Sommertipps für weite innere Reisen zu Fuss und mit Büchern

Appenzell, Sommer 2019: Julien Lambert SJ (vorne) mit Teilnehmenden der ökologischen Wanderexerzitien

Für einen Sommer der kleinen Sprünge und weiten inneren Reisen: Fünf Buchtipps von fünf Jesuiten. Und für die abgesagte Reise ein Kontrastprogramm: Anleitung von Christoph Albrecht SJ zum kontemplativen Wandern durch Wald und Wiese und durch Berg und Tal. Die Beiträge finden Sie auch in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Jesuiten weltweit 2/2020.

Fünf Bücher für weite innere Reisen

Gisbert Greshake: Kirche wohin? – Ein real-utopischer Blick in die Zukunft, Verlag Herder 2020
Die Frage nach der Zukunft der Kirche treibt viele um. Mitgliederschwund und Reformstau sind oft diskutierte Themen. Skandale haben die Grundfeste der Kirche zutiefst erschüttert. Die hilflose Devise «retten, was zu retten ist» führt nicht weiter. Auf diesem Hintergrund eröffnet der Freiburger Theologe G. Greshake neue, ermutigende Perspektiven: Abschied von der klerikalen und hin zu einer geistlichspirituellen Kirche, lautet seine Botschaft. Ein Buch, das lesenswert ist und Mut macht. Hansruedi Kleiber SJ

Die Bibel: Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Verlag Herder 2017
Die Bibel fasziniert. Selbst Bertolt Brecht, bekennender Atheist, antwortete einmal auf die Frage nach seiner Lieblingslektüre: «Sie werden lachen: die Bibel.» Das ist nicht verwunderlich. Denn in der Bibel werden alle wichtigen Lebenserfahrungen thematisiert: Liebe, Hass, Versöhnung, Krankheit, Heilung, Leid und Jubel vor Gott. Nichts wird ausgeklammert. Und nicht nur das. Die Bibel zeigt auch einen Weg zu einem sinnvollen Leben. Eigentlich genau das, was Menschen heute suchen. Mein Tipp: Lesen Sie die Bibel – das Buch der Bücher. Lesen Sie langsam, achtsam, interessiert. Und dann? Lassen Sie sich überraschen! Wilfried Dettling SJ
Video-Impuls dazu finden Sie hier

Monika Renz: Versöhnung und Vergebung. Wie Prozesse der Befreiung im Leben und im Sterben möglich werden, Verlag Herder 2019
Krisenzeiten haben den Vorteil, dass tiefer liegende Fragestellungen an die Oberfläche kommen. Der Mensch wird wesentlich. Dies schärft seinen Blick. So beleuchtet Monika Renz die Frage von Versöhnung aus der Perspektive von Sterbenden. Angesichts des Todes entsteht eine neue Bereitschaft zu verzeihen. In der Vergebung werden Beziehungen ins Lot gebracht. In diesem gut lesbaren Buch werden Begriffe geklärt. Monika Renz nimmt Opfer- und Täterperspektiven in ihrer Komplexität in den Blick und stellt konkrete Modelle für Versöhnungsprozesse vor. Eine wertvolle Lektüre über Corona-Zeiten hinaus. Christian Rutishauser SJ
Nächstes Seminar von Monika Renz zum Trauerprozess: 23. – 25.9.2020 im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn, Edlibach ZG

Paul Lebeau: Das suchende Herz – der innere Weg von Etty Hillesum, Verlag Patmos 2016
Das Tagebuch und die Briefe von Etty Hillesum aus deZeit von 1941–1943 gehören zu den faszinierendsten spirituellen Zeugnissen des 20. Jahrhunderts. 1981 zum ersten Mal in einer gekürzten Ausgabe publiziert, erkannte der Jesuit Paul Lebeau die Verwandtschaft zu Elementen der ignatianischen Spiritualität. Anhand zahlreicher Zitate aus der Gesamtausgabe (auf Deutsch noch nicht vorliegend) beleuchtet er die Etappen von Etty Hillesums innerem Weg zu Gott und zur Bejahung des Lebens trotz allem (geboren 1914 im niederländischen Middelburg, gestorben 30. November 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau). Ihre Gotteserfahrung jenseits von klassischer und institutionalisierter Religiosität ist heute von höchster Aktualität. Beat Altenbach SJ

Boris Pasternak: Wenn es aufklart. Werkausgabe Band 3. Gedichte, Erzählungen, Briefe, herausgegeben von Christine Fischer Frankfurt 2017
Obwohl die Gedichte des Jurij Schiwago den Epilog von Boris Pasternaks Roman Doktor Schiwago (1957) bilden – sie werden im Roman dem Protagonisten zugeschrieben und können von diesem nicht getrennt werden – sind sie von der russischen Literaturkritik als selbständiger, bedeutender Teil des Spätwerks von Boris Pasternak (1890–1960) gewürdigt worden. Diese Doppelwirkung, die schon durch die Konstruktion des Romans angelegt ist, muss bei der Lektüre der Gedichte berücksichtigt werden: In ihnen konzentriert sich das erzählte Schicksal des Romanprotagonisten und die Poetologie des Romanautors – ein berührender Einblick. Nikolaus Klein SJ
Breite Auswahl an Literatur auch in der Jesuitenbibliothek, Hirschengraben 74, Zürich 

 
Schritt für Schritt durch den Sommer

Anleitung von Christoph Albrecht SJ

Wir haben soeben die kollektive Erfahrung gemacht, dass es auch ganz anders geht: Wir haben die Anweisungen zum Schutz von Covid-19 grossmehrheitlich befolgt. Wir sind tatsächlich fähig zu solidarischem Handeln. Können wir dieses neu gewonnene Bewusstsein auch für andere dringende Probleme einsetzen? Es muss sich etwas ändern, das spüren wir, und wir schaffen es nur, wenn sich möglichst alle daran halten, das wissen wir nun.

Denken wir an die ökologische Krise, an den Klimawandel, müssten wir uns zurufen: «Lasst uns auf Flugreisen verzichten. Bitte. Alle.» Und: «Lasst uns den Fleischkonsum reduzieren. Bitte. Alle.» Denken wir des weiteren an die katastrophale Situation der weltweit 70 Millionen Menschen auf der Flucht, müssten wir uns zurufen: «Lasst uns die Fremdenangst überwinden. Bitte. Alle.»

Jede und jeder von uns war schon und ist vielleicht gerade in einer Situation, die nach einer grundlegenden Veränderung verlangt. Es gibt viele Gründe, wichtige Entscheidungen vor sich her zu schieben. Einer ist, wenn ich nicht genau weiss, wie ich es anpacken soll. Mir hilft das Prinzip «Schritt für Schritt». Die sprichwörtlichen Schritte lassen sich auch konkret beim Wandern entdecken, einüben, vertiefen. Mussten Sie ein ersehntes Ziel aufgeben, eine Reise verschieben? Gönnen Sie sich diesen Sommer Spaziergänge und Wanderungen! Wenn Sie auf Ihre körperlichen Grenzen achten, finden Sie heraus, was Ihnen gut tut. Wagen Sie, bewusst im Schweigen zu gehen. Sie werden die Intelligenz der Füsse entdecken. Lassen Sie sich auf den Rhythmus Ihrer Schritte ein!

 Gehen kann zur ganzheitlichen Erfahrung, ja spirituellen Übung werden, wo ich mich auf das Zusammenspiel von Bewegung, Atmung und Wahrnehmung einlasse. Der Organismus wird angeregt, ohne schnell zu ermüden, und die oftmals hyperaktive Gedankenwelt erfährt Entschleunigung. «Beim Gehen geht vieles besser», ist ein alter Spruch, der wahr ist, wenn man denn tatsächlich geht – ob durch Wald und Wiese vor der Haustüre oder weiter durch Berg und Tal ist dabei nicht so entscheidend. Im Gehen können uns Dinge klar werden, was uns mit angestrengtem Nachdenken oft nicht gelingt. Es bringt uns in eine dynamische Beziehung zu uns selbst, zu unserer Umwelt, möglicherweise auch zum Göttlichen. Gehen als Meditation: Karl Rahner SJ, bedeutender Theologe des 20. Jahrhunderts, hat es erfahren und uns diese Zeilen geschenkt:

Wir gehen,

wir müssen suchen.

Aber das Letzte und Eigentliche

kommt uns entgegen,

sucht uns

freilich nur,

wenn wir gehen,

wenn wir entgegengehen.

Und wenn wir gefunden haben werden,

weil wir gefunden wurden,

werden wir erfahren,

dass unser Entgegengehen

selbst schon getragen war

von der Bewegung Gottes zu uns.

Karl Rahner

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