programmen: in Asien, in Afrika, im Nahen Osten und seit Neuestem auch im Amazonas. «Unsere Vision ist es, durch die Ausbildung der jungen Leute vor Ort langfristig Veränderung zu schaffen», sagt Balleis. In Krisengebieten sei Bildung die einzige Option für ein besseres Leben und die einzige Option, die Lage in den Heimatländern zu verändern.

Besonders stolz ist Balleis auf junge Frauen aus dem Irak und aus Afghanistan, die in äusserst konfliktbedrohten Regionen an ihrem Diplom arbeiten. «Insgesamt sind 58 Prozent unserer Studierenden weiblich», berichtet der Jesuit. Es sei allerdings zu beobachten, dass Frauen eher für das Englischsprachprogramm sowie die berufsorientierten Kurse eingeschrieben sind. Im Bachelorstudium liege der Anteil der Studentinnen nur bei etwa 40 Prozent, und auch in Afrika sei der Frauenanteil nach wie vor niedrig. «Wir versuchen jetzt, in den afrikanischen Gegenden aktiv zu werden, um eine bessere Genderbalance zu erreichen», kündigt der 63-Jährige an.

Anders als etwa in vielen Schulen der Schweiz und Deutschland konnte der Unterricht in den Entwicklungsländern auch während der Corona-Krise ohne grössere Unterbrechungen fortgeführt werden, schildert Balleis die derzeitige Situation. «Die Kurse liefen online weiter. Der einzige Unterschied war, dass die Lernenden nicht mehr zu den Präsenzveranstaltungen zusammenkommen konnten.» Stattdessen hätten sich die jungen Leute über Whatsapp vernetzt, um so miteinander zu kommunizieren.

 «Die Corona-Pandemie hat uns noch einmal deutlich vor Augen geführt, welche Vorteile das E-Learning mit sich bringt», sagt Balleis. Im Normalfall genüge es aber nicht, einen Schüler, eine Schülerin einfach vor einen Laptop zu setzen. «Man muss mit den Studierenden interagieren, sie begleiten», weiss der Jesuit aus Erfahrung. Diese Erfahrung, die er mit JWL vorweisen kann, möchte er nun auch an Lehrerinnen und Lehrer hier bei uns weitergeben. Mit «e-Education-Tools – Digitale Lehr-Lernmethoden» bietet JWL in Kooperation mit der Universität Eichstätt in Ingolstadt einen 40-stündigen Kurs für deutsches Lehrpersonal an. Wöchentlich wird ein konkretes Unterrichtskonzept für den Einsatz eines der vorgestellten Tools in der Unterrichtspraxis erarbeitet, anschliessend ausprobiert und schliesslich durch eine Reflexion und Feedback durch den Online-Betreuer konstruktiv weiterentwickelt. Am Ende erhalten die Teilnehmenden eine Teilnahmebestätigung.

Die Fortbildung kommt laut Balleis gut an: «Mehr als 600 Lehrer haben bereits teilgenommen.» Künftig soll der Kurs auch auf Englisch angeboten werden. Wenn digitales Unterrichten in Entwicklungsländern funktioniere, «dann sollte es hier doch erst recht möglich sein», meint Balleis. Janina Fortenbacher

Der Beitrag erschien Anfang August im Badischen Tagblatt