...«dich erwarten im Verwehen und Vergehn»: mit Silja Walter durch den Advent

Advent

Wild geschoben,
laufen oben
Wolken
weiss und wirr.
Goldendürr
am Tulpenbaum
die Papageien-
kapseln tanzen,
und die wilden Enten
schreien
schon den ganzen
Tag wie irr.
Fenster zu, Geklirr.
Alles wird in Nebelfetzen
und in Pfützen
wegvertrieben.

Will im Schutz der Garten-
mauer
mich auf diesen
riesen-
runden
roten Kürbis setzen,
bei den abgeblühten
Silberlingen
dich erwarten
im Verwehen und Vergehn
der Welt
ein wenig singen
und dich kommen sehn.

Silja Walter

 

Als Benediktinerin im Kloster Fahr lebte Silja Walter an der Limmat. Die Flusslandschaft und die Wiesen, die Gewächse der Umgebung und die Pflanzen im Garten beleben ihre Poesie. Sie nimmt das stürmische-windige Wetter des Novembers wahr. Doch nicht die Vergänglichkeit der Natur, nicht die Endlichkeit prägt die erste Strophe des Adventsgedichts. Vielmehr offenbart das Spätherbstwetter etwas von Unruhe und Chaos, von Kampf und Unerlöstheit in der Natur: Die Wolken sind wirr, die Enten schreien wie irr und das Fenster erzeugt Geklirr. Alles wird weggetrieben, auch die golddürren Papageienkapseln des Tulpenbaums. Leise und doch aufdringlich klingt ein Schrei durch ihre Zeilen. Die Natur des beginnenden Winters gibt dem alten Aufschrei des Psalmisten aus der Tiefe, de profundis, einen Echoraum. 

Erst in der zweiten Gedichtstrophe kommen wir zur Erfahrung der Vergänglichkeit: Die Silberlinge sind abgeblüht, die ganze Welt vergeht und verweht. Doch da setzt sich das lyrische Ich auf eine Frucht. Gross muss diese sein. Sie ist übrig geblieben von der Ernte und bietet einen Ort der Ruhe. Auf dem Kübris sitzend kann gesungen werden, nicht bis zu den Frühlingsliedern, nicht bis die Natur wieder zu blühen beginnt. Das lyrische Ich singt, bis der rettende Heiland zu sehen ist, bis er kommt. Es ist in adventlicher Haltung, wie eine Nonne, die Psalmen betet: Rorate coeli, tauet Himmel den Gerechten! 

Christian Rutishauser SJ

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