Was ist uns heilig? Gedanken von Christian M. Rutishauser SJ an einer Veranstaltung der Paulus Akademie

Kurzvortrag, gehalten an der Paulus Akademie Zürich am 12. November 2019

Wenn ich Menschen geistlich begleite, stelle ich ihnen immer auch die Frage: „Was ist Ihnen letztlich wichtig? Wofür wollen Sie leben? Was sind Ihre Werte“. Manchmal fällt es meinem Gegenüber schwer, auf diese Fragen zu antworten. Dann frage ich weiter: „Wofür sind Sie bereit, Geld auszugeben, und wofür setzen Sie Ihre Zeit ein?“ Da fällt die Antwort oft leichter. Wofür jemand Zeit und Geld einsetzt, das ist ihm wichtig, dafür lebt er! Ähnlich kann ich nun fragen: „Was ist uns heilig?“ Vielleicht fällt auch da die Antwort nicht leicht. Dann lassen Sie uns weiterfragen: „Was ist für uns unantastbar? Wovor empfinden wir Ehrfurcht? Was verteidigen wir um alles in der Welt?“ Mit diesen Fragen kommen wir dem näher, was uns heilig ist. Das Heilige ist das Unantastbare, das, was ewig bleibt und nicht verändert werden darf, was ich verehre, zu dem ich aufblicke, was mir letztlich Leben schenkt. 

Im Alltag können es Kleinigkeiten sein. Es gibt „kleine Heiligkeiten“. Sie lösen sich aber auch wieder auf und können im Lauf eines Lebens wechseln: Für die Einen ist es der Sport, für die Andern das Auto oder ein Rückzugsort. Etwas grösser und bedeutender werden die „Heiligkeiten“, wenn jemand davon spricht, dass ihm die Gesundheit oder eine Beziehung heilig ist. Nicht nur der Einzelne, auch eine Gesellschaft hat Dinge, die ihr „heilig“ sind: Für die Schweiz ist es das direkte Stimmrecht, sind es die liberalen Freiheiten. Das Bankgeheimnis und die Armee waren einst heilige Kühe. Heute ist es die Mobilität, das Online-Sein. Die Beispiele zeigen, dass es beim Heiligen um letzte Werte und letzte Grundlagen geht. Dabei steht die ganze Identität auf dem Spiel. Es geht um konstitutive Elemente, eigentlich um das, was das Leben für einen Menschen oder eine Gesellschaft erst ermöglicht. Daher darf es nicht in Frage gestellt werden. Das Heilige ist also das, was einer konkreten Biographie oder einer Gesellschaft vorausgeht. Was uns heilig ist, steht für das, woraus wir leben. Das Heilige ist so etwas wie Lebensquell und Lebensgrundlage. 

Das Heilige will geschützt und respektiert, verehrt und vielleicht sogar angebetet werden. Das Heilige darf daher nicht der menschlichen Gier, dem Kalkül oder dem zweckrationalen Nutzendenken unterworfen werden. Dadurch zerstört man das Heilige. Man profaniert es. Weil der moderne Mensch aber alles seinem Nutzen unterwirft, alles ausreizt und ausbeutet, und weil sein Machbarkeitswahn vor nichts Halt zu machen scheint, wird das Heilige zerstört. Das geschieht einerseits im Verdrängen der Religionen. Der Sonntag zum Beispiel ist kein heiliger Tag mehr. Auch die Bibel hat für viele die Autorität einer Heiligen Schrift verloren, weil sie nur noch als Literatur der Menschheitsgeschichte gesehen wird. Die Exegese der Theologen trägt selber dazu bei, wenn sie die Bibel in die Entstehungsgeschichte hinein auflöst. Das Heilige wird aber auch zerstört im leichtfertigen Beenden einer Ehe, im bewussten Beenden von Leben, bei der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen oder bei der Verschmutzung von Luft und Meer. Grenzenlosigkeit und Masslosigkeit sind Feinde des Heiligen. Das Heilige setzt dem Menschen eine Grenze. Ist Resakralisierung ein Heilmittel gegen das masslos verobjektivierende Denken des Menschen? Soll man die Ehe und die Natur, das Leben des Menschen etc. wieder für heilig erklären und dem menschlichen Zweckdenken entziehen? Wenn ja: Wer hat die Autorität dazu?

Auf jeden Fall gilt: Weder die Gesellschaft noch der einzelne Mensch sind grenzenlos. Leben gibt es nur in An- und Abgrenzungen. Letztlich ist das Leben Geschenk, es ist vorgegeben. Auch viele Begegnungen, Glück, Erfahrungen, Wohlstand, Gesundheit etc. fallen dem Menschen zu. Auch wenn vieles dem Menschen entzogen bleibt, das Heilige gehört immer zum Leben. Der Mensch lebt von Voraussetzungen, die das Leben erst ermöglichen: Diese Voraussetzungen sind für ihn unantastbar als Lebensgrundlage, als letzte Wertquelle, er erklärt sie für heilig. Die Unterscheidung von heilig und nicht-heilig, von heilig und profan also, gehört zu jeder Kultur. Auch eine säkulare Kultur wie die Kultur der Moderne, die das Heilige per definitionemdurch Wissenschaft und Technik zu überwinden sucht, spricht Dinge heilig. Grenzziehungen zwischen heilig und profan sind einfach sehr verschieden. Lassen Sie mich nur ein Beispiel anführen, das gerade in die säkulare Gesellschaft hineingreift: In der katholischen Christenheit waren Reliquien heilig. Hohe Geldsummen wurden für sie ausgegeben. Mit ihnen waren Ansehen und Machtlegitimation verbunden. In der säkularisierten Gesellschaft läuft der Kunstmarkt nicht anders: Für gewisse Gemälde werden horrende Summen bezahlt, die in keinem Verhältnis zur Produktion stehen. Doch der Besitz verleiht eine Aura, Ansehen, Macht. Die Gemälde werden nur mit Samthandschuhen angefasst, und die Betrachter verstummen vor ihnen, wie die Gläubigen einst vor Altären mit Reliquien. Vor allem aber ist das Kapital in unserer Gesellschaft heilig. Die Aufsichtsräte mit ihren unzähligen Bank-, Börsen- und Unternehmerpersonen sind das hierarchisch gestufte Priestertum. Entsprechend zeremoniell und ehrfürchtig geht es in den heiligen Hallen der Banken und Chefetagen zu. Nicht nur Ausstrahlung und Ansehen, nicht nur Macht, sondern auch Opfer gehören zum Heiligen. Gott und Göttern, dem Heiligen, opfert man. Dies gehört auch zum Kapitalismus: Die Natur schreit zum Himmel. Kurz und gut: Auch in der profanen und säkularen Gesellschaft gibt es das Heilige. Es produziert sich neben dem Profanen immer wieder neu. 

Wie Opfer zur Religion gehören, so ist das Heilige immer mit Machtkonstellationen verbunden. Das Heilige ist ohne Macht nicht zu denken, und die Macht kommt ohne das Heilige nicht aus. Das zeigt sich ja nicht erst an der Wirtschaft, sondern hat sich seit jeher gerade auch an der Politik gezeigt: Der Adel und die Könige haben sich früher göttlich legitimiert. Bis heute wird der Papst „heiliger Vater“ genannt. Und selbst in einer Demokratie, wo die Regenten ihre Macht vom Volk verliehen bekommen haben, bildet sich um die Präsidenten und die Bundesräte eine „heilige Aura“ aus. Dass Macht das Heilige immer braucht, zeigen die Mausoleen und der Kult um kommunistisch-atheistische Politiker wie auch die Zeremonien, mit denen sich Diktatoren in Szene setzen. Macht braucht Liturgie, Zeremonie, um sich abzuheben und explizit oder implizit zu heiligen.

Über Heiliges und Macht ist in den letzten Jahrzehnten viel geforscht und nachgedacht worden. Zu Beginn der 20. Jahrhunderts ist Rudolf Otto mit seiner Definition des Heiligen als tremendum et fascinosum zu nennen: Das Heilige ist das Erhabene. Darauf reagiert der Mensch mit Furcht und Faszination zugleich. Er möchte an Macht und Aura teilhaben. Im 18./19. Jahrhundert hat der Mensch vor den Naturgewalten gezittert und war fasziniert zugleich. Die Alpen konnten einst ein tremendum et fascinosumauslösen. Heute sind sie zur Spielwiese vor dem Haus geworden. Die Erfahrung des Erhabenen wird heute im Naturtrecking gesucht, dazu fahren wir in die Wüste Gobi, ans Nordkap oder in die Antarktis. „Was ist uns heilig?“, bedeutet also zu fragen: Vor welcher Macht erschauern wir und sind zugleich fasziniert? Ich möchte dabei noch gesellschaftsrelevanter und politischer antworten: die Trumps, Putins, Erdogans, Orbans und wie sie alle heissen, haben durch die Kombination von Macht und Heiligem Erfolg. Sie werden in Gesellschaften gewählt, wo Menschen der Faszination dieses „archaisch Heiligen“ erliegen, wie ich es nennen möchte. Um es noch etwas schärfer zu sagen: Es geht um die Faszination des Faschistischen, die Faszination angesichts der Macht des Stärkeren. Der Starke kann sich durchsetzen. Er kann über Leben und Tod entscheiden. Sein Erfolg gibt ihm göttliche Legitimation. Das Heilige sanktioniert dabei nicht nur Macht, sondern eben auch oft Gewalt, und diese wiederum produziert Opfer. Weil aber Macht und Gewalt Ordnung und Lebensraum schaffen, werden sie als heilig und göttlich erfahren. Dass diese Ordnung fast immer auf Kosten von Minderheiten, Dissidenten oder sogar Sündenböcken geht, wird dabei ausgeblendet. Das archaisch Heilige fordert nämlich immer auch Opfer. Zur Religion gehören Opfer und das Heilige untrennbar dazu. Auch eine säkulare, technokratische und utilitaristische Gesellschaft neigt dazu, diese Seite des Heiligen zu reproduzieren. Der atheistischen Moderne ist Macht heilig. Sie ist vom Willen zur Macht geradezu bestimmt, was Schopenhauer, Nietzsche u.a. philosophisch legitimieren. Wegen des Hangs zur Macht verbindet sich die säkulare Gesellschaft auch wieder leicht mit institutionalisierter Religion und mit dem Heiligen. USA, Russland oder verschiedene Staaten in Osteuropa sind heute Anschauungsbeispiele dafür.

Religionen haben es nicht nur mit dem Heiligen zu tun. Sie stellen verschiedene Systeme dar, Mächte und Gewalten zu organisieren und zu kanalisieren: Der Monotheismus schafft einen allmächtigen Gott mit weniger mächtigen Engeln und Geistern. Das Heidentum hat einen Machtkampf unter Göttern beschrieben, der letztlich irdische Machtverhältnisse widerspiegelt. Monotheismus als zentrale, Heidentum als mehr föderalistische Machtorganisation also! Magie ist in diesem Sinne eine individuelle Ermächtigungsstrategie. Diese Art von Religionsverständnis ist bis heute aktuell. Viele säkulare Menschen nehmen Religion denn auch nur in Form von Mächten wahr, sei es über Strahlung von Steinen, über Kraftplätze, die sie aufsuchen, oder über Energieflüsse, für die sie sich öffnen wollen. Am liebsten würde man an Wunder glauben, durch die ein Gott in seiner Allmacht die Naturgesetze ausser Kraft setzt. Die Ratio verbietet es, doch die Versuchung zum archaisch Heiligen ist gerade im 21. Jahrhundert neu aufgebrochen. Der Schock der Verbindung von Heiligem und Macht, von Opfer und Gewalt, die sich im Faschismus im Zweiten Weltkrieg entladen hat, wirkt in uns offenbar nicht mehr nach. So schleicht sich das Brachiale des Heiligen langsam in die Gegenwart zurück.

René Girard hat sich in seiner mimetischen Theorie ausführlich mit der Gewalttätigkeit des Heiligen und damit der Religion auseinandergesetzt. Sein „La violence et le sacré“ ist heute schon ein Klassiker. Weiter darauf einzugehen ist hier nicht der Raum. Mir geht es nur darum, die Ambivalenz des Heiligen bewusst zu machen. Wenn gejammert wird: „Heute ist uns nichts mehr heilig!“, wird unterstellt, dass es grundsätzlich besser wäre, wir hätten wieder mehr Heiliges in unserer Gesellschaft. Säkulare wie Gläubige, welche die Gesellschaft mit ihrer Ordnung und mit ihren Werten in einen chaotischen Relativismus abgleiten sehen, rufen zum Teil nach der Sakralisierung. Die Welt müsse wieder verzaubert werden, um dem Machbarkeitswahn und der zweckrationalen Vernunft eine Grenze zu setzen. Als gläubiger Christ bin ich skeptisch. Ich will das Heilige stärken, doch nicht unbedingt das archaisch Heilige. Die entscheidende Frage ist heute: Welcher Form von Heiligkeit öffnen wir uns? Was verstehen wir unter heilig?

Die biblischen Schriften kennen die Erfahrung des archaisch Heiligen: Dagon, der Gott der Philister, fällt zum Beispiel vor der Gegenwart JHWH in sich zusammen. (1 Sam 5,2f) Gott kommt auch mit Gewalt als Krieger und im Gewitter daher, wie es in verschiedenen Psalmen besungen wird. (z. B. Ps 18) Doch zugleich wird der Begriff des Heiligen so stark umgeformt, dass die beiden religiösen Traditionen, die aus der Bibel hervorgehen, das rabbinische Judentum und das Christentum, manchmal überhaupt nicht mehr als Religionen bezeichnet werden. Christentum und Judentum werden im Mittelalter denn auch einfach lexgenannt oder sectaoder fides, Gesetz also, Partei oder Glaube. Erst in der Moderne nennt man das Christentum und das Judentum Religionen. Doch wie auch immer: Beide Traditionen formen das Heilige um. Diese Umformung hat, ganz grob gesprochen, zwei Aspekte: 

  1. Der Gott der Bibel allein ist heilig. Alles andere ist profan. Es gibt den Schöpfer Gott, der heilig ist. Und es gibt die Schöpfung, die profan ist. Nichts dazwischen. Von diesem Gott kann kein Bild gemacht werden. Er hat Himmel und Erde, also das All gemacht. Er ist der wahre, lebendige Gott, der letztlich allem Leben schenkt, sonst ist da keiner. Alles was Menschen für heilig erklären, sind Götzen, weil es Elemente der Schöpfung sind, wandelbar, antastbar, veränderlich. Vor diesem Gott entstehen erst Götzen. Sogar ein Standbild, das Gott in dieser Welt darstellen soll, ist ein Götze. Die Geschichte vom goldenen Kalb erzählt es. Die Oper „Moses und Aron“ von Arnold Schönberg habe ich zweimal live gesehen, einmal in der Staatsoper Wien. Da war der Tanz um das goldene Kalb ein Tanz um eine riesige Videoinstallation, die schnelle Autos, schöne Frauen, Schmuck, Facelifting, Markenkleider gezeigt hat – und auf dem Höhepunkt des Tanzes dann den Wiener Opernball. Uns Zuschauern im Opernhaus ist gleichsam der Spiegel vorgehalten worden: Götze ist die Staatsoper Wien. Was den Menschen heilig ist wird angesichts des Gottes von Mose und Aron zum Götzen. In der Inszenierung von „Moses und Aron“ im Zürcher Opernhaus war das goldene Kalb übrigens ein riesengrosser Lindt-Schokoladen-Osterhase, jener mit dem Goldpapier, den Sie alle kennen. Kurz: Die Vorstellung von Heiligkeit in der Bibel entlarvt all das, was Menschen heilig ist als Götzen. Einzig Gott darf angebetet werden.
  2. Die Heiligkeit liegt also allein bei Gott, der Gerechtigkeit, Freiheit, Liebe will. Dieser Gott wird nicht durch Statuen oder andere Gegenstände in der Welt repräsentiert, sondern vom Zehnwort. Im Tempel in Jerusalem steht im Allerheiligsten nämlich die Bundeslade, also der Kodex ethischen Verhaltens: Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen! Halte den Sabbat heilig! Du sollt nicht stehlen, nicht töten, nicht lügen, nicht begehren, was dir nicht zusteht! Heiligkeit ist hier losgelöst von Gewalt und Selbstbehauptung. Heilig ist ein Handeln, das sich an Gott orientiert. Nur ethisches Handeln kann Gott in der profanen Welt repräsentieren. Ethisch leben und handeln wie Gott heisst, die Welt heiligen. Folglich werden die Gebote im Heiligkeitsgesetz in Levitikus kommentiert: „Seid heilig, weil ich heilig bin.“ Nur der ethisch und somit gerecht lebende und liebende Mensch verkörpert Gott, den Heiligen. Der einzige vollkommen gerechte Mensch ist für Christen Jesus, der Jude von Nazareth. Er ist daher auch der Heilige. Wenn Menschen wie Gott handeln und wie Christus leben, können sie als Heilige bezeichnet werden. Paulus nennt seine Mitchristen schlicht „Heilige“. Heiligkeit ist hier Teilhabe am Handeln Gottes und am Wirken Christi in der säkularen Welt. Dies Handeln betrifft einerseits den Alltag, vor allem aber auch den Gottesdienst: In der Liturgie, wo Christus und Gott gegenwärtig erlebt werden, entsteht denn auch ein heiliger Raum, ein Raum, der von Gottes Heilshandeln geschaffen ist. Der Mensch ist eingeladen, in dieses Heilshandeln einzutreten. Diese Vorstellung von Heiligkeit lenkt den Begriff vom „archaisch Heiligen“ weg und lässt etwas Neues heilig erscheinen: das Leben aus Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit. Damit wird der Mensch in seiner Würde als freies Wesen geheiligt.

Was ist uns heilig? Dies war unsere Ausgangsfrage. Verschiedene Objekte und Zustände haben wir abgeschritten, die Menschen für heilig erklären. Zudem haben wir festgestellt, dass das Konzept der Heiligkeit sehr ambivalent sein kein. Das Heilige schützt nicht nur Leben und begrenzt Macht. Es kann auch mit Gewalt und Ungerechtigkeit Opfer fordern. Die jüdische und christliche Tradition haben das Heilige radikal an Gottes Heilshandeln gebunden. Heilig ist, was Heil bewirkt. Juden und Christen richten sich danach aus, auch wenn sie wie alle Menschen fasziniert und zugleich schaudernd das „archaisch Heilige“ betrachten. 

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