Erst recht engagiert für und mit Menschen: mehr dazu im Sommerheft der Zeitschrift JWW

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Kleiner Junge aus einem Slum in Rangun/Myanmar

Nach schwierigen Wochen hier bei uns sind wir am Justieren und Kalkulieren, was der Lockdown gekostet hat – und hoffen, dass wir von einer zweiten Covid-19-Welle verschont bleiben. Im globalen Süden breitet sich die erste Welle erst aus – und wie immer sie ausfällt: Die wirtschaftlichen Folgen treffen die Ärmsten in voller Wucht.

Die Stiftung Jesuiten weltweit JWW, Schweizer Hilfswerk der Jesuiten, fokussiert in der neuen Ausgabe ihrer Zeitschrift auf Myanmar, auf den fragilen Weg des 53-Millionen-Landes aus Armut und Diktatur sowie auf die Rohingya-Flüchtlinge, die in Bangladesch in Lagern um ihre Daseinsberechtigung kämpfen. In beiden Ländern sind Jesuiten vor Ort engagiert in Bildungs- und Hilfsprojekten, die von Schweizer Spenderinnen und Spendern unterstützt werden.

In der Sommerausgabe der Zeitschrift kommt auch die Konzernverantwortungsinitiative KOVI zur Sprache, die mehr Menschenrechte und Umweltschutz in der ganzen Produktionskette fordert – ein Gebot der Stunde für Papst Franziskus: Vor fünf Jahren richtete er mit Laudato si’ einen dringlichen Appell an die Welt, den er nun erneuert. Hier gelangen Sie zur Zeitschrift Jesuiten weltweit 2/2020.

Auf Seite 4-7 zu Myanmar: «Wenn der Corona-Sturm vorüber ist …»
Auf Seite 9 zur Flüchtlingssituation in Bangladesch: Rohingya müssen in Lagern ausharren
Auf Seite 10- 11 zu KOVI und Laudato si’: «Schrei der Erde, Schrei der Armen»

Den Auftakt macht Toni Kurmann SJ, verantwortlich fürs Hilfswerk JWW mit Gedanken zur Zeit:

Seit Wochen haben Nachrichten und Medienberichte fast nur noch ein Thema: Covid-19. Ende Juni, rund vier Monate nach dem ersten Corona-Fall in der Schweiz, beginnen wir in Europa, mit einer grösseren Distanz auf die erste Aufregung zurückzublicken. Für uns als ignatianisches Werk sind in dieser herausfordernden Zeit drei Fragekomplexe wichtig geworden: Wir suchen erstens angemessen zu analysieren, was diese Pandemie für unsere Partnerorganisationen und für uns selbst bedeutet – für Projektpartner wie zum Beispiel das Saint Aloysius Gonzaga Institute in Myanmar, ein College für 700 junge Frauen und Männer aus armen Verhältnissen (Seiten 4–7).

Als Werk der Gesellschaft Jesu ergibt sich die zweite Frage: Wie können wir in der Schweiz unsere weltweite Vernetzung nutzen, um den krisengeschüttelten Betroffenen zu helfen? Und drittens wollenwir aus den bisher gemachten Erfahrungen lernen, was für die zukünftige Zusammenarbeit mit unseren Projektpartnern wichtig ist.

Auch die Schweiz war ab Ende Februar aufgrund der hohen Infektionsraten in den internationalen Schlagzeilen. In der Folge wurden wir von unseren weltweiten Partnerorganisationen besorgt nach unserem Wohlergehen gefragt. Es ist ja üblicherweise unsere Rolle, ihnen den Rücken zu stärken und sie zu unterstützen.

Covid-19 hat sich global in nahezu allen Lebenssphären ausgewirkt; das Virus wird die Welt wohl auch über die ersten Lockdown-Phasen hinaus fordern. In den zugespitzten Debatten zwischen Politik und Wirtschaft wurden die Stimmen der Virologen und Naturwissenschafterinnen immer gewichtiger. Die Stimmen der Religionen waren in diesen Diskussionen kaum hörbar. Wenn, dann waren es eher Schlagzeilen provozierende negative Berichte, die etwa Covid-19 als eine Strafe Gottes beschrieben. Umso wichtiger ist es, dass wir als Kirchen Sprache finden, berichten von selbstverständlich geleisteter Nothilfe, von Seelsorge und Begleitung über welche Kanäle auch immer. Denn auch – oder erst recht in diesen bangen Wochen sind Kirchen und Orden wie der unsrige Menschen beigestanden. Christlich gesprochen geht es darum, uns den Anderen als Nächsten zu erweisen. Und wie immer haben wir die Bedeutung der gegenwärtigen und künftigen internationalen Solidaritätsarbeit betont. Not kennt weder Religion noch Konfession. Auch wir wollen im globalen Massstab hoffen und handeln. Der direkte Austausch mit unseren Projektpartnern vor Ort ist dabei zentral. Mit Partnerorganisationen vom Xavier Netzwerk in Australien, Kanada und Europa koordinieren wir seit März unsere Nothilfe. Dieses Virus wird uns noch länger beschäftigen. Im Unterschied zu früheren humanitären Krisen mit begrenzter geographischer Ausbreitung bewirkt Covid-19 überall auf der Welt Not. nötige Erfahrung. Hier vertrauen wir auf die eingespielte Arbeitsteilung: Die grossen, auch kirchlich geprägten humanitären Nothilfe-Organisationen haben grosse Sammelaktionen initiiert. Wir hoffen natürlich, dass sie in ihren Hilfsprogrammen auch unsere Projektpartner unterstützen.

Wenn uns nun auch Hilfsgesuche von bewährten Projektpartnern erreichen, wollen wir diese nach Kräften finanziell unterstützen. Dank der Leopold Bachmann-Stiftung, vielen Spontanspenden und einem uns anvertrauten Legat konnten wir bisher an Projektpartnern in Südasien Nothilfe ausrichten; konkret unterstützen wir arme Familien in Tamil Nadu und Andhra Pradesh/Indien sowie Tagelöhner in Sri Lanka, die durch den Lockdown betroffen sind. Und in New Delhi erhalten Flüchtlinge vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst Unterstützung.

Projektpartner stellen uns wiederholt die Frage, ob früher zugesagte Gelder in Covid-19-Nothilfe umgewandelt werden können. Auch in der zurzeit zweifelsohne schwierigen Situation gilt es, mit ihnen nachzudenken, wie die künftige Zusammenarbeit aussieht: wie bestehende Schulen weiterentwickelt werden und der Fortbestand von mehrjährigen Sozialprojekten sichergestellt bleibt. Vergessen wir nicht: Unsere Projektpartner waren schon vor Covid-19 vor Ort, und die Zusammenarbeit geht auch danach weiter.

Die weltwirtschaftlichen Konsequenzen sind noch nicht absehbar. Unvergessen bleiben mir die Bilder der indischen Wanderarbeiter, die von einem Tag auf den anderen ihren Verdienst verloren hatten und auf Gewaltmärschen nach Hause strömten, wo sie vor dem Nichts stehen. Und von Myanmar erreicht uns die Nachricht: «Für Millionen Menschen werden Hunger und Armut tödlicher sein als das Virus selbst» – Sinnbild dafür auf dem Titelbild der Junge aus einem Slum in Rangun. Die Folgekrisen werden uns herausfordern. Und auch dann sind wir da, bleiben wir Ansprechpartner.

Covid-19 verursacht starke Lernprozesse! Wie nie zuvor hat die Pandemie drastisch bewusst gemacht, wie sehr unsere Lebensbedingungen verbunden sind, wie stark wir voneinander abhängen. Die globalisierte Ökonomie und die hohe Mobilität haben Distanzen radikal verkürzt. Das gilt nun auch für das Risiko einer Infektion.

Mit unserer Vernetzung wissen wir um prekäre Lebensbedingungen anderswo. Je besser es uns als Hilfswerk gelingt, die Perspektive der Menschen in den unterstützten Projekten einzunehmen, je nachvollziehbarer wird ihre Not. Letztlich ist dieses biblisch untermauerte Empathie-Vermögen Prinzip und Auftrag des Jesuitenordens.

Dass sich auf einmal die Empfänger um die Geber kümmern, macht klar, wie verletzlich wir alle sind. Es war schon immer so, aber so bewusst wie zurzeit war es noch nie. Die Vulnerablen, das sind doch sonst die Menschen in den Projekten. Und nun sind es wir. Auch dies eine starke Lernerfahrung!

Und als Anmerkung: Wie auch bei unseren Partnern haben wir im Austausch mit unseren Spenderinnen, Gönnern, Freundinnen und Freunde während des Lockdowns über die Verbundenheit gestaunt, gerade durch die grossen christlichen Zeiten Fastenzeit, Karwoche, Ostern und Pfingsten. Allen herzlichen Dank und einen guten Sommer
P. Toni Kurmann SJ

 

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