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1. Freitagsgebet in der Hagia Sophia: «Lieber kein Gebet als ein solches Gebet», sagt Tobias Specker SJ

von Pia Seiler

Die Hagia Sophia in Istanbul ist offiziell wieder eine Moschee. Letzte Woche wurde unter Anwesenheit des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan das erste Freitagsgebet seit 85 Jahren abgehalten. Die Fresken und Mosaike aus christlich-byzantinischer Zeit waren verhängt, und der Chef der türkischen Religionsbehörde Diyanet, Imam Ali Erbaş, erschien zu seiner Predigt mit einem Schwert in der Hand. Tobias Specker SJ hat das Freitagsgebet mitverfolgt und sagt in der Nachrichtensendung Echo der Zeit: «Es war ein Ausdruck des Triumphalismus.» Und: «Lieber kein Gebet als ein solches Gebet», so der Islamwissenschafter, der an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt lehrt.

Hier gelangen Sie zum Echo der Zeit-Interview vom 24.7.2020  

 


Johannes Siebner, Provinzial der deutschen Jesuiten, ist verstorben

von Pia Seiler

P. Johannes Siebner SJ

Wir trauern um Johannes Siebner. Er verstarb letzten Donnerstag, 16. Juli in Berlin-Kladow im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe. Ende Januar wurde er plötzlich und unerwartet auf Grund einer Gehirntumor-Erkrankung aus seiner Amtsführung als Provinzial der deutschen Jesuiten herausgerissen, das nun letzte und höchste von vielen Ämtern, die er alle mit großer Hingabe und Freude wahrnahm. Wir trauern um unseren verstorbenen Mitbruder, und wir trauern zusammen mit seiner Mutter und seinen Geschwistern.

Johannes Siebner wurde am 24. August 1961 in Berlin geboren. Nach dem Abitur am Canisius-Kolleg in Berlin studierte er zunächst Politikwissenschaft und Katholische Religion. Besonders inspiriert durch sein Engagement in der Jugendarbeit (KSJ) und durch einen längeren Aufenthalt in einem Kibbuz in Israel trat er 1983 in den Jesuitenorden in Münster ein. Nach dem Philosophiestudium in München, einem einjährigen Dienst beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Malaysia, nach Theologiestudien in Frankfurt Sankt-Georgen, Priesterweihe 1992 in Köln sowie Zusatzstudien und pastoraler Tätigkeit in Erfurt trat er 1993 seine erste Stelle als geistlicher Leiter der KSJ und Religionslehrer an der Sankt-Ansgar-Schule in Hamburg an. 2001 wurde er zum Kollegsdirektor am internationalen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald ernannt. 2011 wechselte er in das Amt des Rektors des Aloisius-Kollegs in Bonn-Bad Godesberg. Zweimal wählte seine Provinz ihn als Delegierten zu Versammlungen des weltweiten Ordens. Während der 36. Generalkongregationen ernannte ihn P. General Arturo Sosa zum neuen Provinzial, der deutschen Jesuiten, auch mit dem Auftrag, zusammen mit der österreichischen, litauisch-lettischen und schweizerischen Provinz eine neue zentraleuropäische Provinz zu gründen. Sein Amt als Provinzial trat er am 1. Juni 2017 an.

Johannes Siebners Wirken war geprägt vom seelsorglichen Anliegen des Ordens: „Den Seelen helfen“. Als Jugendseelsorger in Hamburg erneuerte und profilierte er die Konzeption von verbandlicher Jugendarbeit, auch über den Raum von Hamburg hinaus. Die pädagogische Kultur und auch die Führungskultur an den Kollegien in St. Blasien und Bad Godesberg prägte er mit einem durchdachten und innerlich angeeigneten Verständnis der spirituellen Tradition des Ordens. Seine Freude an und auch seine Fähigkeit zu öffentlichem Diskurs machten ihn weit über die Grenzen des Ordens hinaus bekannt und zu einem kompetenten und gesuchten Gesprächspartner, Seelsorger, Ratgeber und Referenten. Er wirkte mit an der Gründung des „Zentrums für Ignatianische Pädagogik“ (Ludwigshafen), deren Grundlagen er durch Publikationen legte („Schule ist für Schüler da – warum Eltern keine Kunden und Lehrer keine Eltern sind“, Freiburg 2011). In seinen vielfältigen Tätigkeiten blieb er immer zugleich ein überaus menschenfreundlicher, humorvoller, analytisch klarer und zugleich einfühlsamer Seelsorger.

Die Aufdeckung von Missbrauch an Jesuitenkollegien und im Jesuitenorden erschütterte Johannes Siebner. Er übernahm Verantwortung für die Institutionen gegenüber den Betroffenen. In zahllosen Gesprächen mit Betroffenen, aber auch mit sekundär betroffenen Familien, Jahrgängen von ehemaligen Schülern, mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ermöglichte er individuelle und institutionelle Aufarbeitung. Mutig intervenierte er, wenn Schutzbefohlene und Schutzsuchende sich an ihn wandten. In äußerst komplexen Entscheidungssituationen hielt er Anfeindungen aus unterschiedlichsten Richtungen aus, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren, nämlich Gerechtigkeit für die Opfer, Schutz für Schülerinnen und Schüler sowie für alle, die sich in der Seelsorge anvertrauen. Mit dieser Haltung prägte er als Provinzial seelsorgliche Standards und lebte sie selbst vor.

Der frühe Tod von Johannes Siebner hinterlässt eine klaffende Lücke und erfüllt uns mit grossem Schmerz. Jesus, der Johannes Siebner rief: „Weide meine Lämmer, weide meine Schafe“ (Joh 21,15), möge ihn nun bei sich aufnehmen.

Trauergottesdienste: 

Berlin, St. Canisius: Donnerstag, 30.07., 11:30 Uhr. Das Requiem wird hier live übertragen, damit sich so viele Menschen wie möglich von Johannes Siebner SJ verabschieden können.
In Zeiten von Corona kann nur eine beschränkte Zahl von Trauergästen teilnehmen. Bitte hier anmelden

Bonn, Aloisiuskolleg: Sonntag, 16.08., 11 Uhr. Bitte hier anmelden

Frankfurt/Main, St. Georgen/Seminarkirche: Mittwoch 22.07., 18:15 Uhr. Voranmeldung bitte unter 069 606010

Hamburg, Kleiner Michel: Dienstag, 18.08., 19 Uhr. Bitte hier anmelden

Innsbruck, Jesuitenkirche: Dienstag, 28.07. 19 Uhr

München, St. Michael: Samstag, 01.08., 11:30 Uhr. Bitte hier anmelden

St. Blasien, Dom: Donnerstag, 16.07. – ein weiterer Gedenkgottesdienst ist für den Herbst geplant

Digitales Kondolenzbuch


Wie klingt die Stille? Radiosendung zu 50 Jahre Lassalle-Haus

von Regula Lutz

Das Lassalle-Haus ob Zug, grösstes christliches Bildungszentrum der Schweiz, besteht in seiner heutigen Form seit 50 Jahren. Architekt André Studer bediente sich der harmonikalen Architektur: Alle Proportionen stehen in einem harmonischen Verhältnis zueinander. Sie lassen die Stille erklingen. Léa Burger von der Kulturredaktion des Schweizer Radios hat genau hingehört.

Alle Proportionen im Lassalle-Haus basieren auf dem menschlichen Längenmass «Fuss», also auf etwa 30 Zentimetern. Die Masse des modernen, mittlerweile unter Denkmalschutz stehenden Anlage sind ein Vielfaches oder ein Bruchteil davon. Architekt André Studer nahm für seinen Wurf, für seinen wichtigsten Bau in harmonikaler Architektur immer wieder das Monochord zur Hand: Er hat Musikintervalle in seine Pläne einfliessen lassen und damit den ureigenen Klang des Hauses hervorgeholt – ein Klang, der die Gefühle der Menschen anspricht und Stille mit sich und der Welt ermöglicht.

Heute ist das Lassalle-Haus bekannt als Ort der Stille, Ort des interreligiösen Dialoges auch mit Zen-Meditation, ignatianischen Exerzitien, christlicher Kontemplation und Yoga-Vertiefungsseminare – mit je zwei spirituellen Wegen des Westens und des Ostens.

Seit mehr als 20 Jahren ist Georg Frey hier als Zen-Schüler unterwegs. Als Architekt und ehemaliger Denkmalpfleger des Kantons Zug kennt er das Lassalle-Haus auch beruflich: Er hat den Weg zur denkmalgeschützten Anlage bereitet. Zur Sprache kommen auch Jesuit und Lassalle-Haus-Direktor Tobias Karcher – Hausherr sozusagen, das Lassalle-Haus gehört den Schweizer Jesuiten – und Noa Zenger, reformierte Pfarrerin, die im Haus lebt und arbeitet. 

Radio SRF 2, Perspektiven, Sonntag 8.30 – 9 Uhr: Harmonikale Architektur im Lassalle-Haus: Wie klingt die Stille?

Hier geht es zur Sendung …


Sommertipps für weite innere Reisen zu Fuss und mit Büchern

von Pia Seiler

Appenzell, Sommer 2019: Julien Lambert SJ (vorne) mit Teilnehmenden der ökologischen Wanderexerzitien

Für einen Sommer der kleinen Sprünge und weiten inneren Reisen: Fünf Buchtipps von fünf Jesuiten. Und für die abgesagte Reise ein Kontrastprogramm: Anleitung von Christoph Albrecht SJ zum kontemplativen Wandern durch Wald und Wiese und durch Berg und Tal. Die Beiträge finden Sie auch in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Jesuiten weltweit 2/2020.

Fünf Bücher für weite innere Reisen

Gisbert Greshake: Kirche wohin? – Ein real-utopischer Blick in die Zukunft, Verlag Herder 2020
Die Frage nach der Zukunft der Kirche treibt viele um. Mitgliederschwund und Reformstau sind oft diskutierte Themen. Skandale haben die Grundfeste der Kirche zutiefst erschüttert. Die hilflose Devise «retten, was zu retten ist» führt nicht weiter. Auf diesem Hintergrund eröffnet der Freiburger Theologe G. Greshake neue, ermutigende Perspektiven: Abschied von der klerikalen und hin zu einer geistlichspirituellen Kirche, lautet seine Botschaft. Ein Buch, das lesenswert ist und Mut macht. Hansruedi Kleiber SJ

Die Bibel: Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Verlag Herder 2017
Die Bibel fasziniert. Selbst Bertolt Brecht, bekennender Atheist, antwortete einmal auf die Frage nach seiner Lieblingslektüre: «Sie werden lachen: die Bibel.» Das ist nicht verwunderlich. Denn in der Bibel werden alle wichtigen Lebenserfahrungen thematisiert: Liebe, Hass, Versöhnung, Krankheit, Heilung, Leid und Jubel vor Gott. Nichts wird ausgeklammert. Und nicht nur das. Die Bibel zeigt auch einen Weg zu einem sinnvollen Leben. Eigentlich genau das, was Menschen heute suchen. Mein Tipp: Lesen Sie die Bibel – das Buch der Bücher. Lesen Sie langsam, achtsam, interessiert. Und dann? Lassen Sie sich überraschen! Wilfried Dettling SJ
Video-Impuls dazu finden Sie hier

Monika Renz: Versöhnung und Vergebung. Wie Prozesse der Befreiung im Leben und im Sterben möglich werden, Verlag Herder 2019
Krisenzeiten haben den Vorteil, dass tiefer liegende Fragestellungen an die Oberfläche kommen. Der Mensch wird wesentlich. Dies schärft seinen Blick. So beleuchtet Monika Renz die Frage von Versöhnung aus der Perspektive von Sterbenden. Angesichts des Todes entsteht eine neue Bereitschaft zu verzeihen. In der Vergebung werden Beziehungen ins Lot gebracht. In diesem gut lesbaren Buch werden Begriffe geklärt. Monika Renz nimmt Opfer- und Täterperspektiven in ihrer Komplexität in den Blick und stellt konkrete Modelle für Versöhnungsprozesse vor. Eine wertvolle Lektüre über Corona-Zeiten hinaus. Christian Rutishauser SJ
Nächstes Seminar von Monika Renz zum Trauerprozess: 23. – 25.9.2020 im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn, Edlibach ZG

Paul Lebeau: Das suchende Herz – der innere Weg von Etty Hillesum, Verlag Patmos 2016
Das Tagebuch und die Briefe von Etty Hillesum aus deZeit von 1941–1943 gehören zu den faszinierendsten spirituellen Zeugnissen des 20. Jahrhunderts. 1981 zum ersten Mal in einer gekürzten Ausgabe publiziert, erkannte der Jesuit Paul Lebeau die Verwandtschaft zu Elementen der ignatianischen Spiritualität. Anhand zahlreicher Zitate aus der Gesamtausgabe (auf Deutsch noch nicht vorliegend) beleuchtet er die Etappen von Etty Hillesums innerem Weg zu Gott und zur Bejahung des Lebens trotz allem (geboren 1914 im niederländischen Middelburg, gestorben 30. November 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau). Ihre Gotteserfahrung jenseits von klassischer und institutionalisierter Religiosität ist heute von höchster Aktualität. Beat Altenbach SJ

Boris Pasternak: Wenn es aufklart. Werkausgabe Band 3. Gedichte, Erzählungen, Briefe, herausgegeben von Christine Fischer Frankfurt 2017
Obwohl die Gedichte des Jurij Schiwago den Epilog von Boris Pasternaks Roman Doktor Schiwago (1957) bilden – sie werden im Roman dem Protagonisten zugeschrieben und können von diesem nicht getrennt werden – sind sie von der russischen Literaturkritik als selbständiger, bedeutender Teil des Spätwerks von Boris Pasternak (1890–1960) gewürdigt worden. Diese Doppelwirkung, die schon durch die Konstruktion des Romans angelegt ist, muss bei der Lektüre der Gedichte berücksichtigt werden: In ihnen konzentriert sich das erzählte Schicksal des Romanprotagonisten und die Poetologie des Romanautors – ein berührender Einblick. Nikolaus Klein SJ
Breite Auswahl an Literatur auch in der Jesuitenbibliothek, Hirschengraben 74, Zürich 

 
Schritt für Schritt durch den Sommer

Anleitung von Christoph Albrecht SJ

Wir haben soeben die kollektive Erfahrung gemacht, dass es auch ganz anders geht: Wir haben die Anweisungen zum Schutz von Covid-19 grossmehrheitlich befolgt. Wir sind tatsächlich fähig zu solidarischem Handeln. Können wir dieses neu gewonnene Bewusstsein auch für andere dringende Probleme einsetzen? Es muss sich etwas ändern, das spüren wir, und wir schaffen es nur, wenn sich möglichst alle daran halten, das wissen wir nun.

Denken wir an die ökologische Krise, an den Klimawandel, müssten wir uns zurufen: «Lasst uns auf Flugreisen verzichten. Bitte. Alle.» Und: «Lasst uns den Fleischkonsum reduzieren. Bitte. Alle.» Denken wir des weiteren an die katastrophale Situation der weltweit 70 Millionen Menschen auf der Flucht, müssten wir uns zurufen: «Lasst uns die Fremdenangst überwinden. Bitte. Alle.»

Jede und jeder von uns war schon und ist vielleicht gerade in einer Situation, die nach einer grundlegenden Veränderung verlangt. Es gibt viele Gründe, wichtige Entscheidungen vor sich her zu schieben. Einer ist, wenn ich nicht genau weiss, wie ich es anpacken soll. Mir hilft das Prinzip «Schritt für Schritt». Die sprichwörtlichen Schritte lassen sich auch konkret beim Wandern entdecken, einüben, vertiefen. Mussten Sie ein ersehntes Ziel aufgeben, eine Reise verschieben? Gönnen Sie sich diesen Sommer Spaziergänge und Wanderungen! Wenn Sie auf Ihre körperlichen Grenzen achten, finden Sie heraus, was Ihnen gut tut. Wagen Sie, bewusst im Schweigen zu gehen. Sie werden die Intelligenz der Füsse entdecken. Lassen Sie sich auf den Rhythmus Ihrer Schritte ein!

 Gehen kann zur ganzheitlichen Erfahrung, ja spirituellen Übung werden, wo ich mich auf das Zusammenspiel von Bewegung, Atmung und Wahrnehmung einlasse. Der Organismus wird angeregt, ohne schnell zu ermüden, und die oftmals hyperaktive Gedankenwelt erfährt Entschleunigung. «Beim Gehen geht vieles besser», ist ein alter Spruch, der wahr ist, wenn man denn tatsächlich geht – ob durch Wald und Wiese vor der Haustüre oder weiter durch Berg und Tal ist dabei nicht so entscheidend. Im Gehen können uns Dinge klar werden, was uns mit angestrengtem Nachdenken oft nicht gelingt. Es bringt uns in eine dynamische Beziehung zu uns selbst, zu unserer Umwelt, möglicherweise auch zum Göttlichen. Gehen als Meditation: Karl Rahner SJ, bedeutender Theologe des 20. Jahrhunderts, hat es erfahren und uns diese Zeilen geschenkt:

Wir gehen,

wir müssen suchen.

Aber das Letzte und Eigentliche

kommt uns entgegen,

sucht uns

freilich nur,

wenn wir gehen,

wenn wir entgegengehen.

Und wenn wir gefunden haben werden,

weil wir gefunden wurden,

werden wir erfahren,

dass unser Entgegengehen

selbst schon getragen war

von der Bewegung Gottes zu uns.

Karl Rahner


Erst recht engagiert für und mit Menschen: mehr dazu im Sommerheft der Zeitschrift JWW

von Pia Seiler

Kleiner Junge aus einem Slum in Rangun/Myanmar

Nach schwierigen Wochen hier bei uns sind wir am Justieren und Kalkulieren, was der Lockdown gekostet hat – und hoffen, dass wir von einer zweiten Covid-19-Welle verschont bleiben. Im globalen Süden breitet sich die erste Welle erst aus – und wie immer sie ausfällt: Die wirtschaftlichen Folgen treffen die Ärmsten in voller Wucht.

Die Stiftung Jesuiten weltweit JWW, Schweizer Hilfswerk der Jesuiten, fokussiert in der neuen Ausgabe ihrer Zeitschrift auf Myanmar, auf den fragilen Weg des 53-Millionen-Landes aus Armut und Diktatur sowie auf die Rohingya-Flüchtlinge, die in Bangladesch in Lagern um ihre Daseinsberechtigung kämpfen. In beiden Ländern sind Jesuiten vor Ort engagiert in Bildungs- und Hilfsprojekten, die von Schweizer Spenderinnen und Spendern unterstützt werden.

In der Sommerausgabe der Zeitschrift kommt auch die Konzernverantwortungsinitiative KOVI zur Sprache, die mehr Menschenrechte und Umweltschutz in der ganzen Produktionskette fordert – ein Gebot der Stunde für Papst Franziskus: Vor fünf Jahren richtete er mit Laudato si’ einen dringlichen Appell an die Welt, den er nun erneuert. Hier gelangen Sie zur Zeitschrift Jesuiten weltweit 2/2020.

Auf Seite 4-7 zu Myanmar: «Wenn der Corona-Sturm vorüber ist …»
Auf Seite 9 zur Flüchtlingssituation in Bangladesch: Rohingya müssen in Lagern ausharren
Auf Seite 10- 11 zu KOVI und Laudato si’: «Schrei der Erde, Schrei der Armen»

Den Auftakt macht Toni Kurmann SJ, verantwortlich fürs Hilfswerk JWW mit Gedanken zur Zeit:

Seit Wochen haben Nachrichten und Medienberichte fast nur noch ein Thema: Covid-19. Ende Juni, rund vier Monate nach dem ersten Corona-Fall in der Schweiz, beginnen wir in Europa, mit einer grösseren Distanz auf die erste Aufregung zurückzublicken. Für uns als ignatianisches Werk sind in dieser herausfordernden Zeit drei Fragekomplexe wichtig geworden: Wir suchen erstens angemessen zu analysieren, was diese Pandemie für unsere Partnerorganisationen und für uns selbst bedeutet – für Projektpartner wie zum Beispiel das Saint Aloysius Gonzaga Institute in Myanmar, ein College für 700 junge Frauen und Männer aus armen Verhältnissen (Seiten 4–7).

Als Werk der Gesellschaft Jesu ergibt sich die zweite Frage: Wie können wir in der Schweiz unsere weltweite Vernetzung nutzen, um den krisengeschüttelten Betroffenen zu helfen? Und drittens wollenwir aus den bisher gemachten Erfahrungen lernen, was für die zukünftige Zusammenarbeit mit unseren Projektpartnern wichtig ist.

Auch die Schweiz war ab Ende Februar aufgrund der hohen Infektionsraten in den internationalen Schlagzeilen. In der Folge wurden wir von unseren weltweiten Partnerorganisationen besorgt nach unserem Wohlergehen gefragt. Es ist ja üblicherweise unsere Rolle, ihnen den Rücken zu stärken und sie zu unterstützen.

Covid-19 hat sich global in nahezu allen Lebenssphären ausgewirkt; das Virus wird die Welt wohl auch über die ersten Lockdown-Phasen hinaus fordern. In den zugespitzten Debatten zwischen Politik und Wirtschaft wurden die Stimmen der Virologen und Naturwissenschafterinnen immer gewichtiger. Die Stimmen der Religionen waren in diesen Diskussionen kaum hörbar. Wenn, dann waren es eher Schlagzeilen provozierende negative Berichte, die etwa Covid-19 als eine Strafe Gottes beschrieben. Umso wichtiger ist es, dass wir als Kirchen Sprache finden, berichten von selbstverständlich geleisteter Nothilfe, von Seelsorge und Begleitung über welche Kanäle auch immer. Denn auch – oder erst recht in diesen bangen Wochen sind Kirchen und Orden wie der unsrige Menschen beigestanden. Christlich gesprochen geht es darum, uns den Anderen als Nächsten zu erweisen. Und wie immer haben wir die Bedeutung der gegenwärtigen und künftigen internationalen Solidaritätsarbeit betont. Not kennt weder Religion noch Konfession. Auch wir wollen im globalen Massstab hoffen und handeln. Der direkte Austausch mit unseren Projektpartnern vor Ort ist dabei zentral. Mit Partnerorganisationen vom Xavier Netzwerk in Australien, Kanada und Europa koordinieren wir seit März unsere Nothilfe. Dieses Virus wird uns noch länger beschäftigen. Im Unterschied zu früheren humanitären Krisen mit begrenzter geographischer Ausbreitung bewirkt Covid-19 überall auf der Welt Not. nötige Erfahrung. Hier vertrauen wir auf die eingespielte Arbeitsteilung: Die grossen, auch kirchlich geprägten humanitären Nothilfe-Organisationen haben grosse Sammelaktionen initiiert. Wir hoffen natürlich, dass sie in ihren Hilfsprogrammen auch unsere Projektpartner unterstützen.

Wenn uns nun auch Hilfsgesuche von bewährten Projektpartnern erreichen, wollen wir diese nach Kräften finanziell unterstützen. Dank der Leopold Bachmann-Stiftung, vielen Spontanspenden und einem uns anvertrauten Legat konnten wir bisher an Projektpartnern in Südasien Nothilfe ausrichten; konkret unterstützen wir arme Familien in Tamil Nadu und Andhra Pradesh/Indien sowie Tagelöhner in Sri Lanka, die durch den Lockdown betroffen sind. Und in New Delhi erhalten Flüchtlinge vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst Unterstützung.

Projektpartner stellen uns wiederholt die Frage, ob früher zugesagte Gelder in Covid-19-Nothilfe umgewandelt werden können. Auch in der zurzeit zweifelsohne schwierigen Situation gilt es, mit ihnen nachzudenken, wie die künftige Zusammenarbeit aussieht: wie bestehende Schulen weiterentwickelt werden und der Fortbestand von mehrjährigen Sozialprojekten sichergestellt bleibt. Vergessen wir nicht: Unsere Projektpartner waren schon vor Covid-19 vor Ort, und die Zusammenarbeit geht auch danach weiter.

Die weltwirtschaftlichen Konsequenzen sind noch nicht absehbar. Unvergessen bleiben mir die Bilder der indischen Wanderarbeiter, die von einem Tag auf den anderen ihren Verdienst verloren hatten und auf Gewaltmärschen nach Hause strömten, wo sie vor dem Nichts stehen. Und von Myanmar erreicht uns die Nachricht: «Für Millionen Menschen werden Hunger und Armut tödlicher sein als das Virus selbst» – Sinnbild dafür auf dem Titelbild der Junge aus einem Slum in Rangun. Die Folgekrisen werden uns herausfordern. Und auch dann sind wir da, bleiben wir Ansprechpartner.

Covid-19 verursacht starke Lernprozesse! Wie nie zuvor hat die Pandemie drastisch bewusst gemacht, wie sehr unsere Lebensbedingungen verbunden sind, wie stark wir voneinander abhängen. Die globalisierte Ökonomie und die hohe Mobilität haben Distanzen radikal verkürzt. Das gilt nun auch für das Risiko einer Infektion.

Mit unserer Vernetzung wissen wir um prekäre Lebensbedingungen anderswo. Je besser es uns als Hilfswerk gelingt, die Perspektive der Menschen in den unterstützten Projekten einzunehmen, je nachvollziehbarer wird ihre Not. Letztlich ist dieses biblisch untermauerte Empathie-Vermögen Prinzip und Auftrag des Jesuitenordens.

Dass sich auf einmal die Empfänger um die Geber kümmern, macht klar, wie verletzlich wir alle sind. Es war schon immer so, aber so bewusst wie zurzeit war es noch nie. Die Vulnerablen, das sind doch sonst die Menschen in den Projekten. Und nun sind es wir. Auch dies eine starke Lernerfahrung!

Und als Anmerkung: Wie auch bei unseren Partnern haben wir im Austausch mit unseren Spenderinnen, Gönnern, Freundinnen und Freunde während des Lockdowns über die Verbundenheit gestaunt, gerade durch die grossen christlichen Zeiten Fastenzeit, Karwoche, Ostern und Pfingsten. Allen herzlichen Dank und einen guten Sommer
P. Toni Kurmann SJ

 


Meditation zur Eucharistiefeier des Tages: am Pfingstmontag, 1. Juni letztmals an dieser Stelle

von Pia Seiler

Seit Donnerstag, 28. Mai 2020 sind öffentliche Gottesdienste wieder möglich, wenn auch unter gesundheitlichen Schutzmassnahmen. So ist es eine Freude, dass Pfingsten wieder in Kirchen gefeiert werden konnte. Die Gemeinschaft, die gemeinsam Gottesdienst feiert, ist der konkrete Leib Christi und die Kirche. Das Virus, das den Atem nimmt, soll vom Atem Gottes, dem Heiligen Geist, verweht werden!

Somit stellen wir Schweizer Jesuiten die täglichen Impulse zu einem Lesungs- oder Evangelientext der Messe ein, die wir während des Corona-Lockdowns an dieser Stelle bis Pfingstmontag, 1. Juni 2020 zur Verfügung gestellt haben. Wir danken Ihnen für das gemeinsame Beten in den letzten elf Wochen, wenn auch verstreut! Wir hoffen, dass Sie weiterhin biblische Texte meditieren und wieder an Gottesdiensten in Ihrer Umgebung teilnehmen können.

Es ist geplant, dass die entstandenen Tagesimpulse gedruckt erscheinen, so dass sie in der Fasten- und Osterzeit 2021 wieder zur Verfügung stehen.

Zu den Tages-Impulsen seit Sonntag, 15. März 2020:

Pfingstmontag, 1. Juni 2020

Pfingstsonntag, 31. Mai 2020

Samstag, 30. Mai 2020

Freitag, 29. Mai 2020

Donnerstag, 28. Mai 2020

Mittwoch, 27. Mai 2020

Dienstag, 26. Mai 2020

Montag, 25. Mai 2020

Sonntag, 24. Mai 2020

Samstag, 23. Mai 2020

Freitag, 22. Mai 2020

Donnerstag, 21. Mai 2020

Mittwoch, 20. Mai 2020

Dienstag, 19. Mai 2020

Montag, 18. Mai 2020

Sonntag, 17. Mai 2020

Samstag, 16. Mai 2020

Freitag, 15. Mai 2020

Donnerstag, 14. Mai 2020

Mittwoch, 13. Mai 2020

Dienstag, 12.5.2020

Montag, 11.5.2020

Sonntag, 10.5.2020

Samstag, 9.5.2020

Freitag, 8.5.2020

Donnerstag, 7.5.2020

Mittwoch, 6.5.2020

Dienstag, 5.5.2020

Montag, 4.5.2020

Sonntag, 3.5.2020

Samstag, 2.5.2020

Freitag, 1.5.2020

Donnerstag, 30.4.2020

Mittwoch, 29.4.2020

Dienstag, 28.4.2020

Montag, 27.4.2020

Sonntag, 26.4.2020

Samstag, 25.4.2020

Freitag, 24. April 2020

Donnerstag, 23. April 2020

Mittwoch, 22. April 2020

Dienstag, 21. April 2020

Montag, 20. April 2020

Sonntag, 19. April 2020

Samstag, 18. April 2020

Freitag, 17. April 2020

Donnerstag, 16. April 2020

Mittwoch, 15. April 2020

Dienstag, 14. April 2020

Montag, 13. April 2020

Sonntag, Ostermorgen, 12.April 2020

Samstag, Osternacht, 11. April 2020

Karfreitag, 10.April 2020

Gründonnerstag, 9. April 2020

Mittwoch, 8. April 2020

Dienstag, 7. April 2020

Montag, 6. April 2020

Sonntag, 5. April 2020

Samstag, 4. April 2020

Freitag, 3. April 2020

Donnerstag, 2. April 2020

Mittwoch, 1. April 2020

Dienstag, 31. März 2020

Montag, 30. März 2020

Sonntag, 29. März 2020

Samstag, 28. März 2020

Freitag, 27. März 2020

Donnerstag, 26. März 2020

Mittwoch, 25. März 2020

Dienstag, 24. März 2020

Montag, 23. März 2020

Sonntag, 22. März 2020

Samstag, 21. März 2020

Freitag, 20. März 2020

Donnerstag, 19. März 2020

Mittwoch, 18. März 2020

Dienstag, 17. März 2020

Montag, 16. März 2020

Sonntag, 15. März 2020

 

 


Video-Reihe: Spiritueller Zwischenhalt – von Christi Himmelfahrt bis Pfingsten

von Pia Seiler

Lukas berichtet in seinem Evangelium, wie der Auferstandene in den 40 Tagen nach Ostern bis Christi Himmelfahrt immer wieder seinen Jüngerinnen und Jüngern erschienen ist. Nun ist Pfingsten, der 50. Tag nach Ostern. Eine Begleitung mit Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Schweizer Jesuiten zum Fest des Heiligen Geistes und seiner bleibenden Gegenwart in der Kirche.

 


Digitale Gebetswache zu Pfingsten auf Social Media-Kanälen der Jesuiten

von Pia Seiler

Jesuiten- und ignatianische Netzwerke, Gläubige auf der ganzen Welt sind zu einer digitalen Vigil am Vorabend von Pfingsten eingeladen: Die Gebetswache am Samstag 30. Mai beginnt um 20 Uhr und dauert eine gute halbe Stunde. Sie umfasst persönliche Zeugnisse, künstlerische Darbietungen sowie symbolische und interaktive Momente. Teilnehmen kann man via den globalen Facebook-, Twitter- und YouTube-Kanälen der Gesellschaft Jesu.
«Covid-19 betrifft die menschliche Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit. Welch bessere Antwort gibt es, als gemeinsam zu beten: Komm, Heiliger Geist, und erneuere das Antlitz der Erde», schreibt James Hanvey SJ, Sekretär der Gesellschaft für den Dienst am Glauben, der das Gebet organisiert. «Heute ist uns vielleicht mehr als je bewusst, dass wir die Gabe des Heiligen Geistes brauchen. Und wie könnten wir besser um diese Gabe bitten als in einer weltweiten Gemeinschaft von Freundinnen und Freunden im Herrn.»
Pater Hanvey fordert alle auf: «Kommen Sie zur Vigil mit offenem Herzen, Ihren Gebetsanliegen und einer Kerze, die Sie entzünden und mit der Welt teilen möchten.» 

Zur Vorbereitung können auf Social Media eigene Gebete unter #IgnatianPentecost und #TogetherAMDG geteilt werden. Weitere Informationen erhalten Sie hier

 


Das Ende des religiösen Lockdowns hat Brisanz: Christian Rutishauser SJ in der NZZ

von Pia Seiler

© SJ-Bild

Die Debatte um den Zeitpunkt der Rückkehr zu öffentlich zugänglichen Gottesdiensten ist ein Spiegel für das Verhältnis von Religion und Gesellschaft, schreibt Christian M. Rutishauser SJ in der NZZ. 

Hier gelangen Sie zu seinem Gastkommentar in der NZZ vom 29. Mai 2020

Zum Bild: Jesuitenkirche in Luzern, 22. September 2019 am Abschluss-Gottesdienst der Schweiz-Visite von Arturo Sosa SJ, Generaloberer der Jesuiten.  

 


«Sein ganzes Leben sich selbst gegeben»: früherer Generaloberer der Jesuiten P. Adolfo Nicolás SJ ist gestorben

von Pia Seiler

P. Adolfo Nicolás SJ 2015 im Vatikan

P. Adolfo Nicolás SJ, Generaloberer der Jesuiten von 2008 bis 2016, ist am 20. Mai 2020 in Tokio gestorben. «P. Nicolás hat sein ganzes Leben lang sich selbst gegeben», würdigt der aktuelle Pater General Arturo Sosa SJ seinen Vorgänger, der 84 Jahre alt wurde. «Es war ein Leben, das geprägt war von intensivem Dienst, gelassener Verfügbarkeit und einer tiefen Fähigkeit zur Inkulturation in Japan, wohin er als junger Jesuit ging.» P. Adolfo, gebürtiger Spanier, werde in der Gesellschaft Jesu «sehr vermisst werden als ein weiser, bescheidener und engagierter Jesuit, ein Mann der Gnade und Weisheit, einfach und unprätentiös.»

Adolfo Nicolás Pachón wurde am 29. April 1936 in Villamuriel de Cerrato in der  nordspanischen Provinz Palencia geboren. Am 15. September 1953 trat er in Aranjuez ins Noviziat der damaligen Toledo-Provinz ein. Sein Ordensleben ist mit Asien eng verbunden: Nach dem Philosophie-Studium ging er nach Tokio/Japan, wo er auch Theologie studierte und am 17. März 1967 zum Priester geweiht wurde. Er promovierte an der Gregoriana in Rom und lehrte ab 1971 in Tokio Systematische Theologie. 1978 ging er auf die Philippinen, wo er bis 1984 in Manila Direktor des Pastoralinstitutes war. Seine geistliche und theologische Ausbildung erhielt er in Madrid, Tokio und Rom. 
In der Gesellschaft Jesu konnte er viele Erfahrungen in Leitungsaufgaben sammeln, zuerst von 1993 bis 1999 als Provinzial von Japan und dann von 2004 bis 2008 als Präsident der Konferenz der Provinziäle von Ostasien und Ozeanien. Andere Aufgaben führten ihn unter anderem nach Australien, China, Japan, Korea, Mikronesien, Myanmar und Osttimor. Die 35. Generalkongregation wählte ihn am 19. Januar 2008 zu ihrem 30. Generaloberen. Er trat die von Papst Benedikt XVI. bestätigte Nachfolge des Niederländers Peter-Hans Kolvenbach an, der seit 1983 im Amt gewesen war. 

Schwerpunkt seiner Amtszeit als Generaloberer war die Neustrukturierung des Ordens; angesichts der weiterhin rückläufigen Mitgliederzahl (2008: 18 820 Jesuiten; 2015: 16 740 Jesuiten) reduzierte er die Zahl der Provinzen und Regionen weltweit. «Je weniger Mitglieder die Provinzen haben, umso weniger sind sie in der Lage, einen qualitätsvollen Dienst aufrecht zu erhalten», begründete er. «Es ist Zeit, sie zu verändern, weil die Welt sich sehr verändert hat.» Der Wandel sei notwendig, nicht weil etwas nicht mehr funktioniere, sondern um sich an neue Zeiten und Notwendigkeiten anzupassen.

Als wichtige Momente seiner Amtszeit bezeichnete er in einem Interview den Amtsverzicht Benedikts XVI. und die Wahl von Papst Franziskus. «Dass einer von uns zum Papst gewählt würde, nur 200 Jahre nach der Aufhebung der Gesellschaft Jesu und 35 Jahre nach dem päpstlichen Eingriff in die Leitung des Ordens, hätten wir Jesuiten für unmöglich gehalten.»

Obwohl ein Generaloberer nach den Konstitutionen der Gesellschaft Jesu auf Lebenszeit gewählt wird, erhielten bereits die beiden letzten Ordensoberen, P. Pedro Arrupe SJ (1965-1983) und P. Peter-Hans Kolvenbach SJ (1983-2008) die päpstliche Erlaubnis zum Amtsverzicht. Schon bei seinem Amtsantritt 2008 hatte P. Adolfo Nicolás SJ davon gesprochen; seinen Rücktritt kündete er am 20. Mai 2014 an. Die 36. Generalkongregation nahm seinen Amtsverzicht am 3. Oktober 2016 an und wählte P. Arturo Sosa SJ am 14. Oktober 2016 zum neuen Generaloberen. 

Anfang 2017 ging P. Nicolás zunächst nach Manila/Philippinen, um dort wieder am East Asian Pastoral Institute mitzuarbeiten. Wegen seiner gesundheitlichen Situation kehrte er jedoch am 6. August 2018 in seine Heimatprovinz zurück und lebte zuletzt in Tokio in einem Altenheim.

«P. Nicolas hat sein ganzes Leben lang sich selbst gegeben. Es war ein Leben, das geprägt war von intensivem Dienst, gelassener Verfügbarkeit und einer tiefen Fähigkeit zur Inkulturation in Japan, wohin er als junger Jesuit ging», würdigt ihn P. General Arturo Sosa SJ, der aufgrund der derzeitigen Reisebeschränkungen nicht zur Beerdigung nach Japan reisen kann. «Er wird in der Gesellschaft Jesu sehr vermisst werden als ein weiser, bescheidener und engagierter Jesuit, ein Mann der Gnade und Weisheit, einfach und unprätentiös.»
R.I.P.

Interview von 2015 mit Adolfo Nicolás SJ, dem 30. Pater General der Jesuiten: Was verstand Ignatius unter Mission – und was bedeutet Mission heute für den Jesuitenorden? (Minute 9 bis 10.33)  

 


Gottesdienste ab 28. Mai wieder möglich: Hintergrund dazu in der Rundschau vom 20. Mai

von Pia Seiler

Die Schweizer Bischöfe protestierten und forderten, öffentliche Gottesdienste sollten rasch wieder möglich sein. Nun hat der Bundesrat entschieden, dass ab Donnerstag, 28. Mai Glaubensgemeinschaften das gemeinsame religiöse Leben wieder aufnehmen dürfen: dies Thema der Rundschau des Schweizer Fernsehens vom 20. Mai 2020.  

Restaurants, Fitness-Studios, Shoppingcenter durften öffnen, Gottesdienste mit Publikum aber blieben verboten. Insbesondere in der katholischen Kirche war man enttäuscht darüber. Seelsorgerinnen und Seelsorger suchten nach Wegen und Möglichkeiten, um den Gläubigen trotzdem nah zu sein. Die Rundschau-Reportage des Schweizer Fernsehens gibt Einblick in den Corona-Alltag der Kirchen. Studiogast ist Bischof Felix Gmür, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz. Für ihn sind Gottesdienste ein «existentielles Verlangen».

Hier gelangen Sie zur Rundschau von SRF 1 vom 20. Mai 2020


Corona-Krise: Jesuiten-Provinziäle fordern «echte ethische und soziale Solidarität»

von Pia Seiler

Quelle © Screenshot/Johns Hopkins University

Brüssel - Der Jesuitenorden in Europa mahnt nach den wiederholten Ausbrüchen des Coronavirus auf dem Kontinent eine Förderung «echter ethischer und sozialer Solidarität» an. In dem am 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs und 70 Jahre nach der Schuman-Erklärung veröffentlichten Appell fordern die Jesuitenprovinziäle die EU auf, hart daran zu arbeiten, «die existenzielle Bedrohung zu überwinden, die vom gegenwärtigen Mangel an Bereitschaft zu internationaler Solidarität ausgeht». Die Erklärung ist von den 20 europäischen Jesuiten-Provinziälen, darunter Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Schweizer Jesuiten, sowie dem Präsidenten der Provinziäle-Konferenz unterzeichnet; sie vertreten rund 4 000 Jesuiten und Hunderte von verschiedenen Institutionen auf dem gesamten europäischen Kontinent sowie im Nahen Osten.

Die Coronavirus-Pandemie habe das Bewusstsein aller Völker Europas gestärkt, dass sie zutiefst miteinander verbunden sind. Paradoxerweise entdecken die Menschen gerade in einer Zeit, in der die Kirchen leer sind, die christliche Botschaft der Solidarität neu. Dieses Bewusstsein sei ein Motor des Wandels: «Den Menschen zu helfen, in der moralischen Tugend der Solidarität zu wachsen, ist Teil der Berufung der Kirche.»

Die Jesuiten rufen dazu auf, das gegenwärtige Modell der Globalisierung neu zu überdenken. «Wir haben in diesen Wochen gelernt, dass wir auf einem kranken Planeten nicht gesund leben können.» Die Vision von Papst Franziskus einer «integralen Ökologie» fordere eine solche Solidarität ein. Die Ordensoberen kritisieren das anfängliche Zögern, den Ländern des Südens, die mit dem Virus kämpften, zu Hilfe zu kommen. «Glücklicherweise hat die Union den Weg zurück zur praktischen Solidarität gefunden - vorerst. Mittelfristig wird die Herausforderung darin bestehen, die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie anzugehen. Dies wird unweigerlich eine gewisse Umverteilung des Reichtums von den reicheren zu den ärmeren Ländern mit sich bringen.» Die Provinziäle weisen auch auf die Not von Flüchtlingen und Asylsuchenden in ganz Europa hin. Der Aufruf zur Solidarität «muss sich dringend auch auf sie erstrecken», insbesondere auf diejenigen, die in Lagern in der gesamten EU eingesperrt sind.

«Die Europäische Union steht heute vor einer epochalen Herausforderung, von der nicht nur ihre Zukunft, sondern die der ganzen Welt abhängt», zitieren die Provinziäle die Osterbotschaft von Papst Franziskus. Aus Sicht des Jesuitenordens besteht die wichtigste Herausforderung darin, eine europäische Solidarität zu pflegen, die eine globale Solidarität vorwegnehme. «Wir rufen heute zu einem Schuldenerlass für ärmere Länder auf, zu mehr humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit, wobei die Militärausgaben in das Gesundheits- und Sozialwesen umgeleitet werden sollten.»

Die Krise sei eine geistliche Gelegenheit zur Bekehrung. «Wir müssen die Zeit nutzen, um auf einen radikalen Wandel hinzuarbeiten.»

Die Erklärung der Provinziäle im Wortlaut