Schrei der Armen: Valerio Ciriello SJ zum 50. Jahrestag des Sekretariats für Gerechtigkeit & Ökologie

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Die Gesellschaft Jesu feiert dieser Tage den 50. Jahrestag ihres Sekretariats für soziale Gerechtigkeit und Ökologie (SJES). «Der Schrei der Armen und der Erde – es ist Zeit zu antworten»: Unter dieser Überschrift trafen sich vom 4.-8. November in Rom 210 Jesuiten, Experten und Aktivisten aus allen Kontinenten. Sie eint der Einsatz für das, was Papst Franziskus die «Peripherien der Welt» nennt. Scholastiker Valerio Ciriello SJ, Teilnehmer aus der Schweiz (1. Pultreihe 4.v.l), schildert seine Eindrücke. 

Pedro Arrupe SJ, der damalige Generalobere der Jesuiten, hat das Social Justice and Ecology Secretariat (SJES) 1969 ins Leben gerufen – im Jahrzehnt und im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils. Heute sind die Herausforderungen noch komplexer als im Gründungsjahr. Umweltzerstörung, Vertreibung, Ausbeutung schreiten voran – die Menschheit befindet sich in einer Wendezeit. So verfolgte das SJES-Treffen drei Ziele: die Treue Gottes auf diesem Weg zu feiern; den Fahrplan für die Umsetzung der Allgemeinen Apostolischen Präferenzen, Leitlinien der Jesuiten für die nächste Dekade; Möglichkeiten zur Zusammenarbeit und Vernetzung mit anderen Akteuren zu schaffen. 

Das Spektrum reichte vom Kampf gegen die Umweltzerstörung in Honduras hin zur Rehabilitierung junger Gang-Mitglieder in den Vereinigten Staaten. Vom Einsatz für Dalits und vertriebene Angehörige indigener Stämme hin zu Bildungsangeboten für Jugendliche in Afrika. Von der Arbeit mit Migranten und Flüchtlingen in Europa hin zum Engagement gegen den Klimawandel. Inputs dazu kamen von Ismael Moreno SJ, der mit Menschen in Honduras gegen die Ausbeutung durch multinationale Unternehmen kämpft; Gregory Boyle SJ, Direktor von Homeboy Industries, Organisation für ehemalige Gang-Mitglieder in Los Angeles; Sunita Narain, indische Ökologin und Aktivistin; Kardinal Michael Czerny SJ, vatikanischer Untersekretär für Flüchtlinge und Migranten; Jeffrey SachsUS-Ökonom und Direktor des Earth Institute; Noluthando Honono, junge südafrikanische Aktivistin.

Zum Auftakt forderte Arturo Sosa SJ alle Teilnehmer auf, «diesen ganz besonderen Moment zu nutzen, in dem Gott uns einlädt, uns zu erinnern, zu danken, zu unterscheiden und mutige und gewagte Entscheidungen zu treffen, um Jesus und sein Volk zusammen mit den Ausgeschlossenen, Armen und Schwächsten zu begleiten».

Hier finden Sie die Rede von Pater General Arturo Sosa SJ zum 50. Jahrestag des Sekretariats für soziale Gerechtigkeit und Ökologie

 

Persönliche Eindrücke von Scholastiker Valerio Ciriello SJ, Kongress-Teilnehmer aus der Schweiz: 

Innere Umkehr, Zusammenarbeit, Radikalität: drei Stichworte, die mich begleiten 

Um was ging es am Jubiläum des Sekretariats für soziale Gerechtigkeit und Ökologie in Rom? Vordergründig weniger um den Status quo des Sozialapostolates des weltweit tätigen Jesuitenordens. Wurden konkrete Entscheide gefallen? Eben nicht, und es ist gut so. Für Xavier Jeyaraj SJ, Vorsitzender des Sekretariats, sollte der Kongress weniger konkrete Handlung anvisieren, sondern viel mehr einen spirituellen Weg aufzeigen, damit wir vom Geist zur Erneuerung geführt werden können. Damit eine positive Spannung zwischen Sein und Tun entstehen kann, um schlussendlich mehr im Sein zu weilen als im Tun.

Im Zentrum standen Armutsbekämpfung, Entwicklung, Gerechtigkeit, Stimme der Jugendlichen in der Kirche, Umweltkrise – alles Themen, die mit dem Sozialapostolat in Berührung kommen. Es waren fünf sehr intensive Tage, die nicht einfach in ein paar Zeilen zusammengefasst werden können. Der geistliche Ansatz des Kongresses hilft jedoch, Richtwerte aus dem Gesagten herauszufiltern, welche für die konkrete Gestaltung unserer Arbeit als Jesuiten Inspirationsquelle sind. Ich möchte mich auf drei dieser Richtwerte fokussieren:  innere Umkehr, Zusammenarbeit und Radikalität.

Innere Umkehr
Der Akzent auf die innere Umkehr war hilfreich – eine unentbehrliche Voraussetzung, um institutionelle oder strukturelle Konversion herbei zu führen. Dabei wurde klar, dass auch wir als Jesuiten einer persönlichen Umkehr bedürfen! Sind wir bereit, den Wunsch nach Status, Prestige loszulassen um die Zusammenarbeit mit anderen zu ermöglichen? Ist uns bewusst, dass wir nicht immer in der Pole-Position sein können, nicht immer in Führungspositionen sitzen werden? Um etwas zu erreichen, müssen wir in der Lage sein, auch Nebenrollen zu spielen. «Ihr seid das Salz der Erde» (Matthäus 5,13) sagt uns unter anderem, eine bescheidene Haltung einzunehmen. Das Salz macht im Hinblick auf das Endresultat der entscheidende Unterschied in der Summe der Zutaten.  

Die institutionellen oder strukturellen Konversionen sind eine Konsequenz der inneren Umkehr und nicht dessen Voraussetzung. Mit anderen Worten geht es immer zuerst darum, dem Menschen zu begegnen, bevor strukturelle oder institutionelle Änderungen in der Welt angegangen werden. Aber was heisst das nun? Grundsätzlich heisst es, jede und jeden auf Augen- und Ohrenhöhe zu begegnen, auch wenn die Meinungen divergieren. Haltungen wie «wir wissen es besser» werden uns in unserer Arbeit nicht weiterführen. Nur so können wir hoffen, dass Veränderungen in uns und in anderen stattfinden. Diese innere Haltung ist auch die Grundvoraussetzung für den nächsten Richtwert: die Zusammenarbeit.

Zusammenarbeit
Während des Kongresses wurde immer wieder betont, wie wichtig die Zusammenarbeit ist. Was ist darunter zu verstehen? Ordensintern, dass wir unsere Mitarbeitenden als Menschen wahrnehmen, die fürs gleiche Ziel hinarbeiten. Wir brauchen die Zusammenarbeit mit anderen; wir begehen sonst «Selbstmord», wenn wir Menschen auslassen, unverbunden bleiben, nur auf einem Fuss stehen. In diesem Zusammenhang kam auch die Frage auf, ob wir als Orden auch für unsere nicht-jesuitischen Kolleginnen und Kollegen einen Aus- und Weiterbildungsfonds einrichten sollten. Persönlich würde ich dies sehr begrüssen.

Es geht nicht nur um interne Zusammenarbeit, sondern um Zusammenarbeit in umfassendem Sinn und gipfelte im Aufruf, sich vor allem ausserhalb des Ordens zu vernetzten. Wir sind als Orden und als Ordensmänner eingeladen, ein Gefühl von Gemeinschaft um uns aufzubauen, vor allem mit denjenigen, die mit uns die gleichen Kämpfe teilen. Der Aufbau eines Gemeinschaftsgefühls bedingt, dass wir uns vermehrt gegenüber der Aussenwelt öffnen. Zweifelsohne ein guter Beginn ist das Kultivieren und Pflegen der Beziehungen mit unseren Arbeitskolleginnen und Kollegen – unseren Mitstreiterinnen und Mitstreitern.

Unser Ordensgründer Ignatius von Loyola war ein grosser Beziehungsmensch und Netzwerker. Da sehe ich eine riesige Chance für uns und für die Welt! Networking verbindet Stärken, am besten mit einer Haltung der Demut wie bereits erwähnt. Die Mission, die Arbeit ist gross, der einzelne Jesuit ist klein. Wie können wir Frauen und Männer für andere werden, wenn nicht mit und hinter anderen? Zusammenarbeit ist die harte Währung der Vernetzung. Für uns Jesuiten ist die Vernetzung ein wichtiger Prozess und der Zweck apostolisch in den Diensten unserer bedürftigsten Mitbrüder und –Schwestern zu sein. Der Kongress zeigte auf, wie eine breitere und vernetzte Mission anhand der «synodalen Methode», gar einer «synodalen Bekehrung» gelingen kann. Das setzt eine tiefere Gemeinschaft und integrative Teilnahme voraus mit allen. Wir brauchen mehr Führungspersönlichkeiten, die für einen authentischen Synodalstil eintreten, welche in der Einheit (nicht der Uniformität) die Stimme des Geistes widerspiegelt.

Radikalität
In Fragen und Vorträgen im Plenum und danach in Arbeitsgruppen kamen wir immer wieder auf Radikalität zu sprechen. Dies erhärtet mein Eindruck, dass uns radikale Änderungen bevorstehen.

So wurden etwa die Rezepte des Wirtschaftsprofessors Jeffrey Sachs, wie man die Ungerechtigkeiten in der Welt bekämpfen könne, substantiell und radikal in Frage gestellt. Auf den Punkt gebracht ist Sachs der Meinung, dass mit einer Spende von 1 Prozent des Bruttoinlandproduktes der reichen Länder das Problem der Armut in Ländern des globalen Südens gelöst werden könne. Vielen Teilnehmern und Referenten des Kongresses war klar, dass die Lösung nicht in der «Entwicklungshilfe» liegt. Prioritär ist die Ausarbeitung eines eigenen Wirtschaftsmodells der armen Länder, welches nicht auf das neoliberale und auf Konsum basierte Modell abstützt. Doch wie bereits eingangs erwähnt, institutionelle oder strukturelle Änderungen können nur folgen, wenn jeder Einzelnen von uns den langen Weg zur eigenen Umkehr auf sich nimmt.

Zusammenfassend bin ich überzeugt, dass wir uns vom heutigen homo consumericus (Konsummensch) immer mehr zum homo integralis (ganzheitlicher Mensch) entwickeln müssen. Es ist kein Zufall, dass Papst Franziskus das vatikanische «Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen» eingerichtet hat und u.a. den alten «Rat für Gerechtigkeit und Frieden» in die neue Struktur einfliessen liess. Die Probleme dieser Welt werden wir nicht langfristig anpacken können, wenn wir lediglich eine «Symptombekämpfung» betreiben. Wir müssen beim Menschen als solchen ansetzten, und das heisst: bei uns selber.  

Selbstredend, dass wir alleine die vielen Probleme dieser Welt nicht lösen können, aber wie sagt Papst Franziskus sinngemäss: Lass uns Prozesse starten; alles ist miteinander verbunden! Wir tun gut daran, uns zu erinnern: Wir alle, die unser Leben auf dieser Erde teilen, sind Brüder und Schwestern. Wir alle teilen auf dieser kleinen und zerbrechlichen Erde den gleichen kurzen Moment des Lebens. Wir alle suchen nichts anderes als die Chance, unser Leben in Würde zu gestalten und hoffen auf Glück. Uns eint das Band des gemeinsamen Glaubens an die Menschheit und des gemeinsamen Ziels einer besseren Zukunft für alle. Ganz sicher können wir vermehrt noch lernen, die Menschen um uns herum als ebenwürdige Mitmenschen zu betrachten, ganz sicher können wir auch intensiver zusammenarbeiten, die gegenseitigen Wunden verbinden und in unseren Herzen Brüder und Schwestern der Menschheitsfamilie werden.

Bereits Ambrosius, im vierten Jahrhundert Kirchenlehrer und Bischof von Mailand sagte: «Es ist nicht dein Gut, mit dem du dich gegen den Armen grosszügig weist. Du gibst ihm nur zurück, was ihm gehört. Denn du hast dir herausgenommen, was zu gemeinsamer Nutzung gegeben ist. Die Erde ist für alle da, nicht nur für die Reichen.»

Valerio Ciriello SJ

 

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