«Ignatius, mein bester Coach»: Christian Rutishauser SJ zu seinem neuen Buch

«Freiheit kommt von innen – In der Lebensschule der Jesuiten»: So lautet der Titel von Christian M. Rutishausers neuem Werk. Zoom-Buchvernissage ist am Dienstag, 13. April im aki Zürich, 19 Uhr. Der Zoom-Link ist hier auf der entsprechenden Seite der Jesuitenbibliothek zu finden. 


Im Folgenden gibt der Schweizer Jesuiten-Provinzal Einblick ins Werk und berichtet von seinem eigenen Pilgerweg. 

Ihr neues Buch beschreibt den Weg des Menschen nach Ignatius von Loyola: Vom ambitionierten Heerführer wurde er zum Gründer des Jesuitenordens. Was kann uns Ignatius 500 Jahre später mitgeben? 
Christian Rutishauser SJ: Ignatius ist seinen Lebensweg exemplarisch gegangen – so radikal, dass wir den Weg als archetypisch erkennen. Doch statt von sich zu erzählen, schuf er das Übungsbuch Exercitia Spirituala. Ignatianische Spiritualität führt eben gerade nicht dazu, Vorbilder zu imitieren, vielmehr die je eigene, unverwechselbare Berufung über Selbsterkenntnis und Biografiearbeit zu finden. Sein Buch lehrt, auf uns selbst zu hören und zu versuchen, vor Gott den eigenen Lebensweg im Dienst von etwas Grösserem zu gehen. 

Ignatius‘ Zentrum war Gott. Was können Menschen, die mit dem traditionellen Gottesbild hadern, mit seinen Exerzitien anfangen?
Ignatius war ein Mystiker und führt in die tiefe Erfahrung der Transzendenz. Von da aus kann sich auch der moderne Mensch Gott wieder annähern. Die Mystik führt in die Beziehung zum ganz Anderen, von dem kein Bild gemacht werden kann. Sie öffnet mit der An- und auch Abwesenheit von Gott das Tor zur Sinndimension der eigenen Wirklichkeit. Religiöse Traditionen werden durch  solche Erfahrungen lebendig, und so hilft die Mystik auch religiösen Menschen, das Wesentliche neu zu erkennen.  

Der gereifte Ignatius verstand das Menschsein als Pilgerweg. Können wir überhaupt noch pilgern?  Der Boom des Jakobswegs zeigt das tiefe Bedürfnis des säkularen Menschen, auf einen spirituellen Ort hin unterwegs zu sein. Wenn auch traditionelle Formen der Religion schwinden: Im Pilgern drückt sich die Suche aus nach dem Letzten, das uns ausmacht. Der heutige Mensch ist oft ein gehetzter Nomade, getrieben von Erfolg, Reichtum, Gesundheit. Das Pilgern sagt: Lass dich von diesen Werten nicht in die Irre treiben. Sei in Bewegung auf die Werte hin, die dich nähren. Das macht frei.   

Sie sind vor zehn Jahren selber zu Fuss aufgebrochen und kamen nach sieben Monaten in Jerusalem an. Auch innerlich oder anders gefragt: Sind Sie noch unterwegs?  
Unterwegs bin ich nicht mehr nach, sondern von Jerusalem weg. Am letzten Tag in Jerusalem wollte ich in der Auferstehungskirche in den Gottesdienst. Doch ich irrte mich um eine Stunde – ich trat erst in die Kirche ein, als der Priester den Segen gab und sagte: „Geht hin in Frieden“. Ich wusste augenblicklich: „Das ist jetzt meine Aufgabe. Du bist von Jerusalem gesandt in die Welt.“ Das Pilgern besteht nicht nur zum Pilgerort hin, sondern auch von dort wieder zurück in den Alltag. 

Sie haben die Monate des Lockdowns genutzt, um sich noch einmal neu mit Ignatius zu befassen, in dessen Orden Sie mit 28 Jahren eintraten. Was verbindet Sie mit ihm? 
Die Sehnsucht nach innerer Freiheit, die er mit radikalem Hören, Horchen und Gehorchen gegenüber Gott allein ausdrückt. Die innere Freiheit entsteht dann, wenn ich auf den tiefsten Auftrag höre. Dann bin ich von allen oberflächlichen Ansprüchen frei und erhalte einen Kompass, diese Freiheit zu gestalten. Das braucht Mut – und Mut und Radikalität des Gottsuchers Ignatius fasziniert mich.

Was ist Ignatius für Sie? Vaterfigur, Leitfigur? 
Gute Frage. Ich habe ihn nie als Vater betrachtet. Auch Leitfigur trifft es nicht. Er ist ein echter Gottesmann, ein Pilger des Absoulten. In diesem Sinn  ist er für mich Coach. Der beste, den ich finden konnte. Interview Pia Seiler

 

 

«Freiheit kommt von innen»: Christian M. Rutishauser, Verlag Herder 2021. Buchvernissage: Di 13. April, aki, Hirschengraben 86 Zürich, 19 Uhr.

1521 wurde Ignatius in der Schlacht um Pamplona schwer verwundet. Nach der Genesung verbrachte er mehrere Monate in Manresa im Hinterland von Barcelona. Die Erfahrung von Stille und Gebet flossen in sein Exerzitienbuch Exercitia Spirituala. Zum 500-Jahr-Jubiläum zeigt Christian Rutishauser SJ die Aktualität dieser spirituellen Persönlichkeitsschulung.

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